Audio, Branche, Broadcast, Top-Story: 12.07.2019

Broadcast oder Internet – Kampf um die Radiozukunft

Der Hörfunk ist das letzte elektronische Massenmedium. Doch was kommt danach? DAB+? 5G? Wie lange wird UKW noch überdauern? Welche technischen Möglichkeiten und Strategien sind in der Diskussion? Und wie gestalten sich Geschäftsmodelle und Regulierung?




Teil 2: Bleibt UKW eine »unendliche Geschichte«?

Der Hörfunk ist das letzte elektronische Massenmedium, das die überwiegende Mehrheit seines Publikums analog-terrestrisch über UKW erreicht. Kaum mehr als 30 Veranstalter bewegen sich vor Ort in abschätzbaren Wettbewerbsszenarios. Das soll in digitale Sendezeiten hinüberwachsen. Die Vielfalt des Programmangebots wächst mit der Radioverbreitung über das Internet ebenso wie mit DAB+. Broadcast oder 5G-Internet –ein »Glaubenskrieg«? Der zweite Teil der Bestandsaufnahme beschäftigt sich mit gewachsenen Radiolandschaften und Trends rund um UKW.

Vaunet: UKW – eine unendliche Geschichte?
©Vaunet
Klaus Schunk weist DAB+ als Vorstand des Fachbereichs Radio- und Audiodienste im Industrieverband Vaunet zurück. Sein Unternehmen Radio Regenbogen und dessen Beteiligungen sind mit mehreren Wellen im landesweiten Multiplex für Privatradios in Baden-Württemberg in der Luft.

Vaunet, der Verband der großen privaten Rundfunkveranstalter und großen Telekoms (bis 2018: VPRT), hatte 2017 das »Digitalradio Board« der Bundesregierung verlassen und die dort von den anderen Beteiligten verabschiedete DAB+-Roadmap (»Aktionsplan für die Transformation der Hörfunkverbreitung in das digitale Zeitalter«) als »nicht marktgetrieben« verurteilt. »Neue Technologien kann man politisch nicht verordnen. Sie müssen die Konsumenten überzeugen und sich im Markt von sich aus durchsetzen«, hieß es seinerzeit. Die weitere Entwicklung – nach Angaben der Landesmedienanstalten verfügte Mitte 2018 rund 17 Mio. Haushalte über DAB+-Radios – veranlasste den Verband offenbar zu einer verhalteneren Einschätzung. Klaus Schunk, Fachbereichsvorsitzender Radio im Vaunet, setzte strategische Eckpunkte: »Unsere Hörer empfangen digitales Radio schon lange auch mobil über Apps oder über Webradioangebote, immer häufiger auch mit ihrem Smartphone. DAB+ ist schon lange nicht mehr die alleinige digitale Zukunft.« Vor eine Abschaltung von UKW zugunsten von DAB+ stellte er die Bedingung, dass »die analoge Radionutzung tatsächlich auf unter 10 Prozent abgesunken ist«. Zudem verlangte er für die Privatradios die Förderung eines »Zusatzaufwands von rund 500 Millionen Euro« während des Simulcasts. Das sei aus Werbung nicht finanzierbar. Das Reizwort »5G« findet sich in dem Statement vom September 2018 übrigens nicht.

NRW: UKW – »eine endliche Geschichte«

In NRW gelten Sonderrechte für private Lokalradios: Mehr als 40 Sender, wirtschaftlich angebunden an die Lokalzeitungen und begleitet von öffentlichen Institutionen, werden kraft des Landesrundfunkgesetzes vor Wettbewerbern auf UKW geschützt. Ihr vehementer Widerstand richtete sich gegen die durch DAB+ zu erwartende Konkurrenz.

@LfM NRW
Tobias Schmid ist seit Anfang 2017 Direktor der Landesanstalt für Medien NRW.

Eine Änderung zeichnete sich erst 2018 mit dem Amtsantritt von Tobias Schmid als Direktor der Landesmedienanstalt LfM ab. Er sieht den Königsweg weder in Webradio noch in DAB+. Zugleich hielt er den Lokalradios aber vor: »Wir hatten in NRW einen selbstbezogenen Markt, das wird so nicht bleiben.« Und: »Allein auf UKW zu setzen, ist eine endliche Geschichte«. Eine Interessenabfrage brachte eine hohe, wenn auch widersprüchliche Resonanz. Im Ergebnis schob die LfM über die Landesregierung und die Bundesnetzagentur ein Frequenzzuteilungsverfahren an. Ausschreibungen für einen landesweiten und regionale Multiplexe sollen folgen.

