Kommentar, Messe, Top-Story: 22.09.2006

Blick in die Zukunft?

Vom 16. bis 18. September 2006 fand in München zum sechsten Mal die Cinec statt, eine Messe, die den Untertitel »Internationale Fachmesse für Filmtechnik, Postproduktion und Veranstaltungstechnik« trägt. Der »ideelle Träger« ist die Fördergemeinschaft Filmtechnik Bayern e.V., organisiert wird die Messe von der Albrecht Gesellschaft für Fachausstellungen und Kongresse mbH. Ein Hintergrundbericht und Kommentar zu Stärken, Schwächen und möglichen Perspektiven der Veranstaltung. (Eine druckfreundliche Version mit Zusatzinfos steht als PDF mit 5 Din-A4-Seiten und 580 kB Umfang zum Download bereit: Klicken Sie dazu bitte am Artikelende auf die Dateibezeichnung.)

Die Cinec hat teilweise den Ruf, so etwas wie eine erweiterte Hausmesse von Arri zu sein und/oder ein Clubtreffen von Leuten, die lieber unter sich bleiben wollen. Das liegt an den hinter der Messe stehenden, von Arri dominierten, eingefahrenen Strukturen (siehe Kasten in der PDF-Version dieses Artikels) und daran, dass Arri nun mal in München der Platzhirsch im Filmbereich ist.

Aber selbst mit dieser sehr skeptischen Einschätzung der Cinec haben etliche Unternehmen verstanden, dass es durchaus sinn- und reizvoll ist, zur Cinec zu gehen und damit sozusagen auf der Hausmesse von Arri auszustellen. Man tut aber — und das sei ganz deutlich gesagt — der Cinec unrecht, wenn man sie so beurteilt, denn sie hat sich weiterentwickelt. Vielleicht (noch) nicht so weit, wie man sich das vorstellen könnte, aber es hat sich etwas getan.

Derzeit führt die Messeleitung nach eigenen Angaben bei den Ausstellern der diesjährigen Veranstaltung Umfragen mit dem Ziel durch, daraus auch Rückschlüsse für eventuelle Veränderungen ziehen zu können. Ob das zu konkreten Auswirkungen führt, muss man abwarten — ganz sicher wäre es aber auch sinnvoll und aufschlussreich, zu recherchieren weshalb mancher potenzielle Aussteller nicht kam. Die wesentlichen Kritikpunkte und Veränderungsvorschläge sind dabei im Grunde schon seit längerem immer die gleichen.

Einer davon: Die Cinec ist relativ einseitig in Richtung Filmtechnik orientiert, mit engem Fokus auf Kameras und Kamerazubehör. Prinzipiell sind ein enger Fokus und ein klares Profil für eine Messe sicher kein Nachteil, wenn man etwa die immer weiter aufgeblähten Megamessen NAB und IBC betrachtet. Aber all zu schmal sollte der Ausschnitt eben auch nicht sein, sonst geht er an der Praxis vorbei.

Die Praxis sieht aber heute so aus, dass sich nur noch sehr wenige Anwender ausschließlich mit Film befassen können, selbst wenn sie das gerne würden. HD und Datenformate sind in der Realität schon so weit in den Markt vorgedrungen, dass selbst eingefleischte Filmverfechter meist nicht mehr umhin können, sich damit zu beschäftigen. Bestes Beispiel für die veränderte Marktsituation ist Arri, der größte Aussteller und stärkste Mitinitiator der Cinec. Zwar stellte Arri in den vergangenen Jahren eine neue 35-mm- und eine neue 16-mm-Kamera vor, hat aber auch die digitale Kamera D 20 zur Marktreife entwickelt. Außerdem ist Arri als Betreiber zweier Lustre-Suiten (Meldung hierzu) auch einer der Vorreiter beim Thema Digital Intermediate und digitalem Color Grading. Zudem hat das Unternehmen einen Filmrecorder und einen Scanner im Angebot. Ergibt es da noch Sinn, eine Trennlinie zu ziehen, wo es in Wahrheit längst keine mehr gibt?

Auch auf der Anwenderseite nimmt die Zahl derer, die neben Film auch digitale Kameras, HD-Equipment und sogar Kameras aus dem Consumer-Bereich einsetzen, um fürs Kino zu drehen, immer mehr zu. Nur wenige sind in der Position, sich den neuen Aufnahmeformaten verweigern zu können — selbst wenn sie stichhaltige Argumente dafür haben, lieber auf Film arbeiten zu wollen.

