Editorial, Kommentar, Top-Story: 15.04.2008

Chancen fürs Kino: 3D

Es klingt wie ein Orchideenthema aber es hat sich während der vergangenen Messen immer weiter auf der Agenda virulenter Themen nach oben gearbeitet: Stereo- oder 3D-Kino. Tatsächlich bewegt man sich hier zumindest derzeit noch in einer kleinen Nische, die aber durch jüngere Kassenerfolge von 3D-Produktionen im Kino immer mehr Zuspruch findet und Aufmerksamkeit erregt. Wenn man den enthusiastischen Prognosen glauben darf, geht die 3D-Technologie jetzt in eine neue Runde, die sie dem Zuschauer deutlich näher bringt als je zuvor. Zwar ist die Projektion von 3D-Filmen nicht gerade neu, sie lässt sich aber im Zeitalter von Digital Cinema auf der Vorführseite einfacher umsetzen als je zuvor.

Nun ist also verstärkt die Produktion und Postproduktion gefordert, die unangenehmen Nebeneffekte schlechter 3D-Umsetzung beim Zuschauer zu vermeiden, wie etwa Schwindel und Kopfschmerzen. Dann, so prognostizieren etliche Hollywood-Produzenten, werden 3D-Filme innerhalb der nächsten Dekade im Kino eine wichtige Rolle spielen oder vielleicht sogar den Großteil des Angebots ausmachen.

Was ist anders im Vergleich zu früher? Zum einen gibt es in der Akquisition mehr Digitalkameras und mehr Möglichkeiten, stereoskopisch aufzuzeichnen. Zum anderen sind jetzt auch mehr Schnitt- und Grading-Systeme in der Lage, 3D-Material komfortabel zu bearbeiten. Das war bisher aufgrund der Datenmengen nicht oder nur erschwert möglich, denn schließlich muss die doppelte Menge an Bild- und Tondaten bearbeitet und synchronisiert werden, da bei den gängigen 3D-Systemen vereinfacht gesagt ein Bild fürs linke und eins fürs rechte Auge produziert und dem jeweiligen Auge zugeführt wird. Im Gehirn entsteht dann ein 3D-Bild.

Der wichtigste Beschleuniger für die Produktion von 3D-Filmen ist derzeit aber sicher die Postproduktion. Man fragt sich natürlich, weshalb die Bearbeitung der doppelten Bildmenge, wie sie bei 3D anfällt, nun in der Postproduktion plötzlich möglich wird? Das liegt nicht nur an Hardware der Systeme, die immer weiter entwickelt wird. Wichtiger dürfte eine andere Tendenz sein: Viele Postproduction-Systeme lagern immer mehr Jobs auf die leistungsstarken GPUs aus, also auf die Grafiprozessoren aus — und werden auf diese Weise selbst leistungsfähiger. Zum anderen nutzen die Hersteller verstärkt Raw-Daten-Workflows, was in der Post deutlich weniger Speicherkapazität erfordert als das Arbeiten mit RGB-Daten. Iridas etwa setzt konsequent auf diesen Weg und ist mit seinem System in der Lage, Raw-File-Formate in Echtzeit wiederzugeben.

Ein weiterer Effekt jenseits der Technik begünstigt die 3D-Entwicklung ebenfalls: Die Phase der typischen Eventkino-3D-Filme geht zu Ende. 3D ist mittlerweile auch ein Thema für ganz normale Spielfilme, für Musikfilme wie »U2 3D« oder »Hannah Montana«, aber auch für Filme wie beispielsweise »Journey to the Center of the Earth«. Hier setzen die Macher zwar noch auf den 3D-»Wow«-Effekt und 3D-typische Szenen, in denen beispielsweise der Hauptdarsteller in die Zuschauermenge »greift«. Solche Elemente und technischen Spielereien werden aber bald den eingentlichen Inhalten weichen, meinen Filmemacher: Die Story, und nicht mehr der Effekt wird dann im Vordergrund stehen, meinen Branchen-Insider. Spätestens dann, wenn das eintritt, ist 3D im Alltagskino angekommen.

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Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller
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