Top-Story: 27.10.2005

»Editing will become a commodity«

Avid hat die Akquisition von Pinnacle Systems im Sommer abgeschlossen, das gemeinsame Produkt-Line-Up steht jetzt — zumindest in seiner ersten Version — ein wichtiger Schritt der Integration ist vollzogen. Jetzt geht der Blick wieder weiter nach vorn: Wie wird Avid den aktuellen Markt-Entwicklungen begegnen? Welche zukünftigen Entwicklungen erwartet man im Unternehmen? www.film-tv-video.de sprach mit Avids Europachef Graham Sharp und einigen seiner Firmenkollegen über zukünftige Strategien des Unternehmens. (PDF-Download am Textende.)

HD steht nicht nur für größere, scharfe Bilder, sondern auch für zahlreiche neue Formate, Auflösungen und Frame-Raten. Das hat für ein Unternehmen wie Avid ganz vielfältige Auswirkungen: Es gilt, diese neuen Formate auf der Ingest-Seite zu unterstützen und zu integrieren, sie in den Systemen im Postproduktionsprozess bearbeiten und am Ende in möglichst hoher Qualität wieder ausgeben zu können. Wie geht Avid mit diesen unterschiedlichen Anforderungen um?

»Es gibt grundlegende, technologische Eckpfeiler bei Avid«, sagt Graham Sharp dazu: »Einer davon ist, dass wir in der Bearbeitungskette das Originalmaterial nicht anfassen, es wird also immer im ursprünglich eingespielten Format belassen — sofern der Kunde das Material nicht schon absichtlich beim Ingest transcodiert, weil er beispielsweise intern nur mit einem bestimmten, anderen Format arbeiten möchte. Der zweite Eckpfeiler: Avid nutzt Software-Codecs mit Hardware-Beschleunigung, so dass es möglich ist, auf der Timeline unterschiedlichste Formate in Echtzeit wiederzugeben und in einem beliebigen Format auszugeben. Das zusammen ermöglicht es uns, mit all den neuen Formaten sinnvoll umzugehen: Kommt ein neues Format, entwickeln wir einen neuen Codec dafür.«

Bei vielen Formaten sei das vergleichsweise einfach, weil die Hersteller ein vitales Interesse daran hätten, dass ihre Formate unterstützt würden, so Sharp. Er merkt weiter an, dass der Software-Ansatz von Avid im Gegensatz zu hardware-basierenden Systemen den Vorteil habe, dass sich neue Formate deutlich einfacher und schneller einbinden lassen.

Weshalb entwickelt dann Avid, wenn man sich selbst als Software-Company sieht, immer noch Hardware? Darauf entgegnet Graham Sharp, dass es aus seiner Sicht wohl immer Hardware-Beschleuniger geben werde, gleichgültig, wie weit sich die Software-Entwicklung vorantreiben lasse. »Wir entwickeln Software, die sich auf Standard-Workstations betreiben lässt und es in dieser Kombination erlaubt, gute Ergebnisse zu erzielen«, so Sharp. »Mit jedem Entwicklungsschritt wachsen aber auch die Ansprüche der Kunden, deshalb wird es immer Bedarf an Beschleuniger-Hardware geben, mit der sich die Leistung einer Software verbessern lässt«. Rechner seien nun einmal nicht vorrangig für die Bearbeitung von Video ausgelegt, so Sharp, und aus diesem Grund produziere Avid nach wie vor Hardware – aber eben nur für Beschleunigung und I/O, nicht jedoch fürs eigentliche Processing.

