Editorial, Kommentar, Top-Story: 12.02.2009

Die goldene Wurst

Stellen Sie sich einmal die folgenden Bilder eines gesellschaftlichen Top-Events vor: Die große Gala ist ein rauschendes Fest, das nicht nur ausführlich im Fernsehen zelebriert wird, sondern seinen Niederschlag auch in den Print- und TV-Boulevard-Magazinen findet. Die überaus berühmte Laudatorin, die sich unglaublich sexy in einem gewagten Kleid präsentiert und damit alle anderen Promis in den Schatten stellt, öffnet umständlich einen Umschlag und verkündet dann die große Nachricht: »Die goldene Wurst geht an: Alfons Binzmeier aus Klein-Krotzenburg.«

Jubelschreie im Publikum, Standing Ovations, fünf Fleischerei-Fachverkäuferinnen stürzen an den Tisch des völlig überraschten Preisträgers, werfen sich ihm an den Hals, überhäufen ihn mit Küssen. Die rundum sitzenden Metzgermeister klopfen Binzmeier anerkennend auf die Schulter und umarmen ihn, als er sich auf den Weg zur Bühne macht. Alfons Binzmeier wirft im Überschwang der Gefühle einen Stechschutzhandschuh ins Publikum und nimmt dann die goldene Wurst entgegen. Er tritt ans Mikro, wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel, dankt seiner Frau und seiner Mutter, spricht von Innovation und Tradition, vom Mut, den es brauche, um die Konvention zu brechen. Schließlich beginnt er zu erzählen, wie er jahrelang experimentierte, bevor er das optimale Rezept für seine fettfreie Wellness-Teewurst gefunden und wie er sie dann zusammen mit einem total innovativen Metzgergesellen produziert hat. Daraufhin fällt ihm die Laudatorin um den Hals, lenkt ihn mit ihrem tief ausgeschnittenen Dekolletee ab, schneidet ihm mit dieser Aktion geschickt das Wort ab und nach einer wilden Kamerafahrt ist nun die gesamte deutsche Fleischerprominenz im Bild: Die Metzgersgattinen mit ihren ultragebleichten Zähnen funkeln und strahlen mit ihrem Familienschmuck um die Wette.

Lächerlich? Kann schon sein, aber anders läuft es bei der Übergabe der Bären, Löwen, Bambis und sonstigen Statuetten eben auch nicht ab. Und wenn man sich anschließend die Zeitungen (und gar nicht mal nur die Boulevardblätter) durchsieht, wird klar: Der Anlass ist fast gleichgültig, die Würste, Filme oder Lebensleistungen interessieren allenfalls am Rand. Stattdessen feiert man sich selbst und setzt auf maximales Medienecho. Benefiz-Galas, Fernseh- und Filmpreise aus allen Ländern und Regionen versuchen eine Branchen-Bedeutung zu vermitteln, die an Selbstüberschätzung kaum zu übertreffen ist.

Während der Berlinale, die dieser Tage stattfindet, kann man das alles wieder einmal live vor Ort in Berlin oder in diversen Promi-TV-Magazinbeiträgen mitverfolgen. Und im Windschatten dieser Ereignisse ist auch die große Zeit der Filmkritiker, die sich 355 Tage im Jahr für nicht ausreichend gewürdigt halten und nun endlich wieder einmal etwas mehr Raum in den Feuilletons erhalten — wo sie sich dann unter anderem auch über den Charme von Schrammen im 70-mm-Film auslassen.

Warum ist das so? Machen etwa die Metzgerinnungen unterstützt von CMA und DLG auch so einen Zauber, wenn sie ihre Preise für die beste Wurst vergeben? Nein — und das ist auch gut so.

Auch in der Film- und Medienbranche könnte etwas mehr Konzentration aufs Wesentliche ganz gewiss nicht schaden. Wer sich etwa heutzutage aus der Ferne über die Berlinale informieren will, der kann sehr leicht sehr viel über irgendwelche anwesenden Schauspieler, Regisseure sowie A-, B- und C-Promis erfahren, aber nur noch sehr wenig über die Filme, um die es doch angeblich bei diesem Festival geht. Aber wieso sollte man auch: Ein Großteil der Festivalbeiträge schafft es ja ohnehin nicht bis ins Kino.

So stellt sich die Frage, ob es nicht andere, bessere Formen geben könnte, Filme zu präsentieren — und besonders den Menschen, die sich wirklich dafür interessieren, zu zeigen, was es alles so gibt, was man alles im Kino sehen könnte, wenn diese Branche nur den Mut hätte, die eingefahrene Maschinerie zu durchbrechen.

Sie werden sehen.

Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller

Bildrechte
Ampas

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