Branche, Top-Story: 12.08.2014

Mark Sanger: Evolution des Editing

Mark Sanger ist ein erfolgreicher Film-Editor. film-tv-video.de traf den für den Schnitt von »Gravity« oscar-prämierten Briten an der HFF in München und sprach mit ihm über aktuelle Trends und Tendenzen im Editing und über die technologiebedingten Veränderungen bei der Produktion großer Spielfilme.

Vor rund zehn Jahren prognostizierte der damalige Avid-Europa-Chef Graham Sharp »Editing will become a commodity« (Interview). Auf absehbare Zeit würde ein Editing-Programm also mehr oder weniger zur Grundausstattung jedes Rechners gehören.

Mittlerweile ist diese Prognose weitgehend eingetreten: Es gibt billige und sogar kostenlose Schnitt-Software und selbst wer mehr will, als diese zu bieten haben, muss bei weitem nicht mehr so tief in die Tasche greifen wie früher. Welche Auswirkungen haben solche drastischen Marktänderungen? Wie stark beeinflussen technische Möglichkeiten und Entwicklungen die kreative Seite des Editings?

film-tv-video.de hatte die Gelegenheit, solche und weitere Fragen mit dem Oscar-Gewinner Mark Sanger zu diskutieren — zwischen einer von Avid organisierten Master Class und einem Vortrag, die Sanger an der HFF in München hielt.

Aus Sicht von Mark Sanger ähnelt das Arbeiten mit dem Media Composer heute wieder viel mehr dem klassischen Filmschnitt am Schneidetisch, als das beim nonlinearen Editing auf Computer-Basis zwischenzeitlich der Fall war.

Er blickt zurück: »Als Assistent hatte ich noch viel mit 35-mm-Film zu tun. Aber diese Ära des klassischen Schnitts am Schneidetisch ging damals schon ihrem Ende entgegen. Als sich das nonlineare, computer-basierte Editing dann immer mehr durchsetzte, beeinflusste das auch den Stil, wie Spielfilme und auch Fernsehfilme hergestellt wurde: Plötzlich wurde unheimlich viel und schnell geschnitten. Das lag letztlich auch mit daran, dass das Material und die Dailies in der nonlinearen Welt eben unmittelbar zur Verfügung standen. Mittlerweile sind wir über dieses Stadium längst hinaus. Ich würde also sagen: So wie wir heute schneiden, sind wir wieder viel näher dran am klassischen Filmschnitt. Der Kreis hat sich geschlossen«, meint Sanger.

Wie stark ist ganz generell der Einfluss der Technik auf die kreative Seite des Schnitts? Mark Sanger glaubt, dass die technische Entwicklung in den vergangenen Jahren vor allem im Bereich visueller Effekte einen großen Einfluss auf die kreative Seite hatte. »Es gab in der Vergangenheit durchaus eine Häufung von Filmen, bei denen die technische Machbarkeit bestimmter Dinge letztlich wichtiger genommen wurde, als die eigentliche Geschichte, die man erzählen wollte.«

Aktuell macht Sanger aber vielerorts wieder eine gegenläufige Entwicklung aus: »Die eigentliche Geschichte des Films wird wieder viel stärker beachtet, als das phasenweise der Fall war. Die Story rückt wieder in den Mittelpunkt — und es geht für uns alle wieder eher darum, die Möglichkeiten, die eine Software bietet, so zu nutzen, dass man damit eine Geschichte auf die bestmögliche Art und Weise erzählen kann.«

Dass es immer wieder Phasen gab und gibt, in denen die technischen Möglichkeiten die Inhalte und den Look von Filmen maßgeblich bestimmten und bestimmen, hält er für normal: »Letztlich experimentieren Kreative mit neuen technischen Möglichkeiten immer in alle Richtungen — und das kann eben auch mal in die falsche Richtung gehen, übertrieben oder einseitig werden. Aber ich habe das Gefühl, dass wir — ganz generell betrachtet — die Tools, die wir im Augenblick haben, sehr sinnvoll einsetzen.«

Filme, Auszeichnungen

Mark Sanger, geboren 1974, ist ein britischer Film-Editor.
2014 gewann er für seine Arbeit an »Gravity« den Oscar für »Best Film Editing« — und viele weitere Auszeichnungen. Aktuell wirkt er an dem Film »The Last Knights« mit Morgan Freeman und Clive Owen mit, der in diesem Jahr in die Kinos kommen soll.

Zu den bekanntesten Werken, an denen Mark Sanger bisher als Assistent und Editor gearbeitet hat, zählen:

  • Alice im Wunderland (2010)
  • Charlie und die Schokoladenfabrik (2005)
  • Troja (2004)
  • James Bond: Stirb an einem anderen Tag (2002)
  • James Bond: Die Welt ist nicht genug (1999)
  • Die Mumie (1999)
  • James Bond: Der Morgen stirbt nie (1997)

Bei großen und internationalen Produktionen macht Sanger eine immer größere »Virtualisierung« aus: Mit den Möglichkeiten der Remote Production könnten heute einzelne Departments, die über die ganze Welt verstreut sind, an einem gemeinsamen Projekt arbeiten. Das biete aus Produzentensicht natürlich viele neue Vorteile, es könne aber auch nachteilig sein: »Heutzutage gibt es oft gar keine täglichen Screenings mehr, in denen die gesamte Crew zusammenkommt, um zu sehen, wie das gedrehte Material aussieht. Das vermisse ich bei manchen Projekten, denn meiner Meinung nach ist es manchmal besser, real in einem Raum zusammen zu sitzen und über eine Sache zu diskutieren, als sich nur noch auf einen stark technisierten Workflow zu verlassen.«

