Veranstaltung: 26.04.2024

Medientage München Special: »Future Video«

Die Konferenz »Future Video« widmete sich der Zukunft von Video: ein Tag mit Insights von Branchenexpert_innen und Konzepten von Unternehmen.

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Die Moderator_innen Jörn Krieger und Juliane Paperlein.

Die Medientage München luden zum MTM Special »Future Video« ins Münchner House of Communication. 

  • Wie gucken und streamen wir künftig? Welche Player haben mit ihren Technologien und Anwendungen das Sagen?
  • Welche Trends setzen sich durch? Welche Media- und Business-Modelle sichern zukunftsfähige Content-Strategien fürs (vernetzte)TV, für den Stream, Video on Demand oder auch für Social Video?
  • Und wer sind die Gatekeeper von morgen?
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Juliane Paperlein. 

Fragen wie diese wollte die Veranstaltung aufgreifen und Antworten darauf finden. Nach der Begrüßung durch die Moderator_innen Juliane Paperlein und Jörn Krieger beschäftigte sich Thorsten Schmiege, Präsident der BLM, mit dem Thema Regulierung. Klassisches Fernsehen und Streaming gelte es in Einklang zu bringen. Heutzutage konkurrierten nicht mehr Öffentlich-Rechtliche gegen Private, sondern die Content-Seite und die großen Plattformbetreiber, befand Schmiege. 

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Die Expertin Marion Ranchet während ihrer Keynote »Total Video«.

Die Expertin Marion Ranchet ging in ihrer Keynote »Total Video« unter anderem darauf ein, dass die heutige Erfolgswährung die Zeit sei, die jemand auf einer Plattform verbringe. Im Kampf um die Aufmerksamkeit müsse man Partnerschaften eingehen, neue Perspektiven verfolgen, nicht auf alten Sichtweisen beharren, sondern Brücken zwischen neuen Kreativen und traditionellem Fernsehen bauen.

Auch Gamification betrachtet sie als wichtigen Aspekt und berichtete, dass die New York Times Games auf ihrer Plattform anbiete und die Nutzer_innen damit mehr Zeit verbrächten als mit News Content. Ihr generelles Resümee lautet: Im Bewegtbildmarkt geht es in den kommenden Jahren vor allem darum, Nutzungszahlen in Erlöse umzumünzen.

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Mit dem Thema »Gatekeeper« beschäftigte sich Dirk Wittenborg.

Mit dem Thema »Gatekeeper« beschäftigte sich Dirk Wittenborg, Gründer und Präsident von Foxxum und rlaxx TV und Vorsitzender des Aufsichtsrats von Mission 1 Joint Venture Alliance.

Er sagt, dass TV-Geräte ohne »Super Apps« wie Apple TV+, Prime, Netflix und YouTube nahezu unverkäuflich sind, und führt weiter aus, dass diese im Wettbewerb mit den Betriebssystemen der TV-Geräte stehen. Aus der Sicht von Wittenborg wird Wachstum künftig vor allem im Bereich Connected TV stattfinden, also beim Wechsel der TV-Vermarktung von Werbung im linearen Fernsehen hinein ins vernetzte Werbeangebot auf dem Smart TV.

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So ein Szenario sieht Dirk Wittenborg sehr kritisch.

Den meisten Zuschauenden dürfte dieser »CTV War« gar nicht bewusst sein, denn beim Kauf eines TVs spielen in der Regel Bildschirmdiagonale, Funktionalität und Bildqualität eine weitaus wichtigere Rolle als das Betriebssystem des neuen Fernsehgeräts. Wer aber auf dem Startbildschirm des Smart TVs erscheint, wird perspektivisch immer wichtiger werden. Und genau deshalb ist das jeweilige Betriebssystem so wichtig. Wer diese Schlacht gewinnt und mit seinem Betriebssystem vertreten sein wird, der bestimmt, welche Apps auf der Benutzeroberfläche zugelassen werden, wie leicht sie zu finden sind und wie viel jemand bezahlen muss, um Inhalte auf dem Startbildschirm zu zeigen. 

Um Perspektiven für den Produktionsstandort Deutschland ging es in der Diskussionsrunde mit Dr. Florian Herrmann, MdL, Leiter der Bayerischen Staatskanzlei, Staatsminister für Bundesangelegenheiten und Medien, Kristina Freymuth, Vorstandsmitglied Vaunet / General Counsel DACH, Sky Deutschland und Björn Böhning, CEO / Sprecher des Gesamtvorstandes, Produktionsallianz.

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Um Perspektiven für den Produktionsstandort Deutschland ging es in dieser Diskussionsrunde.

Im Fokus stand dabei die Novelle des Filmförderungsgesetzes (FFG) zum Jahreswechsel. Sie soll dafür sorgen, die deutsche Fördersituation an internationale Konditionen anzupassen, und die Umsetzung ist bis zum Jahresende geplant. 

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Tolle Location: Das House of Communication.

Björn Böhning betonte, dass die Budgets im Produktionsmarkt deutlich reduziert seien, bei den Öffentlich-Rechtlichen um etwa 10%. Der Ausstieg von Sky aus der Fiction Produktion markiert aus seiner Sicht nur die Spitze eines Eisbergs.

