Editorial, Kommentar, Top-Story: 22.03.2013

Lauter absolute Weltsensationen

Die nahende NAB wirft ihre Schatten voraus — und zwar ziemlich dunkle, sehr lange Schatten. Nein, es ist nicht zu vermuten, dass die diesjährige Broadcast-Messe in Las Vegas zu einem Trauerspiel werden könnte. Im Gegenteil, man darf sogar davon ausgehen, dass sich die NABShow regen Zuspruchs erfreuen wird und sogar ein paar große Neuheiten auf uns zukommen.

Die vorauseilenden Schatten der Messe sind — zumindest aus Sicht der Redaktion — heute elektronischer, digitaler Natur: Die erste Pressemitteilung eines Unternehmens zur diesjährigen NAB ging bei der Redaktion von film-tv-video.de am 4. Januar dieses Jahres ein. Seither steigerte sich das E-Mail-Aufkommen zum Thema NAB erst ganz langsam und nun geht es mit anwachsender Taktzahl in schwindelnde, ungekannte Höhen — ein Ende ist nicht abzusehen.

Ist die Branche gewachsen? Ist der Innovationstakt kürzer und gibt es infolge dessen einfach viel mehr, worüber informiert werden muss? Ehrlich gesagt, eher nicht. Aus Sicht der Redaktion hat die überproportional gewachsene Informationsflut einen ganz anderen Grund: Immer mehr Unternehmen und Agenturen setzen ganz offenbar auf die Methode »Viel hilft viel« oder auf das damit verwandte »Prinzip Schrotflinte«: Zu jedem kleinen Schnickschnack wird eine separate Pressemitteilung verschickt, oder — um die Spannung zu steigern — gleich mehrere, leicht unterschiedliche nacheinander. Zu jeder Pressekonferenz oder sonstigen Veranstaltung wird nicht nur einmal, sondern mindestens dreimal eingeladen und dann werden noch ebensoviele »Reminder« nachgeschossen — unabhängig davon, ob man geantwortet hat, oder nicht.

Um sich aus diesem selbst erzeugten Flächenbombardement dann noch irgendwie abzuheben, wählen etliche Agenturen und PR-Abteilungen einen immer noch schrilleren und aufgeregteren Ton: Auch winzige Produktverbesserungen werden als absolute Weltsensationen angekündigt, angeblich mit dem Potenzial ausgestattet, die ganze Branche umzukrempeln — ach, weshalb so bescheiden — weit über die Branche hinaus, tiefgreifende Wirkungen zu entfalten. Und wenn abends am Messestand oder in irgendeinem Hotel in Anwesenheit eines Abteilungsleiters Erdnüsschen gereicht werden sollen, wird daraus gleich ein »VIP-Briefing« oder ein »exclusive High-Level-Executive-Dialogue«.

Ja, es ist der Job der Redaktion, daraus das Richtige und Wichtige auszufiltern und niemand beklagt sich darüber — manchmal kommen einem aber doch Bedenken, was die Menschheit alles erreichen könnte, wenn sich intelligente, gebildete Menschen nicht mit dem Verfassen, Aufblähen und Verbreiten von im Grunde überflüssigem Datenmüll beschäftigen müssten, den man als Redaktion dann wieder aussortieren, trennen und komprimieren muss …

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Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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