Audio, Branche, Broadcast, Top-Story: 12.07.2019

Broadcast oder Internet – Kampf um die Radiozukunft

Der Hörfunk ist das letzte elektronische Massenmedium. Doch was kommt danach? DAB+? 5G? Wie lange wird UKW noch überdauern? Welche technischen Möglichkeiten und Strategien sind in der Diskussion? Und wie gestalten sich Geschäftsmodelle und Regulierung?




Teil 4: Geschäftsmodelle und möglicher Regulierungsbedarf

Der Hörfunk ist das letzte elektronische Massenmedium, das die überwiegende Mehrheit seines Publikums analog-terrestrisch über UKW erreicht. Kaum mehr als 30 Veranstalter bewegen sich vor Ort in abschätzbaren Wettbewerbsszenarios. Das soll in digitale Sendezeiten hinüberwachsen. Die Vielfalt des Programmangebots wächst mit der Radioverbreitung über das Internet ebenso wie mit DAB+. Broadcast oder 5G-Internet – ein »Glaubenskrieg«? Zum Abschluss des Beitrags geht es um Geschäftsmodelle, Regulierung und das Miteinander oder Gegeneinander künftiger Plattformen für die Hörfunk-Verbreitung.

Helmut G. Bauer berät Unternehmen aus der Rundfunkbranche und zeichnet für das Informationsportal »Save Our Spectrum«.

Helmut G. Bauer stellt in seinem Text »DAB+ oder 5G? Die digitale terrestrische Zukunft des Hörfunks« einander widersprechende Strategien fest: Die Befürworter von DAB+ wollen UKW mittelfristig ersetzen. Einige Privatradios und Deutschlandradio haben auf UKW in einigen Gebieten bereits verzichtet. Damit entziehen sie sich frühzeitig der teuren Doppelversorgung, wenn auch noch außerhalb der Ballungsräume.

Die 5G-Vertreter wollen ihre UKW-Hörerschaft bewahren, hoffen zugleich aber darauf, ihre Reichweiten über zusätzliches Streaming und neue Formatradios im Internet zu erhöhen. Das festnetzbasierte Internet als »unverzichtbarer Verbreitungsweg für Hörfunk und Audioangebote ist unstreitig«, räumt Bauer ein. Der Streit um die Zukunft der Terrestrik erwecke aber »oft den Eindruck eines Glaubenskriegs«.

Glaubenskrieg oder Marktoligopol?

Die Limitierung der UKW-Ressourcen führt zu einem Oligopol, stellt Bauer voran. »DAB+ durchbricht diese Oligopole, weil damit viele neue Programme terrestrisch ausgestrahlt werden können.« Die auf UKW etablierten Veranstalter wollen ihre überschaubare Wettbewerbs-Situation in digitale Zeiten hinüberretten.

Viele UKW-Veranstalter »wollen verhindern, dass andere Veranstalter in ihrem Gebiet neue Programme über diesen Weg (DAB+, red.) verbreiten«, beschreibt Bauer eine Strategie von DAB+-Gegnern. Beispielhaft dafür stehen der lange Widerstand der NRW-Lokalradios und die niedersächsische Parlamentskampagne gegen DAB+. Der Fachdienst Satellifax kommentiert: Beim Widerstand gegen DAB+ gehe es »alleine um die Absicherung des durch Frequenzmangels geschützten UKW-Marktes bei gleichzeitiger Verhinderung einer weiteren positiven Entwicklung von DAB+, das sich auch international immer stärker durchsetzt«.

Die ARD-Anstalten, Deutschlandradio und einige andere Beteiligte führen jährlich im Frühjahr im Vorfeld der Internationalen Funkausstellung und für das Weihnachtsgeschäft Werbemaßnahmen durch. Hier zwei Motive der Sommer-Kampagne 2019.

 

Kein digitales Netz ohne Finanzierung

Aus Sicht der Programmveranstalter sind die unterschiedlichen Finanzierungsmodelle von DAB+ und Webradio zu beachten, so Bauer. Broadcast-Netze á la DAB+ werden durch Zahlungen der beteiligten Radioanbieter an den Netzanbieter finanziert. Die Radios haben über ihre Verträge mit den Sendetechnik-Dienstleistern die Kontrolle über die Ausbaustrategie.