Das Ziel, die Lokalradios wettbewerbsfrei zu halten, wird aber weiterhin verfolgt. So wurde 2017 das Projekt Mehr!Radio zwar rundfunkrechtlich zugelassen. Die vom Veranstalter erbetene DAB+-Frequenz für den Ballungsraum Düsseldorf wurde jedoch nie zugewiesen. Indem solche Ballungsraum-Plattformen auch im Sendenetzkonzept ignoriert wurden, werden die Lokalradios vor Newcomern geschützt; gleichzeitig wird Startups wie dem Düsseldorfer und anderen Interessenten keine Geschäftsgrundlage gegeben.

Niedersachsen: »Technologieneutral« für 5G?

Niedersachsen ist das Schlusslicht der Radiodigitalisierung. Im Landtag behauptet der Resolutionsantrag »Für eine digitale Radiozukunft« der FDP-Fraktion: »Nur etwa 10% der Rundfunkhörer nutzen DAB+« und: Für digitalen Hörfunk werde »meist« kein neues Radio gekauft. Vielmehr werde auf Webradio und »das bereits vorhandene Gerät wie Smartphone, Smart Speaker, Tablet PC, Laptop oder PC« gewechselt. »Radio via Internet wird von rund 38 % der Bevölkerung gehört …« Hier zitiert die FDP den »Digitalisierungsbericht Audio 2018« der Landesmedienanstalten bewusst unvollständig. Der Wortlaut dort: »Rund 38 Prozent tun dies in Summe zumindest gelegentlich«.

@Technisat
Peter Lepper, Gründer und Chef des Radioherstellers Technisat, kommentierte in einem Offenen Brief an den FDP-Fraktionschef Stefan Birkner den Beschluss des niedersächsischen Landtags. Unter dem Betreff »FDP jetzt auch Enteignungspartei?« schreibt Lepper u.a.: »5G kann kein vernünftiger Radioübertragungsstandard werden. (…) Internetradio kann eine Ergänzung sein, nicht aber die Radiobasis. Das kann nur DAB+ schaffen. DAB+ sorgt für Vielfalt. Alleine auch deshalb, weil es frequenzschonend dank der Möglichkeit der Gleichwellennetze ist und so die Senderanzahl größer als über UKW sein wird. Die FDP in Niedersachsen will aber offensichtlich keine Radiovielfalt, sondern die großen Privat-Radio-UKW Sender vor Wettbewerb schützen.« Sollen die DAB+-Sender, die »nicht über UKW-Frequenzen verfügen, abgeschaltet werden und auf das neue ‘Radiowunder 5G’ warten?«, fragt Lepper. Von der Weltfremdheit der Parlamentarier zeigt sich Lepper tief enttäuscht. »Sie verunsichern den freien Markt mit ihren Beschlüssen, sind auf einem Enteignungswege und stützen – zumindest in Niedersachsen – private Radiomonopolisten.«

In der Beschlussvorlage (Drs 18/3957) wurde beibehalten: »Die Zukunft des Radios ist nicht auf einen Radioübertragungsweg beschränkt. Radio ist technologieneutral zu betrachten und muss dort empfangbar sein, wo die Hörer sind.« Dann wird die Landesregierung aufgefordert, »sich innerhalb des Systems von Rundfunkauftrag und -finanzierung für eine Beendigung von DAB+ zugunsten des Aufbaus zukunftsoffener Technologien, wie z.B. des 5G-Standards, einzusetzen«. Dieser von allen Fraktionen im Plenum abgenickte Wink mit dem 5G-Zaunpfahl scheint allerdings eher von der Mobilfunklobby als von »technologieneutraler« Politik geprägt.

Nach Lage der Dinge stellen sich Landes-GroKo und Oppositionsfraktionen gegen einen nicht unerheblichen Teil ihrer Wähler. Denn trotz des Fehlens regionaler und privater Programme sind laut Digitalisierungsbericht 2018 immerhin 14,1 (2014: 10,1) Prozent der Haushalte des Bundeslandes im Besitz von DAB+-Radios. Der Bundesschnitt liegt bei 17,0 Prozent.

Zugleich stellt sich die Landes-Koalition gegen die Bundes-GroKo. Die Bundesregierung plant noch für 2019 eine Erweiterung des Telekommunikationsgesetzes um die von der EU ausgelöste Verpflichtung auf Hybridtuner in Neufahrzeugen sowie für Radios mit Sendernamens-Anzeige. Zur Wahrung der Technologieneutralität wird allgemein auf die in der EU zulässigen Standards verwiesen, ohne diese konkret zu nennen.

Mit ihrer Lobby PR-Aktion stellt sich Niedersachsens Landespolitik außerdem gegen die anderen Bundesländer. So laufen in Schleswig-Holstein und dem Saarland derzeit Vorbereitungen für die Etablierung von Privatradios auf DAB+.

