Editorial, Kommentar: 03.05.2018

Under Attack

Der 3. Mai ist Internationaler Tag der Pressefreiheit. Ein guter Anlass für ein paar Gedanken zu diesem Themenkomplex. Schließlich ist die Pressefreiheit derzeit wachsendem Druck ausgesetzt — von vielen Seiten und unter ganz unterschiedlichen Aspekten.

Die ganz krassen Fälle sind dabei allgemein bekannt und die Namen der konkret Betroffenen etwa mit Deniz Yücel und Daphne Caruana Galizia auch einer größeren Öffentlichkeit bekannt.

Erschossene, entführte, ohne Begründung inhaftierte Journalistinnen, Journalisten, Fotografen und Fotografinnen, sie stehen an Tagen wie diesem im Zentrum der Diskussion — und das natürlich vollkommen zurecht. Die Zersetzung, Einschränkung und Beschneidung der Pressefreiheit beginnt aber viel früher, viel unspektakulärer und sie hat ihre Wurzeln nicht nur in der Gesetzgebung und der Politik. Sie beginnt zunächst mal im Kopf jedes Einzelnen.

Vielen scheint nämlich in Zeiten des scheinbar freien Informationsflusses im Internet-Zeitalter die Erkenntnis abhanden gekommen zu sein, welch entscheidender Pfeiler der Freiheit und Demokratie die Pressefreiheit ist.

Denjenigen, die in unserem Land das Grundgesetz verfasst haben, war das ganz offensichtlich noch klar: Artikel 1 bis 19 des Grundgesetzes fassen die Grundrechte zusammen. Schon Artikel 5 betrifft die Meinungsfreiheit, Informationsfreiheit, Pressefreiheit, sowie die Freiheit der Kunst und der Wissenschaft. Nicht etwa erst Artikel 2.356, sondern Artikel 5. Das sollte uns allen auch heute noch etwas sagen.

Bei jeder Gelegenheit »Lügenpresse« brüllen und sich gleichzeitig im Internet gegenseitig der Dummheit bezichtigen und abstrusen Behauptungen ohne jeden Quellennachweis anhängen, das kann einen offenbar so beschäftigen und einem so die Sinne vernebeln, dass man zu tieferem Nachdenken kaum mehr in der Lage ist.

Wer beruflich die Presse als Feind oder bestenfalls als Werkzeug betrachtet, das man straff kontrollieren und knechten, dem man möglichst alles haarklein vorschreiben muss, der atmet ebenfalls wohl kaum den Geist der Freiheit.

Die Ausschaltung der Fachpresse, um den ungefilterten Durchgriff zum Endkunden zu erhalten, das betreiben derzeit viele Unternehmen — auch in unserer Branche. Wer da an den Schaltstellen sitzt, sollte vielleicht auch mal darüber nachdenken, ob er selbst alle Infos zum Dieselskandal lieber bloß noch direkt von der Autoindustrie haben will.

Der Feind sitzt aber auch in den eigenen Reihen: Manche Verlage haben sozusagen schon vorauseilend den Journalismus de facto eingestellt. Dort sitzen nun statt Journalisten Leute mit Fantasieberufsbezeichnungen, deren journalistische Fähigkeiten sich auf Cut/Copy/Paste beschränken. Das Marketing, das Verkaufen und das Wiederkäuen vorhandener oder nachgeahmter Inhalte stehen dort oft im Vordergrund.

Schon klar: Verlage, die nicht wie gewinnorientierte Unternehmen agieren, werden sterben und können dann auch keine Journalisten mehr bezahlen. Doch ein Verlag, der sich zum Handlanger von Datenkraken macht, der nur noch als Agentur seiner Anzeigenkunden agiert, macht sich letztlich selbst überflüssig, weil es andere gibt, die diesen Job schon besser beherrschen.

So steht die Pressefreiheit aktuell von vielen Seiten unter Druck — und wir haben nur ein paar wenige Aspekte angerissen.

Sind also alle Journalisten Helden, die man preisen und würdigen sollte? Natürlich nicht. Es gibt genügend arrogante, widerwärtige und ahnungslose Exemplare darunter: genau so, wie überall sonst auch. Und dennoch bleibt es dabei: Die Pressefreiheit ist eine zentrale Errungenschaft. Oder möchten Sie künftig nur noch von Mark Zuckerberg über Datenschutz informiert werden?
 
Sie werden sehen.

Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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