Die Mobilfunkbetreiber bauen nach Vorgaben der Bundesnetzagentur ihre Netze auf. Sie refinanzieren sich durch Zahlungen der Inhalteanbieter für die Weiterleitung der Programme. Andererseits erheben sie Gebühren von den Nutzern. Radioveranstalter haben in diesem Kontext auf den Netzausbau ebenso wenig Einfluss wie auf die Ausstattung der Endgeräte, die Konditionen und Kosten der Nutzung. Zudem müssen sie auf vier Plattformen präsent sein. Die Kalkulation des Mobilfunks wird durch die Refinanzierung des Investments bestimmt. Das hat im Falle von 5G mehr als 6,55 Mrd. Euro allein im Auktionskampf um Frequenzen gekostet, lange bevor die erste von mehreren tausend Funkanlagen in Betrieb geht.

Laut Studien lagen die Kosten für LTE um Faktoren bis 40 über denen von DAB+.

2014 hatten Studien aus Schweden und Bayern die Investitions- und Betriebskosten für DAB+- und LTE-Netze verglichen. Danach lagen die Kosten für LTE um Faktoren bis 40 über denen von DAB+. Selbst wenn seither die Kosten für 5G-Anlagen günstiger geworden sein sollten, ist das Investment für den Mobilfunk schon wegen der hohen (und wegen der vier Netzanbieter vierfachen) Anzahl der Senderstandorte immens. Zur Erinnerung: Gegenwärtig nutzen die drei LTE-Anbieter rund 48.000 Basisstationen.

Qualität und Geschäftsmodelle

Oft genug wird die Überlegenheit der digitalen Verbreitung gegenüber UKW aus Verbrauchersicht mit der »ohrenfälligen« Audioqualität und der Programmvielfalt argumentiert. Das trifft auf beide digitale Verbreitungsformen zu. Für DAB+ werden jedoch keine Empfangs- oder »Transportgebühren« erhoben, denn das Broadcast-Signal ist immer in der Luft und frei empfangbar. Für die Gegenseite kalkuliert Bauer den Datenverbrauch beim Mobilfunk: Würde mit 128 kbit/s gestreamt, fallen für 30 Minuten Radiokonsum 28,13 Mbyte und im Monat 6,7 GB an. Dem stellt Bauer einen aktuellen Tarif der Telekom mit einem Datenvolumen von 2,5 GB für 36,95 Euro monatlich gegenüber. Zu erinnern ist daran, dass das Überschreiten des Datenvolumens entweder zu erheblichen Mehrkosten oder zu einer für den Konsum von AV-Medien untauglichen Reduzierung der Bandbreite führt.

Die Privaten wollen die »Facebookisierung« des Radios.

Eines der wenigen greifbaren Motive zugunsten aller Ausprägungen von Webradio ist der Rückkanal des Internets. Auf diesem Weg wollen sich die Radioveranstalter Daten zum Nutzerverhalten sichern, um ihre Hörer mit individuell generierter Werbung zu beschicken. Angesichts der öffentlichen Debatten um den unzureichenden Schutz privater Daten wird das öffentlich nur selten argumentiert. DAB+ kann das Nutzerverhalten schon aus technischen Gründen nicht erfassen, weil es dort keinen Rückkanal gibt.

»Digitales Dabeisein« und Notfallmaßnahmen
@Deutsche Telekom
Um den ordnungsgemäßen Betrieb des Mobilfunks bei Großevents zu sichern, werden Sonderinstallationen notwendig. Für das Fußball-Pokalfinale 2019 stattete die Deutsche Telekom das Berliner Olympiastadion u.a. mit 75 Mobilfunk-Antennen aus.

