Branche, Veranstaltung: 19.10.2022

Medientage München: Relevanz in schwierigen Zeiten

Mehr gesellschaftliche Relevanz, aber eingetrübte Konjunkturaussichten — der Auftakt der 36. Medientage München.

Unter dem Motto »More relevant than ever« starteten die 36. Medientage München.

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Die 36. Medientage München sind gestartet.

Der Eröffnungsgipfel diskutierte die Frage, wie relevant Medien angesichts aktueller Krisen noch sind. 

Thorsten Schmiege, Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM) und Vorsitzender der Gesellschafterversammlung der Medien Bayern GmbH, sagt, dass digitale Technologien »omnipräsenter und auch gefährlicher denn je würden« und verwies auf Verschwörungstheorien, Fake News und Propaganda.

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Thorsten Schmiege, Präsident der Bayerischen Landeszentrale für neue Medien (BLM).

Der Krieg in der Ukraine bedeute auch einen Angriff auf die Informations- und Meinungsfreiheit. Umso wichtiger werde ein Qualitätsjournalismus, der außer auf Qualität auch auf Glaubwürdigkeit und Vertrauen basiere. 

»Medien haben in Krisen besondere Funktionen«, betonte Markus Söder. Der bayerische Ministerpräsident konstatierte, dass heute Verschwörungserzählungen »ohne Ende« verbreitet würden. So würden Unsicherheiten geschürt. »Aus bösen Worten können böse Taten werden«, warnte Söder. Er verwies auch darauf, dass sich die Branche an die eigene, propagierte Moral halten müsse. Geschehe dies nicht, drohe ein Vertrauensverlust wie im Fall des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB). 

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Ministerpräsident Markus Söder.

Mit Blick auf das deutsche Rundfunksystem unterstrich der bayerische Ministerpräsident, die Zeiten eines strikten Antagonismus zwischen öffentlich-rechtlichem und privatwirtschaftlichem Rundfunk seien vorbei. Angesichts der Konvergenz der Medien, bei der alles verschmelze, gehe es inzwischen um andere Herausforderungen.

Mit Blick auf die Erhöhung von Anteilen an der ProSiebenSat1 Media SE durch ein italienisches Unternehmen der Familie Berlusconi merkte Markus Söder an, er wolle nicht, dass andere Regierungen die ProSiebenSat1 Media SE dominieren könnten.

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Wolfgang Link, Vorstandsmitglied ProSiebenSat.1 Media SE.

Deren Vorstandsmitglied Wolfgang Link sagte, das Medienunternehmen mit Sitz in Unterföhring wolle auch weiterhin eigenständig agieren. So werde zurzeit eine eigene Nachrichtenredaktion aufgebaut, um verlässliche Informationen zu gewährleisten. Dadurch werde die vor zwölf Jahren erfolgte Auslagerung des News-Bereichs rückgängig gemacht.

Link sagte weiter: »Wenn es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk heute nicht gäbe, müsste man ihn erfinden« – ob man ihn allerdings so gestalten und finanzieren würde wie heute, müsse diskutiert werden.

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Wladimir Klitschko, ehemaliger Schwergericht-Boxweltmeister.

Sebastian Pufpaff, der erstmals den Medientage-Gipfel moderierte, interviewte anschließend Dr. Wladimir Klitschko, der bedrückende Einblicke in das Leben in Kriegszeiten gab. Der ehemalige Schwergewichts-Boxweltmeister und Bruder von Kiews Bürgermeister Dr. Vitali Klitschko appellierte, das Medieninteresse am Krieg in seinem Land dürfe nicht nachlassen. In seiner Heimat werde klar, wie zerbrechlich Leben, Demokratie und Meinungsfreiheit seien. Der Krieg habe nicht erst am 24. Februar 2022 begonnen, sondern schon mit der Annexion der Krim 2014, sagt Klitschko. Das aber sei von westlichen Medien zu wenig thematisiert und die Gefahr unterschätzt worden.

Klitschko ging auch auf die bedeutende Rolle von Social Media ein. Das sei für die Bürger in der Ukraine zum wichtigsten Informationsmedium geworden und auch für ihn und seinen Bruder ein enorm wichtiges Medium.

»Medien sind auch eine Waffe«, formulierte der ehemalige Box-Champion und warnte davor, dass im Falle einer ukrainischen Niederlage alle Demokratien Westeuropas bedroht seien.

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Sebastian Pufpaff moderierte die Eröffnungsveranstaltung erstmals.

Im anschließenden Gespräch mit drei Journalistinnen versuchte Sebastian Pufpaff auszuloten, wie Nachrichten in Krisenzeiten verantwortungsbewusst und glaubwürdig präsentiert werden können, um einerseits Orientierung zu ermöglichen und andererseits möglichst objektiv zu sein. Die TV-Journalistin und RTL-Moderatorin Pinar Atalay vertrat die Meinung, es gehe darum, Nachrichten neutral, aber empathisch zu präsentieren. Melanie Amann, Mitglied der Chefredaktion des Magazins Der Spiegel, erklärte, im Umgang mit Politikerinnen und Politikern sei die Grenze zwischen Empathie und nüchterner Sachlichkeit oft schwierig einzuhalten. Eva Schulz, Journalistin und Moderatorin des Funk-Politikformats »Deutschland3000«, plädierte dafür, Haltung zu zeigen, ohne Meinung machen zu wollen. 

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Das Thema Glaubwürdigkeit prägte das Interview von Sebastian Pufpaff mit Björn Wilhelm, dem Programmdirektor Kultur des Bayerischen Rundfunks, über die negativen Schlagzeilen im Zusammenhang mit öffentlich-rechtlichen ARD-Anstalten. Die Aufarbeitung der Fälle beim RBB und NDR hätten gezeigt, was innere Rundfunkfreiheit bedeute, urteilte Björn Wilhelm.

In der abschließenden Gesprächsrunde des Medientage-Gipfels diskutierten vier Manager aktuelle Markttrends.

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Die abschließende Gesprächsrunde des Gipfels.

Kaspar Pflüger, der bei Amazon als Country Director das Geschäft von Prime Video für Deutschland, Österreich und die Schweiz verantwortet, sagte dem Streaming-Markt weiteres Wachstum voraus und kündigte an, Prime Video werde im kommenden Jahr mehr deutsche Original-Produktionen bieten als je zuvor.

Till Weidemüller, Country Manager für Deutschland, Österreich und die Schweiz bei der US-amerikanischen Filmproduktionsgesellschaft Paramount, erläuterte, in Krisenzeiten werde »tendenziell weniger im Home Entertainment gespart«. Deshalb hoffe er, dass der Start des neuen Streaming-Angebotes Paramount+ am 8. Dezember 2022 ein Erfolg werde.

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Eine Ausstellung begleitet den Kongress.

Tobias Henning, General Manager bei TikTok Deutschland, unterstrich, TikTok verstehe sich vor allem als Content-Anbieter, über dessen Erfolg vor allem die Content-Creator entscheiden würden. Sorgen, Inhalte und Nutzerdaten würden nach China wandern, seien unbegründet, sagt er. Die Server befänden sich in Singapur und den USA, demnächst auch in Dublin. 

Ladina Heimgartner, Mitglied des Group Executive Board und Head of Global Media der Ringier AG sowie Geschäftsführerin der Blick-Gruppe, machte abschließend deutlich, dass künftig erfolgreiche Geschäftsmodelle auch außerhalb der Video-Branche entstehen könnten. Zwar würden Printmedien in gedruckter Form bald nur noch ein Nischenangebot darstellen, die Gattung Text aber werde online überleben.