Editorial, Kommentar, Top-Story: 09.09.2007

Fokusverlagerungen

HD ist im Fernsehalltag angekommen — in Deutschland noch auf Sparflamme, anderswo auf deutlich breiterer Basis. Und nachdem die ersten praktischen Erfahrungen mit den unterschiedlichen Interlaced- und Progressive-Standards bei den Broadcastern vorliegen, herrscht zwar immer noch ziemliches Chaos in puncto Formaten und Medien, aber wenigstens in einem Punkt ist mehr oder weniger Konsens erreicht: Hochwertige Produktionen sollen mittelfristig mit 1080 Zeilen und 50 oder 60 progressiven Bildern aufgezeichnet und möglichst auch nachbearbeitet werden. Aus dem 1080p-Material lässt sich dann das gewünschte Distributionsformat leicht und in höchster Qualität generieren, so die Idee.

Erste Schritte auf dem Weg dahin sind gemacht, es mangelt aber noch an Infrastrukturprodukten. Besondere Bedeutung kommt dabei der 3-Gbps-Schnittstelle zu, die man hierfür braucht. Erste 3-Gbps-Chips wurden vor gut einem Jahr vorgestellt und seither hat sich die Lage deutlich geändert. Etliche Hersteller legen ihre Infrastruktur-Produkte jetzt auf 3 Gbps aus, so dass Modular-Produkte und Kreuzschienen für 1080p50 gerüstet sind. Der Messtechnik-Spezialist Tektronix etwa zeigt an seinem IBC-Stand eine 3-Gbps-Technologie-Demo, die stets stark umlagert ist.

Mit den ersten 3-Gbps-Geräten, die während der IBC bei etlichen Hersteller zu sehen sind, dürfte auf dem Weg zu 1080p50 ein wichtiger Meilenstein erreicht sein, auch wenn die verbleibende Wegstrecke ganz sicher noch den einen oder anderen Anstieg mit sich bringen wird.

Worum geht es noch bei der diesjährigen IBC? Um Infrastruktur in einem anderen Sinn als auf Schnittstellen, Kreuzschienen, Wandler und Coder bezogen: um die vielbeschworene Optimierung der Workflows. Standen etwa bei den Postproduction-Herstellern früher hauptsächlich neue Features im Fokus – am liebsten im Effektbereich – hat sich das Bild hier deutlich gewandelt: Es ist nüchterner geworden, das Ganze hat wieder mehr Bodenhaftung. Worum geht es? Darum, die Arbeitsabläufe zu verbessern, dafür zu sorgen, dass das Equipment wieder besser zusammenspielt, die Übergänge reibungsloser werden. Die Betonung liegt nun wieder eher auf Neuerungen, die etwa darin bestehen, dass sich künftig Projekte zwischen den Effektsystemen Flame und Smoke besser austauschen lassen oder dass Apple und Avid 720p direkt, ohne Transcoding unterstützen wollen.

Gleichzeitig rückt ein Aspekt des file-basierten Produzierens in den Fokus, dem viele bisher zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatten: Datenmanagement. Was nutzen zig Terabyte zentral gespeicherter Daten, wenn keine effektive Such- und Browse-Möglichkeit zur Verfügung steht. Mit neuen Softwares und Tools werden heute Daten und Projekte in einer Zeit, in einem Umfang und mit einer Komplexität realisiert, wie sie noch vor wenigen Jahren schlichtweg undenkbar waren. Das gelingt nur, weil die einzelnen Systeme und Softwares immer enger verzahnt werden, weil sich Projekte besser verwalten lassen, weil Bearbeitungsschritte vereinfacht werden. Von Spycer (DVS) bis Media Archive (Blue Order) reichen die zahlreichen Produkte und Ansätze, die für unterschiedliche Anforderungen entwickelt wurden und doch alle ein Ziel haben: den effektiven Umgang mit großen Mengen an Media-Files.

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Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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