Ein weiterer Aspekt liegt darin, dass Produktion und Postproduktion immer enger zusammenwachsen. Das lässt sich an vielen Stellen beobachten, deutlich wird es etwa auch am Beispiel von Kodak: Natürlich will dieser Hersteller weiter Filmmaterial verkaufen und stellt in diesem Bereich weiterhin Neuheiten vor. Aber gleichzeitig entwickelt Kodak eben auch Produkte wie seine LookManager-Software weiter, mit der sich die Brücke zwischen Pre-Production und Prävisualisierung einerseits und der Postproduktion andererseits schlagen lässt. Auch gibt es von Kodak einen »Scan«-Film, der für die Abtastung und digitale Verarbeitung optimiert wurde und dem der »Look« eines bestimmten Kodak-Filmmaterials nachträglich auf der digitalen Ebene verpasst werden kann.

Das alles schreit nach einer Öffnung der Cinec in Richtung elektronischer Aufnahmesysteme und in Richtung Postproduction. Letzteres führt die Messe ohnehin schon im Untertitel, allerdings weitgehend ohne praktische Folgen: Keiner der renommierten Postproduction-Anbieter war bei der Cinec 2006 selbst vertreten, durch vereinzelte Postproduction-Stände wie etwa den des Händlers DVE und den des Service-Anbieters DigiSite war der Bereich Postproduction zwar präsent, aber insgesamt massiv unterrepräsentiert.

Eine Cinetechnikmesse ohne Avid, Autodesk, Quantel, — um nur einige zu nennen — aber auch ohne die Hersteller Sony, Panasonic, JVC, Grass Valley, Dalsa und Red Digital Cinema, ist nicht auf der Höhe der Zeit und bleibt letztlich realitätsfern — oder eben eine relativ schmal begrenzte Filmkamera- und Grip-Veranstaltung, also eine filmzentrierte Variante dessen, was man im angelsächsischen Raum als »Production Show« umreißt.

Ein weiterer Kritikpunkt betrifft den Veranstaltungsort, das MOC in München. Eigentlich kein schlechter Ort für kleinere Messen, ist das MOC aber für die Cinec letztlich gänzlich ungeeignet: Einen Großteil der Cinec-Ausstellungsfläche belegen nämlich Kamerakran- und Jib-Hersteller, und leider sind die Hallen des MOC viel zu niedrig, um die Prunkstücke von deren Equipment vernünftig demonstrieren zu können. Deshalb werden die größten Kräne während der Cinec im Freien aufgebaut, was in diesem Jahr kein größeres Problem war, weil das Wetter mitspielte, aber insgesamt ganz sicher keine ideale Lösung darstellt. Ein Umzug in eine höhere Halle wäre ganz sicher ein Gewinn.

Bleiben noch zeitliche Aspekte: Termin, Turnus und Dauer der Cinec. Auch hier sehen etliche Besucher, Aussteller und Interessenten Diskussionsbedarf. Eine Woche nach der IBC und von Samstag bis Montag während des Münchner Oktoberfestes — in diesem Zeitfenster findet die Cinec bisher alle zwei Jahre statt.

Argumente für diesen Termin lassen sich leicht finden: Das Oktoberfest wirkt als zusätzliche Attraktion, besonders für internationale Gäste. Zudem: Wer von Übersee schon zur IBC nach Amsterdam angereist ist, der bleibt vielleicht auch noch vier weitere Tage in der alten Welt und kommt zur Cinec.

Ebenso leicht können aber gewichtige Gegenargumente gefunden werden: So kurz nach der IBC können und wollen viele potenzielle Aussteller nicht an einer weiteren Messe teilnehmen. Die Mitarbeiter sind nach der IBC ausgelaugt, die während der IBC unerledigte Arbeit stapelt sich auf den Schreibtischen und in den Mailboxen. Der logistische Aufwand, das Equipment und eine adäquate Standausstattung von Amsterdam nach München zu schaffen, ist auch nicht zu unterschätzen. Außerdem erreichen die Aussteller in Amsterdam recht viele Kunden, die dann sicher nicht wenige Tage später auch noch nach München kommen — IBC und Cinec kannibalisieren sich aus der Sicht nicht weniger Aussteller gegenseitig. Problematisch ist beim derzeitigen Termin natürlich auch die Hotelsuche für Standmannschaften wie Besucher, denn während des Oktoberfests herrscht in München Hochsaison, wodurch es weder leichter noch günstiger wird, eine Unterkunft zu finden.

