Kino, Report, Top-Story: 12.08.2000

Kino2000: Digitale Ausblicke für Kinobetreiber

Opas Kino ist tot – wieder einmal, diesmal von der technischen Seite und vielleicht auch noch nicht so ganz. Aber nun wird das Kino in seiner bisherigen Form nicht durch ein in Oberhausen proklamiertes Manifest revolutionär gestimmter Filmemacher ins Grab gestoßen: Der technische Fortschritt und die wirtschaftlichen Interessen auf der Distributionsseite sollen jetzt fürs vorzeitige Ableben des chemischen Films sorgen – zumindest in seiner Form als Kinokopie.

Etwa 3.000 Kinobetreiber sind im Hauptverband deutscher Filmtheater (HDF) zusammengeschlossen. Da kann sich die Zahl von 1.700 Besuchern sehen lassen, die zum HDF-Jahrestreffen im Juli 2000 nach Berlin kamen und dort das für diese Kongressmesse gewählte Thema diskutierten: die Digitalisierung des Kinos.

Zentrales Element der digitalen Kinorevolution ist die Projektorentechnik. Die ist teuer, und das trifft die Kinobetreiber essenziell. Woher das Geld für die Zukunftsinvestition kommen soll, dafür gibt es verschiedene Vorschläge: Weniger gut kam beim Kino2000-Publikum die Idee eines Kodak-Vertreters an, erhöhte Eintrittspreise von den Zuschauern zu verlangen. Besser wurde dagegen die Forderung von Michael Ballhaus aufgenommen, Verleihe und Produzenten sollten die neue Technik mitfinanzieren. Denen spart die Digitalisierung der Kinos nämlich richtig Geld, etwa wenn statt teurer, schwergewichtiger Filmkopien nur noch preisgünstige Träger oder Datenleitungen zum Filmtransport genügen. Der Beifall, den Ballhaus für diesen Vorschlag erntete, setzte sich am gleichen Tag fort, als der berühmteste deutsche DoP vom HDF mit einer »Goldenen Leinwand« für sein Lebenswerk gewürdigt wurde.

Die Würdigung der Arbeit eines Bildästheten wie Ballhaus durch den Kinobetreiber-Verband lenkt den Blick auf ein weiteres wichtiges Thema: Von der ästhetischen und technischen Höchstleistung bei der Produktion, bleibt auf dem Weg der Bilder zum Kinozuschauer in vielen Fällen ein Gutteil auf der Strecke. Im Kopierprozess entsteht oft genug minderwertige Massenware, die durch Verschleiß und Alterung das Kinovergnügen sichtlich limitiert. Kommen noch falsche Maskierung, Flutlicht aus dem Projektorraum und ähnlicher Pfusch hinzu, bleibt auf der Leinwand viel zu wenig von der ursprünglichen Bildqualität übrig. Etliche dieser Probleme kann die digitale Kinotechnik beseitigen oder minimieren.

Digital gefertigte Animationsprodukte wie die Disney-Produktion »Fantasia 2000« gehören derzeit zu den am öftesten digital vorgeführten Kinofilmen. Mit gutem Grund, denn der Realfilm setzt andere Bedingungen: Schnelle Fahrten und Schwenks gehören halt dazu und hier zeigen sich bei digitaler Projektion doch noch Schwächen.
Die zeigten sich bei »Kino 2000« auch in den Widrigkeiten der dort gezeigten Projektion: Der eingesetzte Sony-Projektor-Prototyp VDP-LE 100 ist wegen des Kontrastverhältnisses von nur 1:450 eigentlich nicht fürs Kino vorgesehen. (Zum Vergleich: Beim Digital-Cinema-Projektor von Christie wird ein Kontrastverhältnis von mehr als 1000:1 erreicht). Zudem löst der Sony-Projektor das Bild nur in 1.280 x 1.024 Pixel auf, während schon die Bildquelle – hier ein digitaler HDVS-Player -1.920 mal 1.080 Bildpunkte bereitstellt.
»Gerade gut genug«, meinte dazu Dennis Kelly von Eastman Kodak, »reicht eben nicht. Es muss besser sein.«

Kino ohne Film, das ist die Zukunftsvision. Auf 6.000 der weltweit 125.000 Leinwände sollen, so die Planung der Projektorenhersteller, binnen fünf Jahren Pixel statt Filmkorn zu sehen sein. Dieses Ziel soll wohl auch mit erheblichen finanziellen Vorleistungen erreicht werden. Oliver Pasch, Technikchef der CinemaxX-Gruppe, warnt dennoch vor ungerechtfertigter Euphorie: »Alles ganz ruhig bleiben.« Pasch ist natürlich auch in einer guten Position, ziehen doch die Multiplex-Kinos trotz explodierender Zahl von Leinwänden steigende Besucheranteile und damit Umsätze auf sich, während die kleinen Kinobetriebe ohnehin mit eher gemischten Gefühlen in die Zukunft schauen. Während vielen der kleinen Betreiber beim Gedanken an das digitale Kino ein wenig bang wird, denkt der CinemaxX-Mann global und fordert, in den Auseinandersetzungen um eine Weltnorm für Digitalprojektion europäische Interessen gegen die US-Dominanz wirksam zu vertreten.

Weitere Informationen zum Thema Digital Cinema finden Sie in der Infozone unter der Überschrift Videoprojektion.

Autor
Peter Dehn
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