Welche Konsequenzen schon planbare Ereignisse für die Auslastung der Mobilfunknetze haben, illustriert die Deutsche Telekom anlässlich des DFB-Pokalfinales 2019: »360.000 Gigabyte liefen zwischen 20 und 22 Uhr deutschlandweit rund um das DFB-Pokalfinale durchs Handynetz. Das entspricht einer Datenmenge von 72.000 hochauflösenden Filmen« und war »ein Drittel mehr Datenverkehr im Stadion als im Vorjahr«. Dafür wurde »allein der Innenraum des Stadions … mit 75 Antennen ausgerüstet«. Das Unternehmen statte jährlich um 500 Veranstaltungen mit zusätzlicher Technik aus, um den vor Ort erhöhten Datenfluss in den Griff zu bekommen. »Es geht ums digitale Dabeisein – im Alltag und bei besonderen Veranstaltungen«, sagt Michael Schuld, Leiter Kommunikation und Vertriebsmarketing Telekom Deutschland. Wie das »digitale Dabeisein« pervertiert, zeigen nicht nur Schaulustige und ihr Funkverhalten in Notsituationen, sondern auch die Anzeigen für die Netzverfügbarkeit an diesen Schauplätzen.

Mit Broadcast-Techniken wie DAB+ kann das nicht passieren. Das Sendenetz wird vom Umfang der Nutzung nicht beeinflusst. Die Emergency Warning Function (EWF) von DAB+ ermöglicht es den Behörden, im Notfall mehrsprachige Durchsagen und Lauftexte auf die im betroffenen Sendegebiet befindlichen Radios zu schicken und sogar geeignete abgeschaltete Radios zu »wecken«. Ebenso sinnvoll ist DAB+ als Datentransportweg für Verkehrsinformations-Plattformen wie TPEG. Sie senden Datenströme, die von Navis empfangen und für die Darstellung der aktuellen Verkehrslage in die Karten integriert werden.

5G Broadcast bringt Regulierungsbedarf

Laut §2 Abs.3 Rundfunkstaatsvertrag sind lineare Online-Radios erst Rundfunk und dann nur anzumelden, wenn mit mehr als »500 potenziellen Nutzern zum zeitgleichen Empfang« gerechnet wird. Dieser Pflicht sind bis Mitte Mai 2019 nach Angaben der Medienanstalten 516 Radioprogramme nachgekommen oder haben freiwillig gemeldet.

Würde das Internet zum Haupt- (oder gar einzigen) Radioverbreitungsweg erhoben, kann es bei diesem Verzicht auf eine Regulierung nicht bleiben. Schon wegen der vier konkurrierenden Mobilfunkanbieter müsste ein einheitliches Basisangebot von Programmen der Bundes-, der Länder- und lokalen Ebene per »must carry«-Vorschrift für alle Netze gesichert werden.

Die Argumentation zugunsten von 5G ist für Helmut G. Bauer auch aus technischer Sicht eher realitätsfern.

Neben kommerziellen und öffentlich-rechtlichen Programmen ist die Empfangbarkeit und Auffindbarkeit von kommerziellen Lokalradios, der nichtkommerziellen Sender, Ausbildungsradios, Offenen Kanäle usw. zu gewährleisten. Eine Ausgrenzung einzelner Stationen ist zu verhindern. Aus Verbrauchersicht ist eine kostenlose Rundfunknutzung unabhängig von einer SIM-Karte und vom Netzbetreiber wichtig. Die Notwendigkeit einer medienrechtlichen Regulierung der Rundfunkverbreitung in konkurrierenden Mobilfunknetzen und erst recht über das Internet hat die deutsche Politik bisher nicht angenommen.

Die Argumentation zugunsten von 5G ist für Helmut G. Bauer auch aus technischer Sicht eher realitätsfern. Ein Radio-Broadcast-Modus sei nicht vor 6G zu erwarten, schätzt er ein. Es »dränge sich der Verdacht auf, dass der Hinweis auf 5G genutzt wird, um den möglichen Wettbewerb über DAB+ zu verhindern und die UKW-Situation so lange wie möglich zu bewahren«, mutmaßt Bauer.

»Mediale Vernichtung«?

