Top-Story: 18.10.2006

Wir brauchen die »Digitale Cinec«

Der Verleiher Martin Ludwig, einer der HD-Vorreiter der Branche und Mitveranstalter der »Digitalen Cinematographie«, hat zur Zukunft der Produktionstechnikmessen in Deutschland eine klare Position: Aus seiner Sicht würden von einer Verschmelzung von Cinec und Digitaler Cinematographie alle profitieren: Besucher, Aussteller und Messeveranstalter. Und vielleicht könnte dieser Zusammenschluss als Keimzelle für Größeres dienen. www.film-tv-video.de hat mit Martin Ludwig über diese Idee gesprochen. (PDF-Download am Textende: druckfreundliches Layout, 4 Din-A4-Seiten, 400 kB.)

Mit der Filmtechnikmesse Cinec ging der Messe-Herbst für den technisch orientierten Teil der Branche zu Ende. Was bleibt, sind viele offene Fragen zur Messelandschaft in Deutschland. Die Photokina hat für die professionelle Produktions- und Postproduktionsszene schon lange keine Bedeutung mehr, die Funkausstellung ebenso wenig. Zwar gibt es noch ein paar kleinere, eher lokale Veranstaltungen und ein paar stärker medienpolitisch orientierte Ereignisse in der Branche, aber besonders für die Produktionsseite existieren eigentlich nur die filmzentrische Cinec und die kleinere Digitale Cinematographie: Das steht in keinem Verhältnis zur Größe des Kino- und TV-Produktionsmarktes in Deutschland. (Einen Bericht zur Cinec finden Sie hier, einen zur Digitalen Cinematographie hier.)

Da stellt sich durchaus die Frage, ob die deutschen Anwender tatsächlich immer nach Amsterdam und Las Vegas zur IBC und NAB reisen müssen, um sich über neue Entwicklungen zu informieren, oder ob es dazu nicht eine Alternative gibt. Ein Interview mit Martin Ludwig erläutert seine Position zu diesem Thema.

Mit dem Aufkommen digitaler HD-Kameras veränderte sich die Produktions- und Postproduktionslandschaft deutlich. Sie haben auf den wachsenden Informationsbedarf der Branche damals mit der Veranstaltung »Digitale Cinematographie« reagiert. Können Sie die ursprüngliche Idee dieses Events nochmals erläutern?

Martin Ludwig: Als die ersten HD-Camcorder verfügbar wurden, haben der Ludwig Kameraverleih, Videocation und Taurus Media Technik unter dem Sony-Motto »See the reality« eine erste Informationsveranstaltung zum Thema HD gemacht. Wir wollten damals HD-Bilder zeigen, weil wir glaubten, dass man HD sehen muss, um über diese Technik reden zu können.

Im Jahr darauf haben wir dann bei uns im Haus eine ähnliche Veranstaltung zum Thema HD ausgerichtet, aber so eine Hausmesse ist per se immer sehr limitiert: Ich kann hier zwar meine Kameras aufbauen, aber viele kennen die Technik schon, und die, die sie nicht kennen, machen vielleicht große Augen, aber das war’s dann auch. Wir haben bei uns im Haus auch nicht die Möglichkeit, HD-Material so zu präsentieren, wie wir es möchten, und das ist eigentlich unabdingbar, wenn man über HD redet.

Aus diesen Erfahrungen heraus ist die Digitale Cinematographie entstanden, die wir gemeinsam mit den Partnern Gerhard Baier von Band Pro Munich und Martin Kreitl initiiert haben. Diese Veranstaltung ist viel mehr als eine Hausmesse, denn sie bietet Workshops, zeigt aber gleichzeitig auch Geräte, und schafft eine offene Plattform um sich sehr praxisorientiert austauschen.

Die Digitale Cinematographie war eigentlich fast ein Selbstläufer, denn wir hatten von Anfang an einige wichtige Hersteller im Boot und konnten den Leuten die Möglichkeit geben, sowohl HD-Technik als auch HD-Produktionen in Screenings zu sehen. Diese Kombination aus Technik, Präsentation und Workshops kam bei den Leuten sehr gut an, genauso wie auch der Zeitpunkt des Events während des Filmfests. Darin liegt letztendlich eine große Chance: innerhalb des Zeitfensters des Filmfestes zwischen der NAB und der IBC Leute zusammen zu bringen, die sich fortbilden, die Filme sehen oder einfach nur andere aus der Branche treffen wollen.

