Kamerasupport, Test, Top-Story: 10.01.2019

Das Multitalent: DJI Ronin-S

DJI stellt mit Ronin-S einen einhändig geführten Gimbal für DSLRs und spiegellose Kamerasysteme vor. Wie schlägt sich der Gimbal in der Praxis?



Der Praxistest

Objektive

Ronin-S
Die ersten Tests fanden im Zusammenspiel mit dem Sigma-Zoom 18-35 statt.

Am ersten Tag hatte ich an Objektiven das Sigma 18-35 und Tele dabei, um einfach mal warm zu werden mit dem Ronin-S. Durch den höheren (voreingestellten) Deadband als bei meinen anderen Gimbals waren Kreisfahrten erst mal gewöhnungsbedürftig; nachdem ich aber rausgefunden hatte, ab wann der Gimbal mitzieht, ließen sich die Kreisfahrten einfacher umsetzen als mit anderen Einhand-Gimbals. Selbst mit einem 90mm-Teleobjektiv kann man nach ein paar Versuchen anständige Kreisfahrten hinbekommen. Beim Rennen über unebenen Rasen (hier ist der Duckwalk nicht so gut machbar) habe ich bei Verwendung des Teles leichte Vibrationen im Bild bemerkt. Allerdings hatte ich hier die Objektivstütze auch noch nicht dran. 

Durch die starken Motoren konnte ich die Kamera immer umstellen und bedienen, ohne dass der Gimbal Schwierigkeiten machte. Ansonsten lassen sie sich auch einfach per Knopfdruck zum Schlafen überreden.

Radfahren

Als nächstes war das Fahrrad dran – einen Vorteil der Einhand-Gimbals erkennt man ja schon am Namen – insofern konnte ich wunderbar mit einer Hand lenken und mit der anderen Hand filmen. Da ich das öfter mache, war ich natürlich gespannt auf das Handling. Zuerst war ich doch etwas überrascht vom Gewicht, aber es ließen sich absolut ruhige und geplante Fahrten machen. An diesem Tag schien die Sonne ziemlich stark, und das Fokussieren war etwas komplizierter. Aber ohne nachzusehen, wie es funktioniert, kam ich mit dem Fokusrad gleich zurecht. Mit einem Monitor und Flachbandkabel wäre das schon wieder was anderes. Allerdings sträube ich mich immer etwas dagegen, zu viel Zubehör  am Gimbal zu haben. Zum einen aus den oben genannten Vibrationsgründen, und zum anderen würde ich mir dann aus dem kleinen kompakten und relativ leichten Gimbal ein großes Setup bauen, das genau so kompliziert und schwerfällig zu bedienen ist wie ein Zweihand-Gimbal.

Ronin-S
Ronin-S bietet unterschiedlichste Betriebsmodi.

Skatepark

Am nächsten Tag ging es in den Skatepark. Da ich mein ganzes Leben lang schon solche Sportarten filme, ist das immer eine gute Möglichkeit, um Equipment zu vergleichen. Hier renne ich fast durchgehend, habe viele Richtungswechsel und muss oft springen. Ich muss an dieser Stelle ganz klar sagen, dass es mit dem schwereren Ronin-s im Vergleich zum Crane Plus nach zwei Stunden Filmen schon schwieriger war, sich selbst noch sportlich zu betätigen.

Nach Sichten des Materials war ich jedoch wieder positiv überrascht. Zwar habe ich ab und zu kleine Vibrationen im Bild, wenn ich richtig schnell renne, aber die Bewegungen sind absolut ruhig, und ich habe es nicht geschafft, den Gimbal verrücktspielen zu lassen. Wenn der Ronin-S bestimmte Bewegungen nicht mag, macht er das durch Piepen deutlich.

Sport-Modus

Die große Überraschung kam für mich beim Sport-Modus: Mit der Steadicam sind Richtungswechsel ja schnell und einfach machbar – Bewegungen, die bei Gimbals eher problematisch sind. Komplett im Sportmodus zu filmen, gleicht einem epileptischen Anfall. Das macht für mich bei solchen Szenarien keinen Sinn. Meine Vermutung war, dass man einen Mix aus Normal- und Sport-Modus fahren muss, denn der Sport-Modus ist ja nur solange aktiviert, wie ich den Knopf gedrückt halte. Also realisierte ich die normalen Bewegungen im Follow-Modus, und hielt einfach kurz die Taste für den Sportmodus gedrückt, wenn ich schnell die Richtung wechseln wollte.

Aber selbst mit dem normalen, langsamen Modus (den kann man sich in der App bei Bedarf auch schneller stellen) war das Verfolgen der Sportler kein Problem; auch Richtungswechsel gingen schnell.

Szenische Situationen

Ronin-S
Der Gimbal behielt selbst bei wilden Sprüngen vom Tisch die Ruhe.

Anders sah es beim szenischen Filmen aus, wenn ich z. B. schnell zwischen zwei Gesprächspartnern wechseln muss, oder bei einer Kampfszene – da hat der Sport-Modus durchaus seine Berechtigung.

Ich habe den Selfie- und Sport-Modus kombiniert und konnte auf diese Weise ziemlich spannende und schnelle POV-Aufnahmen von mir machen (siehe Video).

