Kommentar, Top-Story: 19.06.2003

Der Preis für Information

Die Recherche im Internet ist nicht nur für Journalisten zu einem wichtigen Standard-Tool geworden, denn sie ist unschlagbar schnell und aktuell. Vielfach dient die erste, schnelle Internet-Recherche als Auslöser, ein interessantes Thema auf zu greifen, tiefer zu graben, mit Leuten zu telefonieren und so weitere Informationen zu sammeln.

Aber die Internet-Recherche ist auch gefährlich. Und damit ist hier nicht gemeint, dass viele ungefilterte, unzuverlässige oder schlicht falsche Informationen im Web zur Verfügung stehen, auf die man herein fallen kann. Ohne Hintergrundwissen oder Erfahrungswerte in Bezug auf die jeweilige Quelle, wird man sehr schnell in die Irre geleitet.

Es lauert eine weitere Gefahr im Netz, die den Rechercheur viele Nerven kosten kann: Wer viele Informationsquellen im Web sondiert und mit seiner E-Mail-Adresse auf vielen Newsletter- und Infolisten steht, der muss sich nämlich damit abfinden, dass er auch mit Unmengen an Mails zugeschüttet wird, die er eigentlich gar nicht haben will oder die gar keine wirkliche Information enthalten. Ein Blick in die Redaktions-Mailbox von www.film-tv-video.de genügt, um das zu bestätigen. Solange die Informationen zumindest entfernt noch fachlicher Natur sind, geht das alles in Ordnung, denn diese Selektion ist letztlich der Job einer Redaktion.

Mühselig wird’s allerdings, wenn man einmal in die Klauen der zahllosen Spam-Mail-Versender gerät, was fast unvermeidlich ist: Dann überfluten plötzlich Mails mit Titeln wie »Loose weight with no diet«, »Increase muscle density« und »Make her scream« die Mailbox, ergänzt von den vielen unsäglichen Angeboten für »Penis Enlargements« und ähnliches.

Was tun? »Unsubscribe«-Mails landen meist nur wieder in der eigenen Mailbox, weil sie unzustellbar sind, oder sie rufen noch mehr Junk-Mail auf den Plan. Hoffnungsvoll blickt der genervte Nutzer auf Spam-Filter und den Abgleich mit Spam-Mail-Listen: Das Ausblocken von Mails mit einschlägigen Schlüsselwörtern in der Subject-Zeile etwa scheint aber das Problem nur zu verlagern: Mit etwas Glück schafft man es zwar, keine »Hot Teens«-Mails mehr zu bekommen, dafür flattern aber plötzlich verstärkt Angebote für Topkredite zu Spitzenkonditionen oder für die Bestellung von Prozac und Anabolika übers Internet in die Mailbox.

Don Quichottes Windmühlen lassen grüßen: Das geht wohl endlos weiter. So stellt sich die Frage: Ist das manuelle Löschen all der Nerven sägenden Spam-Mails, die trotz aller Filter doch irgend wie durch rutschen, der Preis, den man für die wenigen Sahnestückchen dazwischen bezahlen muss? Für die echten Informationen, die man haben will, die einen wirklich interessieren? Muss man sich Zeit stehlen und zwingen lassen, schon in den Betreffzeilen unerwünschter Mails immer wieder einen Blick in den ganz offenbar unendlich tiefen Abgrund menschlicher Gier, Geistesverwirrung und Triebhaftigkeit zu werfen?

Es fällt schwer, das aus zu sprechen, aber die Antwort darauf ist offenbar ein schlichtes »Ja«: Wer informiert sein will, muss leiden.

Aber das gilt leider nicht nur für Internet und E-Mail, sondern auch für viele andere Medienbereiche: Für die Musikbranche, fürs Kino und vor allem fürs Fernsehen. Das kann jeder am eigenen Leib erfahren: Wer auf eine gute Dokumentation, einen spannenden Film oder eine unterhaltsame Talkshow hofft, muss sich entweder vorher gut informieren, sich auf das Urteil anderer verlassen oder sich eben erst durch zahllose, schwachsinnige Programme zappen. Und das eben all zu oft mit dem Ergebnis, nach 30 Programmen frustriert fest zu stellen, dass wieder nichts dabei ist. Und trotzdem macht man es immer wieder.

Sie werden sehen.

Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller
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