Jetzt sind wir mit der Veranstaltung allerdings an einem Punkt angekommen, wo wir sie für die Etablierung von HD nicht mehr brauchen, denn HD ist da, ist im Markt angekommen. Wir überlegen daher, wie die Zukunft der Digitalen Cinematographie aussehen kann und in welche Richtung wir uns bewegen möchten. Natürlich hilft uns der Markt, weil es immer wieder neue Entwicklungen gibt, die Besucher anlocken, weil sie mehr erfahren wollen – sei es bandlose Akquisition mit P2 oder XDCAM oder sei es digitale Aufzeichnung mit der Red-Kamera. Die Fragen, wie man mit den neuen Formaten umgeht und welche Maschinen und welche Postproduktionsmöglichkeiten es dafür gibt, wird es immer geben. Dazu kommt, dass die Hersteller in der Regel nicht in der Lage dazu sind, übergreifend zu informieren. Sony, Avid oder Panasonic veranstalten zwar ihre Roadshows, aber dort kann sich der Besucher eben immer nur über die Produkte dieses einen Herstellers und seiner Partner informieren. Der Marktüberblick fehlt. Bei der Digitalen Cinematographie haben wir dagegen den Anspruch, eine HDCAM genauso zu zeigen wie eine P2-Kamera oder eine Viper und auch eine Red One. Das entspricht viel eher dem Charakter einer Messe.

Während sich die Digitale Cinematographie mit der digitalen Seite der Produktion beschäftigt, setzt die Cinec weit überwiegend auf ganz klassische Filmtechnik. In der Realität gibt es zwischen diesen Bereichen jedoch immer mehr Überschneidungen, und nicht wenige Stimmen wünschen sich daher eine Ausweitung der Cinec hin zur digitalen Produktion und Postproduktion. Sie haben diesen Gedanken aufgegriffen und eine gemeinsame Veranstaltung von Cinec und Digitaler Cinematographie ins Spiel gebracht. Wo sehen Sie hier Potenzial?

Martin Ludwig: Alles, was die Cinec im Bereich »Digital« macht, geht grottenschief. Die Cinec kann zwar wunderbar solche Firmen wie Arri, Lichttechnik und P+S Technik zusammenbringen — die ganze Bandbreite von Filmgeräteherstellern eben. Und sie kann auch Awards verleihen. Aber die Cinec versteht es nicht, die digitale Seite der Produktion und Postproduktion abzudecken und ein vernünftiges Rahmenprogramm zu veranstalten, das Ganze entsprechend zu platzieren und auch kundzutun. Hier sehe ich ganz klare Defizite der Cinec.

Das mache ich dem Veranstalter gar nicht zum Vorwurf, die machen in erster Linie eine Messe und keinen Kongress. Aber es wäre eben schöner und vor allem sinnvoller, wenn es zusätzlich auch einen guten Konferenz-Part gäbe. Die Digitale Cinematographie hat viel eher diesen Konferenz- und dafür weniger den Messecharakter.

Die Cinec tut einfach zu wenig für das Rahmenprogramm, auch seitens der PR gibt es große Defizite, und ich denke, dass sich der Cinec-Veranstalter einfach die Fachleute einkaufen sollte, die in der Lage sind, für die Cinec ein gutes Rahmenprogramm auf die Beine zu stellen. Das hat der Veranstalter bisher nicht getan, und entsprechend sieht das Ergebnis aus. Es fehlt einfach an den Fachleuten, aber auch am Willen, ein gutes Rahmenprogramm auf die Beine zu stellen. Das ist natürlich aufwändig, aber machbar — bei der Digitalen Cinematographie schaffen wir das ja auch.

Wie könnte denn eine Kombination aus Cinec und digitaler Cinematographie aussehen?

Martin Ludwig: Die Cinec ist eine profitorientierte Messe. Das ist die Digitale Cinematographie nicht. Daher lassen sich die beiden Events nicht so einfach zusammenwerfen – zumindest nicht ohne vorherige Diskussionen und ein schlüssiges Konzept. Aber inhaltlich passen die beiden Veranstaltungen sehr gut zusammen. Letztendlich muss sich die Fördergemeinschaft Filmtechnik in Bayern — die hinter der Cinec steht und der ich ja auch angehöre — entscheiden, was sie eigentlich will und wo die Cinec hin soll.