Besser und viel versprechender wäre es vielleicht, die Cinec in der weiter oben angeregten, geöffneten und erweiterten Form zwischen der NAB und der IBC zu platzieren, sie somit auch als europäische »Post-NAB«-Plattform zu positionieren. Dann könnte man hier viele Neuheiten der NAB erstmals in Europa präsentieren, was sicher mehr Besucher anziehen würde als bisher. Mit dieser Terminänderung wäre dann natürlich auch ein jährlicher Turnus sinnvoll — ganz besonders, wenn mehr Postproduction und Digitaltechnik die Cinec bereichern würden, weil dort die Entwicklungszyklen kürzer sind.

Fast jeder, der den sehr ruhigen Montag der Cinec schon einmal miterlebt hat, dürfte dabei auch mal auf den Gedanken gekommen sein, dass man die Messe leicht um einen ganzen oder halben Tag kürzen könnte. Klares Indiz: Trotz offiziellem Messeschluss um 17 Uhr waren am Messemontag auch in diesem Jahr am einen oder anderen Stand schon ab 15 Uhr erste Abbauarbeiten im Gange, ab 16 Uhr konnte man vereinzelt Akkuschrauber hören und um 16:30 brach der Damm dann endgültig — da störten die spärlichen verblieben, versprengten Besucher eigentlich nur noch den raschen Abtransport der Standausstattungen.

Es ist für die Cinec ganz zweifellos sinnvoll, einen Wochentag und mindestens einen Teil des Wochenendes zu kombinieren — aber zwei oder zweieinhalb Ausstellungstage würden ganz sicher ausreichen und keine nennenswerten Einbußen bei den Besucherzahlen nach sich ziehen.

Apropos Besucherzahlen: Mit 3561 Besuchern konnte die Cinec 2006 einen moderaten Zuwachs gegenüber 2004 verbuchen, als 3478 gekommen waren. Die Besucher der Cinec 2006 konnten die Angebote von 141 Ausstellern in Augenschein nehmen (jeweils offizielle Veranstalterangaben). Das sind keineswegs schlechte Zahlen, aber das Potenzial ist noch deutlich größer.

Das zeigte etwa die effizienter aufgezogene und auf den Digitalbereich beschränkte »Digitale Cinematographie«, bei der 32 Aussteller im Zusammenspiel mit Screenings und Vorträgen an nur einem Veranstaltungstag rund 500 Besucher nach München lockten. Der Messebesucherindex (MBI) — ein von der Redaktion erdachter Vergleichswert mit dem Prinzip »je höher desto besser« — erreicht bei der Cinec 2006 den Wert 8 (3561 Besucher für 141 Aussteller auf drei Tage verteilt), bei der diesjährigen Digitalen Cinematographie war er rund doppelt so hoch (500 Besucher, 32 Aussteller, 1 Tag), obwohl es dort in diesem Veranstaltungsjahr ebenfalls Anlass zur Kritik gab (siehe Meldung hierzu). Zum Vergleich: die IBC2006 erreichte knapp den MBI 9.

Da ist der Gedanke naheliegend, die beiden bislang separaten Münchener Veranstaltungen zu kombinieren und das Beste beider Welten in puncto Ausstellung und Beiprogramm zu verbinden — davon könnten definitiv beide profitieren. Mehr Besucher, eine interessantere Themenkombination, ein breiter angelegtes Vortragsprogramm wären höchstwahrscheinlich das Ergebnis. Für die Branche könnte das einen echten Gewinn darstellen.

Wie sieht also die ideale, moderne Cinec aus? Jährlich zwei Tage zwischen NAB und IBC, mit klarem Fokus auf den Cine-Bereich unter Einbeziehung von Film und digitalen Medien. Eine Messe, die den gesamten Workflow von Preproduction über Produktion bis Postproduction zeitgemäß abbildet.

Das wird wahrscheinlich ein Wunschtraum bleiben, aber man kann sich ja seine Gedanken machen.

Downloads zum Artikel:

T_0906_Cinec.pdf

Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller
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