Ein differenziertes Echo fand der Beschluss in den Verbänden. Vaunet lobt den Landtag und verweist auf die für notwendig gehaltene Vermarktung von Kundendaten über den 5G-Rückkanal, den DAB+ nicht bieten kann. Mit den 290 Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft Privater Rundfunk (APR) stimmt man darin überein, dass die ARD-Anstalten durch die Finanzierung DAB+-Aktivitäten aus dem Rundfunkbeitrag in einem Ungleichgewicht zu den Privaten stehen. APR-Geschäftsführer Stephan Ory weiter: Beim Investment in DAB+ handele es sich um unternehmerische Entscheidungen. »Auf welche Technologie ein einzelnes Unternehmen für sich setzt, wird weder vom Verband vorgegeben, noch ist das Aufgabe der Politik.« Und: »Es steht dem Gesetzgeber nicht zu, für diese Programme den Vertriebsweg abzuschalten.«

FDP-Fraktionschef Stefan Birkner hat den Beschluss ein paar Tage später relativiert: Im RBB-Medienmagazin beteuerte er, man wolle keine Abschaltung von DAB+, sondern nur den weiteren Ausbau und dessen Finanzierung aus dem Rundfunkbeitrag verhindern. Insofern richtet sich der Beschluss offenbar auch gegen den Weg des NDR in die digitale Zukunft; denn allein der NDR und die Rundfunkanstalten werden aus dem Beitrag finanziert.

Gegenpol Bayern: Alle UKW-Radios bis 2020 im Simulcast

©Bayern Digital RadioGanz anders in Bayern. Landesregierung, Landesmedienanstalt und Bayerischer Rundfunk verfolgen ein gemeinsames Konzept für ein landesweites, regional und lokal strukturiertes Sendenetz für DAB+. Der BR hat dafür ein Privatradio in seinem landesweiten Multiplex aufgenommen. Sechs regionale Multiplexe des BR bieten weiteren vier Privatradios eine landesweite und bis zu sechs Stationen eine regionale Verbreitungsplattform. Bayern Digitalradio, die Techniktochter der Medienanstalt BLM, betreibt für Privatradios desweiteren Stadtmultiplexe in München, Nürnberg, Ingolstadt und Augsburg und regionale Muxe für das Allgäu und das ostbayerische Alpenvorland (Start voraussichtlich im Juli 2019). Ziel ist es, alle UKW-Radios bis 2020 im Simulcast auf DAB+ zu bringen und für einen späteren UKW-Ausstieg vorzubereiten. Ungenutzte Ressourcen können an Webradios vergeben werden. Den Privatradios stehen für eine Beteiligung Fördermittel zur Verfügung.

Berlin/Brandenburg: Volles Luftprogramm

Einen anderen Weg ging die Zweiländer-Medienanstalt MABB. Privatradios hatten sich ab 2011 für Berlin engagiert, jedoch nicht für Brandenburg. Eine Ausschreibung zeigte, dass sich das 2018 geändert hatte. Der Andrang war so groß, dass zusätzlich zur Neubelegung des Berlin-Multiplexes ein Zweiländer-Multiplex gefüllt werden konnte. Neben lokalen Privatradios kann die erstmalige Mitwirkung der RTL Radiogruppe mit drei Programmen als Zeichen über die Hauptstadtregion hinaus verstanden werden. Rechnet man zu den 30 Privatradios die beiden Muxe des RBB (samt dessen brandenburgischen Lokalablegern) und den »Bundesmux« hinzu, sind in der Hauptstadtregion knapp 70 und in der Brandenburger Fläche gut 50 Programme auf DAB+ zu hören.

Eine Kannibalisierung von UKW?
2018 führt der Verkauf der UKW-Sendeanlagen zu einem erbittert geführten Streit. Einige der neuen Eigentümer drohten öffentlich-rechtlichen wie privaten Radios mit der Abschaltung oder gar dem Abbau von Sendeantennen, würde ihren finanziellen Forderungen nicht entsprochen. Die Bundesnetzagentur konnte erst nach mehreren Monaten eine Einigung erzwingen.

Laut Studien ist die UKW-Nutzung seit 2013 rückläufig. »UKW verliert in fünf Jahren mehr als 12 Prozent« seiner Hörerschaft, stellt der Digitalisierungsbericht 2018 fest. 2017 verteilte sich die Radionutzung nur zu 60 Prozent auf UKW und schon zu 22 Prozent auf DAB+. Bemerkenswert sind zwei Feststellungen: Die Nutzung von DAB+ liegt über der Haushaltsausstattung von 18,1 Prozent. Andererseits haben zwar 87 Prozent der Haushalte einen Online-Zugang, den aber nur 20 Prozent dieser Haushalte regelmäßig zum Radiohören nutzen.