Auch beim Termin und Turnus der Cinec gibt es Diskussionsbedarf, denn wenn man wirklich etwas erreichen möchte, müsste man sehr schnell auf einen Jahresrhythmus umschwenken und den Messetermin von September auf Juni verschieben. Auch über die Länge der Messe müsste man sprechen. Bei der Cinec gibt es ja durchaus Stimmen, die für eine Verlängerung der Messe plädieren und die sagen, dass ein vierter Tag durchaus Sinn ergeben würde. Wenn die Messe von Freitag bis Montag dauern würde, könnte beispielsweise am Wochenende das Rahmenprogramm der Digitalen Cinematographie stattfinden. Aber bevor man solche Details diskutiert, muss zunächst einmal die Bereitschaft auf beiden Seiten da sein, einen gemeinsamen Event daraus zu machen — das ist der entscheidende Punkt.

Aber Sie als Mitveranstalter der Digitalen Cinematographie haben die Bereitschaft, zusammen mit der Cinec eine gemeinsame Veranstaltung auszurichten?

Martin Ludwig: Ja. Und wir haben uns intern, also mit Band Pro und Martin Kreitl, auch schon darauf verständigt. Wir denken, dass sich der Juni, also der Zeitraum während des Filmfests, für eine gemeinsame Veranstaltung sehr gut eignen würde, weil man zwischen Digitaler Cinematographie und Filmfest durchaus Befruchtung vermutet, auch wenn man sie nicht nachweisen kann. Juni ist auch deshalb sinnvoll, weil das die Post-NAB-Zeit ist. Letztlich ist ja auch die IBC nichts anderes als eine Post-NAB, denn wenig, was bei der IBC neu ist, gab es nicht schon bei der NAB zu sehen. Lediglich Firmen wie Sony können es sich noch erlauben und schaffen es, auch bei der IBC etwas Neues zu zeigen. Aber Juni ist auf jeden Fall sehr sinnvoll. Danach sind die Sommerferien, dann folgt die IBC — und wie bisher im Anschluss daran die Cinec zu veranstalten, ist einfach mörderisch für die ausstellenden Firmen und letztlich auch für die Besucher.

Und als passenden Messeort schlagen Sie die neue Messe München vor?

Martin Ludwig: Ja, denn das Hauptproblem des MOC besteht darin, dass dort das Rahmenprogramm nicht richtig stattfinden kann. Machen wir uns nichts vor: Wenn man auf einer Filmtechnikmesse keine Möglichkeit hat, richtig Filme vorzuführen, dann läuft einfach etwas schief. Natürlich wird die Messe auch wieder teurer, wenn sie in den Messehallen in München anstelle des MOC stattfindet, aber das MOC kann einfach nicht die passenden Räumlichkeiten bieten.

Es gab übrigens auch schon Gespräche mit der Stadt München, und die Stadt würde eine größere Filmmesse auf dem Gelände der Messe München eventuell unterstützen, wenn davon auch der Standort profitiert. Wenn man früh genug mit der Planung anfängt, alles durchdiskutiert und einmal durchrechnet, dann wird man sehr schnell sehen, ob das so funktioniert oder nicht. Aber das ist ja bisher noch nicht passiert — sollte aber dringend stattfinden.

Sie plädieren bei einer Kombination aus Cinec und Digitaler Cinematographie für eine Verlängerung der Messedauer. Aber man kann doch auch argumentieren, dass die Cinec eigentlich eher zu lange ist, wenn man sich anschaut, wie viele Besucher am Montag, dem letzten Messetag, noch vor Ort waren. Vielleicht ist die Digitale Cinematographie auch gerade deshalb so erfolgreich, weil sie ihre Inhalte sehr komprimiert an nur einem Tag bietet?