Letztlich habe ich wirklich viel versucht, um den Gimbal zum Ausrasten zu bewegen, zum Schluss bin ich wie wild von einem Tisch gesprungen –  aber auch hier: keine Ruckler im Bild. 

Anamorphotisches Setup

Ein weiteres Szenario war ein schweres anamorphotes Setup. Das Spannende dabei ist, dass das Ganze wegen der relativ schweren Optik ziemlich frontlastig wird. Hier hat der versetzte Motor des Ronin-S geholfen, aber ich musste zusätzlich noch Gegengewichte anbringen. Das komplette Equipment inklusive Ronin hatte in meinem Kamerarucksack Platz. Obwohl ich die Kamera angesichts ihrer Abmessungen in dieser Konstellation nicht richtig austarieren konnte, hat auch der anamorphotische Gimbal-Dreh wunderbar geklappt.

Ronin-S
Kompakt und trotzdem extrem professionell.

Ich liebe unsere Zeit: Man überlege sich nur, was vor zehn Jahren alles nötig war, um eine stabile Kamerafahrt mit Anamorphoten und allem Drumherum hinzubekommen. Heutzutage habe ich den Ronin-S und die Kamera in einem kleinen Rucksack und kann mit dem Rad zum Dreh fahren. 

Der Duckwalk ist mit so einem schweren Setup komplizierter, weil man anders als bei der Steadicam keine Weste zur Unterstützung hat. Und jeder von uns kennt bestimmt das Gefühl, wenn die Hände und Finger anfangen zu zittern – entweder bei einem schweren Gimbal oder etwa auch, wenn man gerade die Verbindung zur Drohne verloren hat.
Man kann den Gimbal aber in den Drehpausen zum Beispiel mit den Füßen in seinen Gürtel stecken, um so etwas Gewicht abzufangen.

Längere Brennweiten

Als nächstes testete ich mit einem 70mm-Objektiv. Parallaxbewegungen sehen ziemlich schön aus, und diese sind mit längeren Brennweiten umso imposanter. Insofern war mein Plan, mich immer weiter in den Telebereich vorzuarbeiten. Parallel dazu sollte man das Ansprechverhalten der Motoren immer weiter zurückschrauben beziehungsweise den Deadband erhöhen. Am Ende habe ich eine Parallelfahrt mit circa 420 mm Brennweite gemacht, in der natürlich auch Wackler sind, aber mit 5% Stabilisation in der Post lässt sich das ausbügeln.

Makro

Ronin-S
Bei den Makroaufnahmen empfiehlt sich die Fernsteuerung per Handy, um Wackler zu vermeiden.

Bei den Makroaufnahmen habe ich die Fernbedienung übers Handy genutzt, um die Fahrten zu machen. Hier kann man ja, wie erwähnt, Bewegung und Ansprechverhalten des virtuellen Joysticks über die App weit herunterschrauben – jegliches Berühren des Gimbals hätte zu Wacklern geführt.

Cablecam-Einsatz

Natürlich habe ich es mir nicht nehmen lassen, den Ronin-S auch an unsere Cablecam zu bauen. Auch hier kam uns die Fernbedienung zugute. In Verbindung mit einem anderen Handy, über das die Videovorschau lief, hat man hier ein sehr kompaktes und funktionierendes System.

Hyperlapse-Aufnahmen

Diese mache ich prinzipiell nur aus der Hand. Einfache Parallelfahrten ließen sich aber auch problemlos mit dem Ronin-S machen, und zwar so: Framerate der Kamera auf 2 fps oder weniger, Head Lock Mode an und einfach loslaufen.

Fazit

Meine Gesamteinschätzung liest sich ja eigentlich schon aus dem Artikel heraus. Warum sollte man einen Einhand-Gimbal bauen, der so schwer ist? Macht ja eigentlich keinen Sinn. Sieht man sich aber die Anwendungsgebiete und vor allem die durchdachte Konstruktion des Ronin-S an, wird schnell klar, wo er seinen Platz findet. Fernab vom Youtube-Vlog-Gehüpfe fügt er sich perfekt ins professionelle Arbeitsumfeld von Film- und Videoproduktionen ein, bei denen ein kompaktes Setup vonnöten ist. Oder überall da, wo man einen Ronin-M bräuchte, aber alleine ist. Da man bei solchen Drehs auch nicht den ganzen Tag Interviews filmt, steht der Gimbal nach einem Take meistens eh erstmal auf dem Boden, und man kann sich entspannen.

Meine anfänglichen Bedenken bezüglich des Eigengewichts haben sich nicht bestätigt, zum Ende hin bin ich sogar wieder zu meiner ursprünglichen Einhand-Haltetechnik zurückgekehrt. Was ich bis jetzt an Setups mit dem Ronin-S gesehen habe, ging von Kameras wie der Canon C200 bis hin zur Red. Da die Motoren ja Power haben, bin ich sehr gespannt, was noch auf den Ronin-S passt.

Alles in allem hat der Ronin-S jetzt einen neuen Fan gewonnen. Auch hier kann man wieder den iPhone-Vergleich heranziehen und beim Ronin-S ist es nicht anders: Das Teil macht, was es soll, man muss nicht viel einstellen und ganz wichtig: Es ist da, obwohl man es nicht bemerkt – eine perfekte Voraussetzung für jedwedes Filmequipment.

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Autor
Sas Kaykha
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