Zusätzlich gibt es einen Trend, die Postproduction immer näher ans Set zu rücken — sowohl zeitlich, wie räumlich. Mark Sanger sagt dazu: »Mittlerweile gibt es durchaus Regisseure, die sich wünschen, dass man schon am Set mit ihnen arbeitet und schneidet. Aber es gibt auch andere, die den Schnitt erst später einbeziehen — und beides hat je nach Projekt seine Berechtigung: Es kann eben auch sinnvoll und dem Ergebnis zuträglich sein, wenn man als Editor in einem vom Set abgesetzten Bereich unbeeinflusst mit dem Material arbeiten kann.«

Der erfolgreiche Editor hält auch nichts davon, wenn die Hersteller immer mehr »Multifunktions«-Softwares entwickeln, die letztlich alles integrieren sollen: Editing, VFX, Sound und teilweise auch noch Animation. »Für meine Arbeit wünsche ich mir, dass die Bereiche Editing, Visual Effects und Sound auch künftig getrennt gehalten werden. Ich glaube nicht an Softwares, die alles unter einem Dach bieten — und ich bin mir sicher, dass es letztlich effektiver und kreativer ist, diese Bereiche getrennt zu halten. Dabei ist mir natürlich klar, dass ich mich in einer privilegierten Situation befinde, in der die Budgets den Einsatz von Spezialisten erlauben — aber die Ansprüche ihn eben auch erfordern.«

Die aus seiner Sicht sinnvolle und wünschenswerte Trennung der Gewerke bedeutet aus Mark Sangers Sicht aber keineswegs, dass der Austausch zwischen den einzelnen Departments nicht intensiver oder enger werden kann und soll. Im Gegenteil: Mehr Kommunikation zwischen den einzelnen Bereichen ist aus Sangers Sicht absolut erstrebenswert. Doch dabei solle sich eben jeder auf seine Arbeit konzentrieren und auf das, was er am besten kann.

Bei VFX-lastigen Projekten, wie »Gravity« eines war, »ist Kommunikation natürlich alles«, resümiert Sanger: »Wenn man möchte, dass die visuellen Effekte auch für die Story funktionieren, benötigen die VFX-Leute so viel Zeit und Feedback wie möglich, um das auch umsetzen zu können. Vor allem muss man sich jeden Tag austauschen und jede noch so kleine Änderungen der Story an die VFX-Leute weitergeben, denn das eine funktioniert ohne das andere nicht.«

Sanger ergänzt, dass es aus technischer Sicht bei Projekten dieser Größenordnung vor allem darum gehe, Workflows so einfach wie möglich aufzusetzen. Nur dann könne man effizient arbeiten. »Wir haben bei Gravity schon sehr früh intensiv daran gearbeitet, eine einfache Produktions-Pipeline zu entwickeln, die im wesentlichen darauf basierte, dass wir sehr eng und intensiv kommunizierten und die sicherstellte, dass jeder Beteiligte der Produktion Änderungen sofort nachvollziehen konnte.

Gibt es bei solchen Projekten überhaupt noch eine scharfe Grenze zwischen der Kreation beim Dreh und der Postproduction? Ganz sicher nicht, meint Sanger, denn »wir haben im Schnitt beispielsweise oft Sequenzen entwickelt, die nicht nur den VFX-Bereich beeinflussten, sondern sogar den Dreh bestimmter Szenen«, berichtet Sanger. So etwas gelte aber nicht für jeden Film und jedes Projekt: »Man muss von Projekt zu Projekt entscheiden, was die beste Herangehensweise ist.«

Was wird sich künftig angesichts neuer technischer Möglichkeiten und möglicherweise geänderter Rahmenbedingungen, an seiner Arbeit verändern? Mark Sanger glaubt, dass Geschichten in Zukunft auf neue Art und Weise erzählt werden können: »Ich denke, dass unsere Arbeitsprozesse aus kreativer Sicht noch freier, weniger restriktiv und dadurch auch flüssiger werden.«

Wie steht Sanger dazu, dass man im Schnitt heutzutage eine immer größere Materialflut bewältigen muss? Multikamera-Ansätze und der Umstieg vom teuren Filmmaterial auf viel billigere digitale Aufzeichnungsmedien haben hier zu einer wahren Explosion an Rohmaterial geführt, das beim Dreh aufgezeichnet wird und dann im Schnitt zur Verfügung steht. »Früher war es schlichtweg zu teuer, so viel zu drehen. Heute ist das anders, die Kamera kann einfach weiterlaufen. Das kann manchmal ein Segen, aber häufig auch ein Fluch sein. Ich bin mir jedenfalls sicher, dass eine interessante, kreative Idee nicht dadurch entsteht, dass die Kamera einfach immer weiter läuft«, so Sanger.

Wie könnte seiner Meinung nach das nonlineare Editing in Zukunft aussehen? Sanger, der auch viele Vorträge an Hochschulen hält, berichtet von seiner Master Class an der HFF München, wo er mit den Filmstudenten darüber diskutierte, dass eine mögliche nächste Evolutionsstufe im nonlinearen Editing so aussehen könnte, dass man nicht mehr mit Maus und Tastatur arbeitet, sondern mit einem überdimensionalen Tablet: »Dann würde sich der Kreis vollständig schließen: Vom klassischen Zelluloid-Schnitt am Schneidetisch über das nonlineare Editing mit dem Rechner hin zum Schnitt mit dem Tablet, bei dem man wieder mit den Händen das virtuelle Material anordnet«, sinniert Sanger und ergänzt: »Das wäre für mich die perfekte Evolution.«

Autor
red
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