Die Rolle der Software im Video- und Broadcast-Business wird immer größer werden, meint Sharp. Tatsächlich ist in der ganzen Branche ein Trend zu Standard-IT-Hardware zu beobachten: Man versucht, wo es geht, Standard-Hardware-Technologien zu verwenden und so wenig wie möglich individuelle Hardware zu produzieren. Sharp führt als Beispiel dafür an, dass auch bei Camcordern und Kameras immer mehr Standard-Technologien verwendet würden, was etwa am neuen Grass-Valley-Camcorder Infinity zu sehen sei.
Diese Entwicklung wird weitergehen, prognostiziert Sharp und macht noch einen weiteren Trend aus: der klassische Broadcast-Markt mit speziellen Hardware-Boxen für spezielle Aufgaben schrumpfe, und nur wer sich auf den steigenden Software-Anteil des gesamten Business einstelle, könne auch weiterhin erfolgreich am Markt bestehen.

Wie wird sich das auf die Anzahl der Firmen am Markt auswirken? Sharp meint, dass sich die Wirtschaft ganz generell in Zyklen entwickle und wiederum jedes einzelne Segment darin ebenfalls Wellenbewegungen durchlaufe, die sich letztlich wiederholten: Auf Konzentrationsentwicklungen folgten Abspaltungen, Zergliederungen und das Auftauchen neuer Marktteilnehmer. Auf den Broadcast-Bereich bezogen meint Sharp, dass dieser Nischenmarkt auf der Herstellerseite letztlich immer noch überbesetzt sei, wenn man die Gesamtgröße des Marktes und das darin mögliche Geschäftsvolumen betrachte.

Was bedeutet das für Avid? Graham Sharp stellt fest, dass es für die Hersteller immer wichtiger werde, ihren Kunden einen echten Mehrwert zu liefern. Im Broadcast-Bereich etwa gehe es zunehmend um Workflow-Fragen und um Services. Avid sehe sich letztlich nicht mehr als Editing-Company, denn Editing, so Graham Sharp, wird in den nächsten Jahren zur Commodity werden — also irgendwann zur Grundausstattung jedes Rechners gehören.
Die Leistung, die Avid schon jetzt biete und die letztlich zu einem der entscheidenden Differenzierungsfaktoren ausreifen werde, besteht nach Sharps Einschätzung nicht mehr in einem abgekoppelten Editing-Produkt, sondern in den Workflows, die mit Avid-Software möglich werden. »Unser Mehrwert besteht darin, dass wir die Workflows unserer Kunden erkennen und in unseren Lösungen und Produkten abbilden«, analysiert Sharp.

Aber was bedeutet das für Avids Consumer-Business, das derzeit vom Verkauf von Editing-Softwares lebt? Aus Sicht von Graham Sharp gilt hier letztlich der selbe Grundsatz: Erkennen, was der Consumer will, die entsprechenden neuen Tools entwickeln und damit etwas bieten, was über das Standard-Editing hinausgeht, darin liegt die Zukunft für Firmen wie Avid, die mehr bieten wollen und müssen, als das, was aus Sharps Sicht irgendwann zu einem Standard-Bestandteil von Windows wird, nämlich Basic Video Editing. Als zunehmend wichtigen Aspekt wertet Graham Sharp dabei auch im Consumer-Bereich, aber keinesfalls nur dort, die Verwaltung und das Tracking von Metadaten. Hier leistungsfähige Lösungen zu bieten, gehe weit über das hinaus, was ein einfaches Editing-Programm biete. Und darauf komme es in den folgenden Jahren an, urteilt Sharp.

Dazu kann man nur sagen: Wie gut für das Unternehmen, dass Avid mit NXN und deren Alienbrain-Technologie ein passende Ergänzung zugekauft hat.

Weitere Informationen
Wenn Sie auf den unten stehenden PDF-Link klicken, können Sie eine umfangreichere PDF-Version des Beitrags herunterladen. Die enthält im Vergleich zur Online-Version zusätzlichen Text, unter anderem über die zusammengefassten Produktlinien von Avid und Pinnacle sowie weitere Passagen, in denen Mathias Eckert und Michael Dalock-Schmidt von Avid Deutschland sich über die aktuelle Situation äußern. Außerdem sind in der Langversion des Artikels auch Informationen zu einigen produktorientierten Zukunftsplänen von Avid zusammengefasst.

Downloads zum Artikel:

T_1005_Avid_Sharp.pdf

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Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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