Editorial, Kommentar, Top-Story: 09.07.2014

Emotionen! Ganz große Emotionen!

Bei der Übertragung großer Sport-Events geht es den Sendern und Host-Broadcastern immer mehr darum, den Zuschauer emotional zu packen: Er soll teilhaben an der Veranstaltung, mitten drin sein, die Gefühle der Sportler auf einen Blick erfassen, sich mit ihnen freuen oder mit ihnen leiden — je nach Situation.

Neben immer mehr, immer extremeren Blickwinkeln, sind Superzeitlupen das bevorzugte Stilmittel hierfür. Immer öfter greifen die Bildregisseure zu dieser Technik. Das kann man bei der aktuellen Berichterstattung von der Fußball-WM wunderbar verfolgen.

Zweifellos bieten Zeitlupen dem Zuschauer gerade bei Zweikämpfen oder strittigen Spielszenen einen enormen Mehrwert. War das scheinbar harmlose Foul doch schwerwiegender? Steckte absichtliches, fieses Nachtreten dahinter, oder nicht? Außerdem werden hier die schauspielerischen Glanzleistungen der Schwalbenkönige noch einmal gewürdigt und man kann sehen, welche Spieler allem Anschein nach die Abseitsregel immer noch nicht begriffen haben.

Hier liefert die Technik mit Zeitlupe und vielen Blickwinkeln einen echten Mehrwert, gibt dem Zuschauer Informationen, die er sonst nicht bekäme — von diesem Aspekt aus betrachtet: Besser als im Stadion.

Aber die Stimmung, die Emotion, die im Stadion herrscht, die lässt sich über den Bildschirm dann doch noch nicht so ganz ins Wohnzimmer transportieren. Also wurde das Public Viewing erfunden: Fernsehblickwinkel und Zeitlupen plus Gruppenerlebnis. Das spricht offenbar eine wachsende Zahl von Fußballfans an — auch solche, für die der Event-Charakter offenbar wichtiger ist, als das jeweils übertragene Fußballspiel.

Das wird unter anderem auch dadurch befeuert, dass die Bildregisseure mit zahllosen Zwischenschnitten auf das Publikum im Stadion versuchen, den Event-Charakter zu betonen und zusätzlich Stimmung und Emotion zu transportieren — und wenn man schon Zeitlupenkameras vor Ort hat, dann kann man ja auch die Fans in Slomo zeigen.

So kommt es, dass es bei Fußballübertragungen immer mehr Szenen in die Berichterstattung schaffen, die keinerlei Mehrwert bieten: So kann man mitunter während des weiterlaufenden Spiels den jeweils am schrillsten verkleideten Fans gefühlte Ewigkeiten in Zeitlupe dabei zuzuschauen, wie sie sich freuen, ärgern oder wie sie trauern.

Wer statt Fußballszenen lieber den Yogi-Bär, gallische Hähne, Samba-Königinnen, englische Kreuzritter oder wild geschmückte Azteken sehen will, den könnte man vielleicht mit einer Karnevalssendung besser bedienen.

Für den echten Fußballfan, der sich für das Spiel mehr interessiert als für das Drumrum, ist das hingegen leider noch uninteressanter, als wenn der Trainer gefühlte Minuten zu sehen ist, wie er seine Augen verdreht, weil zuvor ein Spieler eine hundertprozentige Chance vergeben hat. Und will man wirklich wieder und wieder in Zeitlupe sehen, wie sich die Backen eines Spielers langsam nach oben und dann wieder nach unten bewegen? Das hat spätestens nach der dritten Einstellung dieser Art ebenfalls nur noch sehr begrenzten Mehrwert — auch wenn es die Backen von Ronaldo oder Neymar sind.

Solange solche Schnitte in langweiligen Spielphasen stattfinden, stört sich wohl kaum jemand daran. Doch wenn es wie kürzlich beim Spiel Deutschland – Frankreich in die entscheidende Phase geht und dann gefühlte Minuten nur noch Bilder von bangenden französischen und zitternden deutschen Fans zu sehen sind, dann wünscht sich so mancher Zuschauer in diesem Moment eine direkte Sprechverbindung in die Bildregie. Denn in solchen Situation hilft auch keine noch so gute App.

Sie werden sehen.

Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller

Bildrechte
ARD

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