Editorial, Kommentar, Top-Story: 11.03.2008

Internet-Video: Was ist das eigentlich?

Nutzen Sie YouTube, MyVideo oder Clipfish? Schauen Sie ab und zu in die Online-Mediatheken der Fernsehsender? Dann sind Sie nicht allein, denn die Online-Nutzung von Bewegtbild-Clips im Web wächst rasant: Heute werden täglich rund 100 Millionen Beiträge bei YouTube abgerufen und 100.000 neue hochgeladen. Das sagt zumindest eine gemeinsame Studie des TV-Vermarkters SevenOne Media und des Beratungsunternehmens Accenture.

Diese Zahlen sind ziemlich beeindruckend, vor allem wenn man bedenkt, dass YouTube vor zwei, drei Jahren noch ein Freak-Thema war und die Mehrzahl der Internet-Nutzer davon noch gar nichts gehört hatte.

Wie ist der enorme Erfolg der Videoportale zu erklären, und was bedeutet er für die Fernsehwelt? Glaubt man der Studie, tragen vor allem Jugendliche im Alter zwischen 14 und 19 Jahren zur immensen Nutzerzahl der Videoportale bei. Die Intensität der Nutzung nimmt mit zunehmendem Alter zwar ab, aber laut Studie greift immerhin schon mehr als ein Drittel der 40- bis 49jährigen gelegentlich auf Videoportale zu: Welches andere Medium hat es in so kurzer Zeit geschafft, sich auch in »kritischeren«, älteren Zielgruppen zu etablieren?

Laut Studie bringt der Wunsch, »sich selbstbestimmt unterhalten zu wollen«, die Nutzer zu den Videoportalen. Diese harmlose Aussage rüttelt an den Grundfesten des TV-Konsums und stellt letztlich das etablierte Fernsehsystem in Frage.

Dabei ist wichtig: Es geht hier nicht um Triple Play, also die Verteilung von Fernsehprogrammen über Telefonleitungen. Bei Triple Play kommt zwar beim Endkunden das Fernsehprogramm aus der gleichen Dose, die auch den Zugang zum Internet eröffnet, aber letztlich steckt bei den Providern eine ganz andere Infrastruktur dahinter. Über diese Infrastruktur könnte man auch Video-on-Demand in hoher Qualität anbieten, bis hin zu Spielfilmen in HD. Damit ließe sich ebenfalls der Wunsch nach »selbstbestimmter Unterhaltung« mit Bewegtbildern erfüllen. Allerdings hakt es hier an vielen Punkten — am stärksten aber wahrscheinlich daran, dass niemand den Endkunden erklärt hat, dass das wirklich funktioniert, weil eben die Limitationen des normalen Web-Betriebs hier nicht oder nur eingeschränkt gelten. Statt die Basics klar zu machen, wird aber mit unscharfem Marketing-Gesülze mehr Verwirrung gestiftet, als den Endkunden eine Alternative aufzuzeigen. Die Videoportale hingegen sind ganz einfach zu begreifen: Sie nutzen die ganz normale Web-Infrastruktur, mit allen Nachteilen — aber sie erfreuen sich dennoch großer Beliebtheit.

Ein Reiz der Portale liegt ganz sicher auch darin, dass sich die üblichen Web-Nutzungsmuster anwenden lassen: Wer etwa die Mondfinsternis oder die Sprengung des Agfa-Hochhauses in München verpasst hat, wer Infos über ganz besondere Libellen sucht oder sich mit einem kurzen Lacher zwischendurch aufheitern will, der wird bei den Videoportalen fündig.

Die »virale« Verbreitung ist ein weiterer Aspekt, der den Videoportalen in die Hände spielt: Wer einen DSL-Anschluss hat, wird früher oder später die Video-Link-Tips von Freunden und Bekannten nutzen — ein Thema, das natürlich auch die Werbewirtschaft spannend findet.

Welche Folgen könnte das haben? Die eingangs zitierte Studie geht dieser Frage nach: »Videoportale bieten den Unterhaltungs-Snack für zwischendurch. Durch ihre Nutzung wird die Mediennutzungszeit insgesamt leicht ansteigen«, folgert Veit Siegenheim, Geschäftsführer Media&Entertainment bei Accenture und gibt damit teilweise Entwarnung für die TV-Sender. Das kann man aber auch anders sehen.

Interessant ist zwar, dass einige US-Sender mit Werbeclips auf YouTube ihre Einschaltquoten steigern konnten. Aber auch wenn die Videoportale von der Bildqualität her sicher noch lange nicht mit dem Fernsehen konkurrieren können, werden mit Sicherheit immer mehr interessante Zielgruppen immer mehr Zeit mit Videoportalen verbringen und in dieser Zeit nicht im klassischen Sinn fernsehen — gleichgültig, ob das TV-Programm per Antenne, Satellit oder Triple Play ins Haus kommt. Ist dies die Stunde für Video-on-Demand?

Sie werden sehen.

Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller
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