Der stagnierende UKW-Werbemarkt führt zur Flucht der Privatradios nach vorn. Auf der Jagd nach zusätzlichen Einnahmen etablieren sie Ableger ihrer Marken im Internet. 516 lineare Streams von Privatradios waren im Mai 2019 bei den Medienanstalten registriert. Eine Meldepflicht besteht für Webradios, die mit täglich mindestens 500 zeitgleichen Hörern rechnen. Es handelt sich fast durchweg um datenbankbasierte automatisiert ausgespielte 24/7 Formatradios. In den Nutzungsstatistiken besetzen die Ableger aufgrund der auf UKW erarbeiteten Hörerbindung die Spitzenplätze. Der Radioveranstalter Regiocast hält mit knapp 80 (!) gemeldeten Webradios die Spitzenposition.

Jedoch wächst der Werbemarkt nicht mit der Explosion der Werbeflächen mit. Untersuchungen, ob und wie Webradio die Werbeetats innerhalb und zwischen den Programmfamilien umverteilt, sind jedoch nicht bekannt.

Der Abschied von UKW hat außerhalb der Ballungsräume begonnen
Bis Mitte 2018 wurden in Deutschland 4,4 Mio. Autoradios mit DAB+ und UKW verkauft. Laut DAT wurden 2017 schon rund 40 Prozent der Neuwagen mit DAB+ ausgeliefert.

Für einige Radioveranstalter ist UKW schon heute in Grenzen verzichtbar. Die Klassik Radio AG hat aufgrund der Verbreitung im DAB+-»Bundesmux« 30 UKW-Frequenzen außerhalb von Ballungsräumen aufgegeben. »In diesen Regionen haben wir nicht an Reichweiten verloren«, berichtet Senderchef Ulrich Kubak. Der begrenzte UKW-Ausstieg erspare dem Unternehmen bis zu 1 Mio. Euro Ausgaben pro Jahr.

Die ARD-Anstalten hatten den Landesregierungen bereits im September 2017 konkrete Sparmaßnahmen vorgeschlagen. Das könnte auch die Radioverbreitung betreffen. Die neun Anstalten wenden zwischen 2017 und 2020 211,7 Mio. Euro für UKW und 134,6 Mio. Euro für DAB+ auf. Die ARD geht davon aus, dass »die Kosten von DAB+ bei vollständigem Netzausbau nach Abschaltung von UKW inflationsbereinigt auf Ebene der ARD ca. 80 Prozent der Kosten der UKW-Versorgung betragen werden«. Durch den Verzicht auf UKW ergebe sich ein jährliches Sparpotenzial von 44,2 Mio. Euro.

@D_Radio / Bettina Fürst-Fastré
Deutschlandradio-Intendant Stephan Raue will auf UKW so schnell wie möglich verzichten.

Deutschlandradio erreicht über UKW aufgrund des Frequenzmangels mit zwei seiner vier Programme maximal 80 Prozent der Bevölkerung. Der nationale Versorgungsauftrag ist nur mit DAB+ erfüllbar – für allen Wellen im »Bundesmux«. Die Anstalt konnte Ende 2018 die UKW-Sender für Sylt und am Senderstandort Herzogstand (Bayern) nach der Aufschaltung des »Bundesmuxes« aufgegeben. 2019 folgen weitere Standorte in Bayern. Laut Intendant Stefan Raue »ergibt sich ein Sparpotenzial von 10 Millionen Euro jährlich«, könnte Deutschlandradio ganz auf UKW verzichten. Für die aus dem Rundfunkbeitrag finanzierte Anstalt ist das eine hohe Summe – 3,5 Prozent des Gesamtetats von knapp 283 Mio. Euro für 2018.

Klar ist aber auch, dass der politisch gewollte Spardruck dem politisch eher nicht gewollten Verzicht auf UKW entgegensteht. Zumal UKW nur heruntergefahren werden kann, wenn es dafür einen Konsens mit den Privatradios gibt. Obwohl sich auch den Privaten durch einen mittelfristigen Verzicht auf UKW zugunsten von DAB+ ähnliche Sparpotenziale bieten dürften, wird diese Perspektive zurückgewiesen. Offensichtlich ist die Angst vor einem offenen terrestrischen Hörfunkmarkt größer.

Seite 1: Von Eureka zum »Bundesmux«
Seite 2: Bleibt UKW eine »unendliche Geschichte«?
Seite 3: Abwarten ist keine Perspektive – Strategien für den Hörfunk
Seite 4: Geschäftsmodelle und möglicher Regulierungsbedarf

Autor
Peter Dehn

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