Editorial, Kommentar, Sport, Top-Story: 29.06.2012

Fußball statt Eurokrise

»An Tagen wie diesen, wünscht man sich Unendlichkeit.« Die jüngste Partyhymne der »Toten Hosen« ist zum Fußball-EM-Hit geworden und sie steht natürlich auch bei jeder Art von Abschlussfeiern, die derzeit zum Schuljahresende gehäuft anstehen, hoch im Kurs.

Ob es auch am heutigen Tag noch Grund dafür geben wird, dass sie quasi bundesweit gegrölt wird, ist offen: Das betrifft in erster Linie den Fußball, aber auch den heutigen politischen Schlagabtausch auf Europaebene, mit all den Schreckensszenarien über den Euro, den Rettungsschirm, die Bankenkrise, die Rating-Agenturen. Bei der sogenannten »Schuldenkrise« wünscht sich wohl kaum einer Unendlichkeit, sondern lieber ein rasches Ende und klare Begrenzungen.

Zum Glück gibt es ja den Fußball: Für die meisten eine willkommene Ablenkung — die aber auf andere Weise die Nerven strapazieren und die Spannnung ins beinahe Unerträgliche steigern kann. Man kann sich über den Spielverlauf erregen, die Gefühle können aber auch aufwallen, wenn der Kommentator nur eine Plattitüde an die andere reiht. Es muss auch nicht immer aus einer »déformation professionelle« resultieren, wenn einem die Bilder aus dem Stadion nicht passen, oder man statt des Uefa-Logos oder einer kitschigen Retro-Animation lieber die Spieler oder die Wiederholung der Torszenen sehen möchte.

Wie auch immer: Die Quoten der Euro 2012 zeigen, dass Fußball unverändert die Massen vor die TV- und zunehmend auch die Computer-Schirme zieht — oder vor die Leinwände der Public-Viewing-Events. ARD und ZDF können sich also freuen — und der ARD dürfte beim heutigen Spiel Deutschland – Italien mit ziemlicher Sicherheit ein neuer Quotenrekord ins Haus stehen.

Die heutige Partie wird dafür sorgen, dass die deutschen Straßen zumindest für zwei mal 45 Minuten wie leergefegt sein werden: ungewohnte Freiheit für alle, die sich nicht für Fußball interessieren. Spätestens ab 23:30 — mögliche Verlängerung, Elfmeterschießen und ein bisschen Nachspielzeit eingerechnet — wird es aber in jedem Fall Hupkonzerte und Autokorsos geben. Die Hoffnung auf die dabei dominierenden Farben unterscheidet sich natürlich — die Mehrzahl der Leser dieser Zeilen hofft aber zweifellos, dass die Flaggen auf den hupenden Fahrzeugen möglichst kein grün oder weiß enthalten.

Sie werden sehen.

Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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