Dabei sind die Kontrahenten eigentlich nicht allzuweit voneinander entfernt. Aus Sicht von Intendant Stefan Raue kann Deutschlandradio seinen Versorgungsauftrag zwar »nur mit DAB+« erfüllen. Aber auch er sieht in der Perspektive ein Miteinander von DAB+ und Webradio. Zudem sind die ARD-Anstalten und Deutschlandradio den Privaten 2017 mit dem Verzicht auf die Festlegung eines Abschaltdatums für UKW entgegengekommen. Das, obwohl die KEF bisher für eine weitere Finanzierung von DAB+ genau darauf insistiert. Dennoch werden Vaunet und andere nicht müde, die Bedrohung einer UKW-Abschaltung zu skizzieren.

Mit welch harten Bandagen um den Erhalt der UKW-Pfründe im Digitalzeitalter, um die Zuhörerschaft und den Radio-Verbreitungsmarkt gekämpft wird, wurde auf einer Fachveranstaltung im März 2019 in Berlin deutlich. Helmut G. Bauer erinnert sich: »Hier berichtete die Staatsministerin für Digitales im Bundeskanzleramt, Dorothee Bär (CSU, Red.), dass man ihr 2018 in Zusammenhang mit den Koalitionsverhandlungen mit der ‚medialen Vernichtung‘ gedroht habe, wenn sie weiter für DAB+ als dem zukünftigen terrestrischen Verbreitungsweg einstehe und dies im Koalitionsvertrag verankert werde.«

Der Weg zum digitalen Hörfunk führt an UKW vorbei

»Hörfunkprogramme werden in Zukunft über DAB+ und 5G verbreitet werden«, plädiert Bauer für ein Technologie-Miteinander. Beides zu Alternativen zu erklären, gehe »am Kern des Problems vorbei. In Wahrheit geht es um die Frage, ob Radio auch in Zukunft noch über UKW verbreitet werden soll.« Hier müsse Planungssicherheit für Radioveranstalter wie für Hörer geschaffen werden.

Der Konflikt zwischen den Befürwortern von DAB+ und denen von 5G »kann nur gelöst werden, wenn die Länder und der Bund sich nicht nur zu DAB+ bekennen, sondern auch die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen.« Die im GroKo-Vertrag vereinbarte Novelle des §48 TKG mit der Vorschrift zur Interoperabilität von Radiogeräten soll, so das federführende BMWi, noch 2019 in Kraft treten. Dort wird der European Electronic Communications Code (EECC) vom Dezember 2018 übernommen. Demnach müssen Radios in Neufahrzeugen künftig einen UKW- und einen digitalen Tuner aufweisen. Erweitert wird die EU-Vorgabe auf andere Radiogeräte mit Anzeige des Programmnamens. Sie müssen ab Dezember 2021 »einen Empfänger enthalten, der zumindest den Empfang und die Wiedergabe digitaler Hörfunkdienste ermöglicht«. Das ist technologieneutral, auch wenn auf die »harmonisierten Normen« der EU verwiesen wird.

Was kommt nach UKW?

Die deutsche Politik läuft damit zwar letztlich der Marktrealität hinterher, setzt ein Zeichen: Die Ministerpräsidenten aller 16 Bundesländer haben am 6. Juni einstimmig die Frequenzen für den 1. »Bundesmux« bis Ende 2035 festgeschrieben. Warum sollten Entscheidungen in den Ländern revidiert werden, nur weil Niedersachsen seine Position vom 6. Juni zum 19. Juni ins Gegenteil verkehrt?

Die Zukunft des Hörfunks liegt nicht unbedingt in der Masse webbasierter Musikwellen, sondern in neuen innovativen Programmkonzepten. Sie werden über DAB+ oder das Internet zum Publikum finden. Eine weitere Frage ist, ob die Gesellschaft toleriert, dass der Hörfunk in Zukunft nicht mehr frei empfangbar ist, sondern kostenpflichtig an eine Kundenbeziehung zu einem von vier Mobilfunkunternehmen gebunden ist. An UKW führen alle Wege vorbei.

Seite 1: Von Eureka zum »Bundesmux«
Seite 2: Bleibt UKW eine »unendliche Geschichte«?
Seite 3: Abwarten ist keine Perspektive – Strategien für den Hörfunk
Seite 4: Geschäftsmodelle und möglicher Regulierungsbedarf

Autor
Peter Dehn

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