Kommentar, Top-Story: 16.10.2002

Reise in die Vergangenheit

Die Halbwertzeit von Branchen-Modeworten wird immer kürzer. Mittlerweile halten sie kaum noch eine komplette Messe-Saison durch. Das war früher anders, aber wer erinnert sich überhaupt noch an den jahrelang geschundenen Begriff »Multimedia«? Alles und nichts war mal Multimedia. Vieles von dem, was einst mit großem Getöse unter diesem Begriff angekündigt wurde, ist längst relativ lautlos Realität geworden. Manches, was hinein gedeutet und gepresst wurde, lebt unter anderen Bezeichnungen weiter, anderes verschwand in der Mottenkiste.

Was bleibt am Ende davon übrig? Für solche Fragen gibt es kluge Köpfe wie Joseph Weizenbaum. Joseph Weizenbaum ist emeritierter Professor des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT). Er wurde 1923 in Berlin geboren und gilt als kreativer, aber skeptischer Denker im Bereich Informatik, oder etwas allgemeiner gefasst: als Computer-Kritiker.

Zum Thema Multimedia sagte Joseph Weizenbaum schon 1994 in einem Interview: »Mir fällt in diesem Zusammenhang der Film »Key Largo« ein. Edward G. Robinson spielt darin einen Gangster. In einer Szene fragt ihn Humphrey Bogart, der sich im Film in seiner Gewalt befindet: »What do you want?« Der Film zeigt dann ganz deutlich, dass sich der Gangster diese Frage nie gestellt hat. Sie können das aus seinem Gesicht förmlich ablesen. Die Frage trifft ihn, er denkt nach, und nach einigen Augenblicken hellt sich sein Gesicht auf. Er hat eine Antwort gefunden, die meiner Meinung nach auch die Entwicklung dieser Medien gut widerspiegelt. Er sagt: »I want more, that’s what I want – more.« Unser »Way of life« macht Gangster aus uns allen.«

Joseph Weizenbaums Analogie passt auf so viel mehr, als nur auf den Begriff Multimedia. Stellen Sie sich und anderen doch mal in unterschiedlichen Zusammenhängen die Frage »What do you want?«. Sie werden überrascht sein, wie oft man die Antwort auf »more« reduzieren kann. Sie werden sehen.

Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller
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