Editorial, Kommentar, Top-Story: 13.05.2014

Die Kaiserin von Österreich trägt jetzt einen Bart

Conchita Wurst, das Alter Ego des österreichischen Travestie-Künstlers Tom Neuwirth, hat den Eurovision Song Contest 2014 gewonnen. Das Alleinstellungsmerkmal von Conchita Wurst bei diesem Auftritt war es, dass sie zu femininem Show-Make-Up und einem divenhaften Abendkleid einen Vollbart trug. Aber wem sagen wir das: Den ESC sahen fast neun Millionen Zuschauer in Deutschland und die Medien sind voll von Nachrichten über den Sieg des österreichischen ESC-Beitrags.

Und jetzt? Manche sind begeistert, finden das Lied toll und/oder freuen sich über die liberale Botschaft, dass ein bärtiger Crossdresser einen europaweiten Gesangswettbewerb gewinnen kann. Andere hingegen sehen darin einen weiteren Beweis für den Untergang des Abendlandes.

Dazwischen oder daneben scheint es nichts zu geben. Und so kann man beobachten, dass sich viele nun fast einen abbrechen, um nur ja politisch korrekt zu formulieren, die Vielfalt zu preisen, locker und positiv zu wirken — obwohl sie weder mit Conchita Wurst, noch mit deren Musik etwas anfangen, oder sich dafür begeistern können, aber andererseits eben auch keinen Anlass sehen, dem Ganzen irgendwie ablehnend gegenüber zu stehen.

Hat der ESC eine gesellschaftspolitische Bedeutung? Doch höchstens als Indikator. Und so kann und darf man doch zweifellos auch das gesamte, beim ESC präsentierte Musikschaffen und den damit verbundenen Affenzirkus schlimm finden — oder irrelevant und uninteressant. Das gehört schließlich auch zur Meinungsfreiheit.

Neun Millionen sind — nebenbei bemerkt — sicher keine schlechte Quote, aber es ist eben bei weitem auch nicht die Mehrheit der Bevölkerung, die sich für das Spektakel aus Kopenhagen interessiert hätte. Und wenn man die Kosten und den Aufwand betrachtet, den der ESC verursacht, darf man durchaus Zweifel hegen, ob die Fernsehgebühren, die dafür ausgegeben werden, gut angelegt sind.

Gibt es ein Recht auf Gleichgültigkeit? Angeblich wählte Conchita Wurst ihren Künstlernamen auch als Zeichen im Kampf gegen Vorurteile: Es müsse Wurst sein, wie sich jemand gibt und wie er ist, jeder habe ein Recht darauf, so zu sein, wie er will. Damit haben sich schon viele Philosophen beschäftigt, aber wenn wir einfach mal der Vorlage von Conchita Wurst folgen: Darf es uns dann auch gleichermaßen Wurst sein, ob sich Lady Gaga bei einer Pressekonferenz einen Schnurrbart anklebt, oder ob Conchita Wurst einen Vollbart trägt?

Es wäre schön, wenn ein Damenvollbart genügen würde, um mit Rassismus und Vorurteilen aufzuräumen. Als PR-Gag, um bei einem Gesangswettbewerb Aufmerksamkeit zu erregen, hat er zumindest schon perfekt funktioniert.

Sie werden sehen.

Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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