Top-Story: 23.09.1999

HDTV und 24P in Europa: Film als Ziel?

Noch stärker als erwartet, betonten während der IBC99 etliche Aussteller die Themenkomplexe HDTV und 24P. Ob HDTV und 24P-Produktion in Europa schon bald eine größere Rolle spielen werden, ist allerdings noch offen.

Zwar herrscht ein nahezu genereller Konsens darüber, dass sowohl HDTV wie auch 24-P-Produktion Auswirkungen in Europa haben werden, aber über Intensität und Zeiträume gehen die Ansichten doch relativ weit auseinander. (Siehe auch Interviews mit Hersteller-Vertretern zu diesem Thema). Teilweise wird die Diskussion dadurch erschwert, dass nicht alle dasselbe meinen, wenn sie von HDTV oder 24P sprechen.

Der relativ unscharf gefasste Begriff HDTV hat eine Bedeutungswandlung hinter sich. Längst steht HDTV, also High-Definition-Television, nicht mehr nur als Sammelbegriff für die verschiedenen Sendeverfahren, die dem Zuschauer ein schärferes, feiner aufgelöstes Bild ins Wohnzimmer bringen sollen. Heute wird unter dem Oberbegriff HDTV jedes digitale Verfahren oder System eingeordnet, das in der Lage ist, elektronische Bewegtbilder mit höherer Auflösung als 525 oder 625 Zeilen aufzuzeichnen, auszustrahlen oder darzustellen.

Die sprachliche Unterscheidung von HD-Produktion und HDTV-Ausstrahlung hat sich überlebt. Das Senden von HDTV-Signalen ist in Europa und speziell im deutschsprachigen Raum derzeit ohnehin kein Thema. HDTV als Heim-Fenseh-Standard ist ˜ wenn es je kommt ˜ hierzulande noch in weiter Ferne. In den USA dagegen hat HDTV in seiner ursprünglichen Bedeutung wieder Auftrieb erhalten, seit dort der staatlich verordnete Umstieg auf digitale Fernsehausstrahlung (DTV) begonnen hat. Im amerikanischen DTV-Standard sind auch Signale mit 720 und 1080 Zeilen definiert.

Während an die HDTV-Ausstrahlung im deutschsprachigen Raum vorerst nicht zu denken ist, sieht es auf der Produktionsseite ganz anders aus: Hier gibt es auch in Europa wieder erste Ansätze, auch bei der elektronischen Produktion mit höherer Bildqualität zu arbeiten. Die Gründe dafür sind vielfältig: Man möchte auf Messen oder bei Produktpräsentationen ein spezielles Bilderlebnis bieten, oder es soll bei anspruchsvolleren Produktionen sichergestellt werden, dass man das Material auch in Zukunft noch in der dann auf Consumer-Ebene jeweils aktuellen Bildqualität anbieten und weiterverwerten kann. Wo Film zu teuer und normales 625-Zeilen-Video zu schlecht ist, ist die Lücke für HDTV-Produktion.

Der Großteil des deutschsprachigen Fernsehgeschäfts ist von dieser Entwicklung losgelöst: So sind TV-Produktionen in deutscher Sprache ˜ bis auf wenige Ausnahmen, wie »Derrick«, »Helicops« und »Kommissar Rex«˜ international leider nicht sehr gefragt. Das Argument, man müsse die Mehrkosten für eine HDTV-Produktion in Kauf nehmen, um auch künftig TV-Produktionen in die USA exportieren zu können, läuft demnach bei den weitaus meisten deutschsprachigen TV-Produktionen ins Leere. Allenfalls international verwertbare TV-Produktionen wie Kultur-Ereignisse und Tierfilme, werden im Fernsehbereich eventuell in HDTV aufgezeichnet. Da aber die Systementscheidungen der nationalen Broadcaster im deutschen Markt eine nahezu unverändert starke Symbolwirkung haben, dürfte HDTV noch für eine geraume Zeit in der deutschsprachigen Video-Produktion eher ein Randthema sein.

