Editorial, Kommentar, Top-Story: 17.09.2007

Die IBC ändert sich — gewollt und ungewollt

Die europäische Marketingabteilung von Panasonic hält die IBC im Grunde für überflüssig und ineffektiv. Bei Avid denkt man wohl ähnlich und hat sich vom IBC-Messebetrieb ebenfalls weitgehend zurückgezogen. Viele Aussteller halten die Messe für viel zu teuer. Die aktuellen Besucher- und Ausstellerzahlen der IBC2007 sorgen allerdings dafür, dass all diese Anwürfe die Veranstalter nicht anfechten dürften, denn die Messe läuft ja.

Tatsächlich hat sich der Charakter der Messe in den vergangenen Jahren verändert. Die Veranstalter sind stolz darauf, die Messe um neue Themenbereiche ergänzt und das früher oft sehr akademische Vortragsprogramm praxisnäher gestaltet zu haben. Es gibt aber auch noch weitere Veränderungen, die sich ohne Einwirken des Veranstalters vollzogen haben.

Obwohl etliche Firmen, darunter auch Schwergewichte wie Harris und Sony, zur IBC echte Neuheiten präsentierten, geht die Tendenz hierzu doch deutlich zurück: Als Launch-Plattform für Produktneuheiten wird bei immer mehr Anbietern ausschließlich die NAB genutzt. Zur IBC gibt es dann keine weiteren Neuheiten, sondern man kann den Produktfortschritt begutachten, den die zur NAB oft mit heißer Nadel gestrickte Neuankündigung seither gemacht hat.

Immer mehr Firmen sprechen auf die Frage nach Neuheiten während der IBC offen aus, dass es an ihrem Stand nichts zu sehen gebe, was nicht schon zur NAB gezeigt wurde. Als gleichwertig oder besser als die NAB wird die IBC nur von ganz wenigen eingestuft — dennoch finden viele die IBC sinnvoll, um eben auch in Europa die Neuerungen vorzustellen. Eine zentrale Messe hat dabei gegenüber vielen kleinen Roadshows, Hausmessen und Regional-Events eben den großen Vorteil, dass die kleinen Firmen von der Sogkraft der Großen profitieren und die Besucher (fast) alles, was sie interessiert, innerhalb von ein oder zwei Tagen zumindest im Überblick sehen und auf Ihrer Liste abhaken können.

Von einer weiteren Veränderung berichteten zahlreiche Aussteller im Gespräch mit der Redaktion von film-tv-video.de: Anders als früher, wird nun während der IBC auch tatsächlich gekauft. Dabei ist nicht von lange vor der Messe eingefädelten Deals die Rede, die dann publikumswirksam während der Messe signiert werden, sondern von Bestellungen, auf die der jeweilige Aussteller vielleicht gehofft, aber mit denen er nicht gerechnet hatte. Echte Spontankäufe sind in der Investitionsgüterbranche zwar unverändert eher selten, aber ein Wandel von der reinen Vorführ- zur Verkaufsmesse deutet sich durchaus an. Zum einen sitzt das Geld in der Branche wieder lockerer, bei manchem Anwender gibt es echten Modernisierungsbedarf, und die Produkt- und Innovationszyklen werden in Zeiten des IT-Broadcastings immer kürzer. So ist es etwa heute nicht nur sehr viel billiger, etwa einen Spartensender aus der Taufe zu heben, sondern das geht auch sehr viel schneller und man muss nicht notwendigerweise schon Jahre vorausplanen — und kann es in vielen Fällen auch gar nicht.

Was sich ebenfalls in der Messe spiegelt, ist eine Entwicklung, die schon lange schleichend vorangeschritten und nun zur vollen Entfaltung gelangt ist: Im Unterschied zu den Herstellern scheuen die Anwender schon längst nicht mehr vor dem Mixen von High-End-Profi- und Low-End-Prosumer-Equipment zurück. Bei fast allen großen Unternehmen gibt es hier noch eine klare, auch organisatorische Trennung, aber Flame-Besitzer haben heute eben auch Combustion und 3ds Max in der Firma, gleichgültig, ob diese Produkte beim Hersteller Autodesk in unterschiedlichen Abteilungen angesiedelt sind. Auch wächst die Zahl der Firmen, die bei Canon sowohl Broadcast-Objektive kaufen wie auch deren Prosumer-Camcorder einsetzen. Für Sony, Panasonic und andere Firmen sieht es in vielen Fällen ebenso aus und es kommt noch hinzu, dass die Kompatibilität von deren Geräten zu sehr viel billigeren Produkten wie beispielsweise der Schnitt-Software Final Cut Pro von Apple zu einem immer bedeutenderen Verkaufsargument wird.

Wenn das Zusammenspiel verschiedener Komponenten und der während der Messe vielbesungene Workflow-Gedanke immer wichtiger werden, dann ist eine zentrale, große Messe, wo genau das gezeigt wird, ein naheliegender Gedanke. Ob die IBC so etwas leisten kann, bleibt abzuwarten.

Sie werden sehen.

Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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