Martin Ludwig: Das ist richtig, aber es gibt auch bei der Digitalen Cinematographie Bestrebungen, die Veranstaltung um einen Tag zu verlängern. Manche Aussteller sagen, dass sich der Aufwand für nur einen Tag nicht lohne und dass zwei Tage Veranstaltung besser wären. Aber bezogen auf die Cinec denke ich, dass die Messe auf keinen Fall kürzer, sondern eher länger werden sollte — vorausgesetzt, sie wird um ein gutes Rahmenprogramm erweitert. Ich bin hier aber nicht festgelegt, sondern denke, dass all jene, die an einem neuen Konzept teilhaben möchten, sich besprechen und dieses Themen diskutieren müssten. Sicher muss man sich dazu zurückziehen und vielleicht auch die Besucher und Aussteller nochmals befragen. Aber wenn man daran interessiert ist, einen Weg zu finden, dann wird man ihn sicher auch finden.

Wie könnte sich die »Digitale Cinec« gegenüber der IBC positionieren?

Martin Ludwig: Eine Neuausrichtung der Cinec könnte dazu führen, dass der eine oder andere Hersteller vielleicht sogar eher hierher fährt statt zur IBC nach Amsterdam, denn die IBC ist sowieso viel zu teuer geworden. Letztendlich ist die Cinec ja nichts anderes als die Halle 11 der IBC, und es gibt sicher viele IBC-Besucher, die nur wegen der Neuheiten aus dieser Halle nach Amsterdam fahren und die den ganzen anderen Kram gar nicht benötigen.

Ich sehe hier eine große Chance. Das ist für mich das Verblüffende und gleichzeitig auch das Frustrierende, denn eigentlich wäre das auch eine große Chance für den Standort München: Es gibt ein tolles Messegelände hier, es gibt eine Filmhalle, es gibt also alles, was wir brauchen.

Aus inhaltlicher Sicht könnte eine Verschmelzung ebenfalls sehr viele Möglichkeiten bieten und letztlich auch mehr Publikum anziehen. An den Schnittstellen zwischen digitaler Akquisition und Postproduktion treten erfahrungsgemäß doch die meisten Probleme auf. Hier Lösungen und Hilfe zu bieten, könnte ein echtes Alleinstellungsmerkmal für die Messe werden.

Martin Ludwig: Das ist richtig, und von einer Messe wie der Cinec erwarte ich eigentlich, dass sie solche Fragen beantworten kann – und zwar nicht über die Aussteller, sondern mit einem interessante Rahmenprogramm. Die Referenten, die solche Themen abhandeln können, die gibt es ja, und den Bedarf solcher Veranstaltungen gibt es auch — nach wie vor. Aber man muss es halt wollen. Das einzige Problem, das ich nachvollziehen kann, ist die thematische Abgrenzung: wenn man im Rahmenprogramm beispielsweise noch HDV mit abhandeln möchte, dann wird es richtig aufwändig, denn da gibt es viele ungeklärte Fragen und auch viel Frustration bei den Anwendern.

Aber HDV ist eben ein Riesenthema. Letztlich gab es ja auch bei der Cinec zahlreiche Anbieter, die Equipment und Zubehör für HDV präsentierten, vielleicht auch deshalb, weil die erfolgreichen Filmemacher von morgen heute mit HDV ihre ersten Erfahrungen sammeln.

Martin Ludwig: Ich finde diese Entwicklung ja auch gar nicht so schlecht, aber die Produktion in HDV treibt teilweise absurde Blüten und es gibt hier sehr viel Aufklärungsbedarf, wenn man Enttäuschungen vermeiden möchte.

Noch eine letzte Frage: Könnte diese neue Messe auch die Plattform für einen Workshop sein, wie ihn etwa Nordmedia jährlich mit seinen HD-Tagen ausrichtet?

Martin Ludwig: Natürlich. Wenn wir es schaffen könnten, bei einer »Digitalen Cinec« auch Schulungs-Workshops zu veranstalten, kämen allein deshalb noch weitere Besucher, und es würde auch den Wert der Veranstaltung heben, wenn beispielsweise ein bekannter Kameramann einen Workshop hält. Der Bedarf für eine »Digitale Cinec« mit den Bestandteilen Filmtechnik, Digitaltechnik, Workshops und HD-Präsentationen ist auf jeden Fall da — die Frage ist nur, was wir daraus machen und ob wir diese Chance für eine gemeinsame Veranstaltung nutzen wollen.

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Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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