Bleibt also der Filmbereich: HDTV-Systeme sollen die klassische Filmproduktion ergänzen und in manchen Bereichen den chemischen Film als Aufnahmemedium ersetzen. In diese Richtung zielt das zweite Schlagwort der IBC99: 24P.

Darunter wird in der Praxis die digitale Produktion mit 24 Vollbildern pro Sekunde verstanden. Man übernimmt also die beim Film übliche Bildrate und arbeitet zudem nicht wie sonst im Videobereich üblich mit Halbbildern (interlaced), sondern mit Vollbildern (progressive). In aller Regel ist in den Begriff 24P auch gleich noch mit eingeschlossen, dass Bilder mit 720 oder 1080 Zeilen Auflösung verarbeitet werden.

24P hat, besonders für Spielfilme und im Zusammenspiel mit dem amerikanischen DTV-Standard, viele Vorteile. Schon in wenigen Jahren soll es in den USA nur noch digitale TV-Ausstrahlung geben, aber innerhalb des neuen Standards sind zahlreiche Formate und Bildqualitätsstufen möglich. Nun möchte vielleicht ein großes Network einen Spielfilm in HDTV ausstrahlen, während mehrere kleine Broadcaster das gleiche Programm in normaler Bildqualität senden möchten, weil das einfach billiger ist. Da ist es natürlich naheliegend, ein digitales Master in der höchsten elektronischen Qualität herzustellen, die möglichst nah am Film liegt , also 24P mit 1080 Linien, und aus diesem Master bei Bedarf die jeweils gewünschten Formate zu erzeugen, sprich sie mit Computern oder speziellen Signalkonvertern herunter zu rechnen.
Die Alternative hieße, den Spielfilm in allen denkbaren Formaten abzutasten und ein Master in jeder Qualitätsstufe vorzuhalten. Das ist nicht nur unpraktischer, sondern auch teurer.

Wo liegen die Grenzen von 24P? Dort, wo diese Produktionsmethode zu teuer ist und dort, wo sie keinen Sinn macht. Letzteres trifft etwa auf Sportübertragungen oder -aufzeichnungen zu, denn gerade, wenn es schnelle Bewegungen im Bild gibt, hat die traditionelle Videotechnik mit 50 Halbbildern pro Sekunde Vorteile, weil die zeitliche Auflösung der Bewegungsabläufe mehr als doppelt so hoch ist als bei der Aufzeichnung mit 24 Bildern pro Sekunde.

Bedenkt man, dass rund 80 Prozent des derzeitigen Primetime-TV-Programms in den USA ursprünglich auf Film produziert wurden, wird schnell klar, dass 24P definitiv eine Zukunft hat. Mit 24P wird zudem ein alter Traum der Kopierunternehmen wahr, für dessen Realisierung es schon verschiedene Ansätze gab (unter anderem auch von Ampex): Man kann aus ein und demselben elektronischen 24P-Master PAL- und NTSC-Kopien in der jeweils optimalen Qualität herstellen, ohne die Fehler und Artefakte von Normwandlungen in Kauf nehmen oder zwei getrennte Filmabtastungen durchführen zu müssen.

Betrachtet man 24P vor dem bisher beschriebenen Hintergrund, erklärt sich, weshalb vor allem Avid und Discreet, aber auch andere Anbieter nonlinearer Schnittsysteme dieses Thema betonen: Aufnehmen mit Film, dann Abtasten und die komplette Nachbearbeitung bis zur Herstellung des elektronischen 24P-Masters mit einem nonlinearen System abwickeln. So sieht der für viele Fälle sicher verlockende und logische Weg aus, den dieser Teil der Herstellerindustrie vorzeichnet.

Der Filmabtaster, den man dafür braucht, kann in Zukunft von den hier etablierten Anbietern Cintel und Philips kommen, aber auch erstmals von Sony, denn passend zum Anlauf der Universal-Master-Produktion auf 24P hat Sony seinen Filmabtaster Vialta fertig. Auch andere Anbieter wittern die Gunst der Stunde, wollen teilhaben am großen Schub der Neu- und Wiederabtastung von Filmproduktionen, so etwa das britische Unternehmen Innovation TK, das während der IBC‚99 seinen Abtaster Millenium Machine vorstellte, der allerdings noch nicht funktionsbereit war.

Wenn es darum geht, die 24P-Daten aufzuzeichen, die aus dem Filmabtaster kommen, bieten sich die Hersteller von Disk-Recordern an. In vorderster Reihe ist das Pluto mit seinem HyperSpace, aber auch der vom Farbkorrektur-Spezialisten Da Vinci übernommene Disk-Spezialist Sierra Design Labs will hier mitmischen. Auch Grass Valley kündigte schon eine HD-Version des neuen, komplett überarbeiteten Profile XP an, der zur NAB2000 verfügbar sein soll.

Als Alternative zum Disk-Recorder präsentiert sich mit besonderen Stärken beim Thema Archivierung: der 24P-Videorecorder. JVC modifiziert dafür seine D9-Maschine und ermöglicht so die Aufzeichnung mit einer Datenrate von 100 Mbps und einer Bildrate von 24 fps. Panasonic macht das gleiche mit DVCPRO in der 100-Mbps-Variante, Sony setzt auf das eigene HDCAM-Format. Alle zeigten im Rahmen der IBC‚99, dass sie bereit sind, die 24P-Straße zu beschreiten.

Soweit scheint alles klar. Aber wozu braucht man eigentlich einen 24P-Camcorder? Auch wenn es niemand von den Herstellern offen ausspricht, weil man die als empfindsamer eingeschätzte Filmproduktions-Gemeinde nicht verschrecken will: damit soll Electronic Cinematography wahr werden. Der nächste Angriff auf die fast uneinnehmbar scheinende Bastion der Filmanwender hat begonnen. Ein 24P-Camcorder erreicht ohne zusätzliche Tricks die gleiche zeitliche Auflösung wie eine Filmkamera, nimmt damit schon per Definition die erste Hürde zum »Filmlook«. Dazu kommt: Die Auflösung von 1080 Zeilen ist eben doch noch einmal deutlich besser, als alles, was man mit Digi-Beta-Camcordern erreichen kann, auch wenn man noch so viele Film-Accessoires daran befestigt. Und zum Schluss das Argument, das sicher viele Produzenten bewegen wird, einen 24P-Camcorder auzuprobieren: Die Kosten für das Bandmaterial spielen im Vergleich zu den Filmmaterial- und Filmentwicklungs-Kosten eigentlich fast keine Rolle.

Natürlich ist den Verantwortlichen bei den Videokamera-Herstellern klar, dass sie den Filmproduktionsmarkt nicht im Sturm erobern können, dass ihr Equipment auch Nachteile gegenüber der Filmtechnik hat. Aber mit 24P und digitalem HDTV-Equipment setzen sie einen ganz anderen Hebel an dieser harten Nuss an, als er bisher zur Verfügung stand. Auftrieb gibt es dabei auch von anderer Seite: Immer lauter denken Filmgrößen wie der Merchandising-Yedi-Ritter George Lucas über komplett digital produzierte und in einem elektronischen Kino vorgeführte Spielfilme nach.

Natürlich kontern die Filmgeräte-Hersteller und ein besonders schönes Beispiel dafür ist die Aaton A-Minima: Diese Super-16-Kamera schlägt die Video-Equipment-Hersteller mit deren eigenen Mitteln: Die A-Minima ist viel kleiner und kompakter als die 24P-Camcorder, sie sieht von weitem eher aus wieder neue Canon-DV-Camcorder XM-1 oder der DV-Klassiker DCR-VX1000 von Sony. Aber die A-Minima bietet eben 24 Vollbilder pro Sekunde (fps) und vollen 16-mm Filmlook.
[Ende]

Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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