Kristina Freymuth wünscht sich eine schnelle Umsetzung der Novelle, denn aktuell blockiere die unklare Situation viele Produktionen. Im Prinzip, so beide, ist die Novelle des Filmförderungsgesetzes positiv, der Teufel stecke aber wie so oft im Detail. 

Dr. Florian Herrmann unterstützt im Wesentlichen ebenfalls die drei Säulen des Entwurfs, die ein Filmförderpaket, ein Steueranreizpaket sowie Investitionsverpflichtungen der Plattformen und Anbieter umfassen. Aus seiner Sicht wäre es nun aber an der Zeit, dass Bund und Länder besser zusammenarbeiten und klären, wie die Finanzierung des Ganzen aussehen solle. Die Bundesregierung sollte dringend einen Referenten- oder noch besser einen Kabinettsentwurf vorlegen, findet auch Björn Böhning. 

Kristina Freymuth ergänzte, wie wichtig es für die Produktionen sei, keine Einschränkungen in Bezug auf Werbung und Product Placement zu erfahren, um ohnehin schon knappe Budgets nicht noch weiter zu reduzieren. 

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Lisa Jäger hielt einen Impulsvortrag.

Beim Thema »Quo vadis, Streaming« lieferte Lisa Jäger, Partnerin bei der Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partner, in ihrem Impulsvortrag einige interessante und auch überraschende Zahlen aus dem Streaming-Markt. Demnach wollen rund 1/3 der Streaming-Abonnent_innen zumindest ein Abo loswerden oder ein neues nur dann abschließen, wenn dafür ein altes Abo wegfalle. Das Abo-Hopping, so Jäger, sei im Streaming-Markt angekommen. Dennoch sieht sie weiterhin positive Entwicklungen und erläutert, der Markt befinde sich in einer Metamorphose und nicht in einer Rezession, denn Wachstum sei unter bestimmten Bedingungen nach wie vor möglich. 

An der sich anschließenden Diskussion nahmen Markus Härtenstein von Waipu.tv, Caterina Preti, Senior Vice President OTT bei Sky Deutschland und Eva Reiter-Kluger, Leiterin der ORF-TVthek / ORF ON teil. 

Caterina Preti geht davon aus, dass mit dem Wegfall des Nebenkostenprivilegs mehr Bewegung in den Online- und Streaming-Markt kommt. Markus Härtenstein glaubt, dass davon aber eher Streaming-Anbieter profitieren werden. Aus seiner Sicht wird die Gattung lineares Fernsehen zwar weiterhin eine Rolle spielen, aber nicht in der DVB-Welt. 

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Für den ORF betonte Eva Reiter-Kluger, dass es dem Sender darum geht, seine Mediathek auszubauen und damit das junge Publikum nicht aus den Augen zu verlieren. 

Zum Thema Werbung sagte Markus Härtenstein, dass aus seiner Sicht die programmatische Werbung im linearen Fernsehen die Zukunft sei. 

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Aus der Sicht von Markus Härtenstein ist DVB nicht mehr zeitgemäß.

Die Diskussion über die Zukunft der Bewegtbildwerbung (»AVOD UND FAST – Ein Werbeerfolgsmodell?«) zeigte verschiedene Perspektiven aus der Branche. Dr. Andrea Malgara von der Mediaplus Group ist trotz schlechter Rahmenbedingungen optimistisch für den klassischen Markt und prognostiziert ein mittleres einstelliges Werbewachstum, wobei Streaming sogar zweistellige Zuwächse verzeichnen könnte. Stefanie Jäckel von der Ad Alliance sieht ebenfalls positive Aussichten, betont aber die Notwendigkeit, Nischenangebote wie FAST-Channels zu bündeln, und die Bedeutung von »Brand Safety« für die Werbebranche. Interessant: Ad Alliance hat inzwischen nahezu 1300 FAST-Channels im Vermarktungs-Portfolio. 

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Der Werbemarkt ist verhalten zuversichtlich.

Mario Neumann von Goldbach Germany hob in der Diskussion die steigende Bedeutung von Connected TV hervor und betonte die Verschiebung von traditionellem TV und Online-Video zu Connected TV, das eine kanalunabhängige Nutzung ermögliche. Er sieht FAST als eine effektive Hybrid-Technologie. 

Insgesamt zeigt die Diskussion, dass die Branche eine dynamische Entwicklung erfährt, aber auch vor Herausforderungen wie der Fragmentierung des Marktes und der effektiven Reichweitennutzung steht.

Masterclasses waren ebenfalls Bestandteil der Veranstaltung. Hier konnten sich die Teilnehmenden im Detail einem Thema widmen. Short Form Video, AI & Recommendations, DVB-I standen dabei im Fokus. 

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Das »House of Communication« hält …

Weitere Themen der Veranstaltung: Karin Immenroth, Chief Data & Analytics Officer bei RTL Deutschland, gab Einblicke, was RTL tut, um auch als Streaming-Anbieter erfolgreich zu sein. In weiteren Diskussionen ging es auch um die Frage, wann der Punkt erreicht sei, an dem mehr gestreamt als linear ferngesehen werde. Eine Diskussion, die bereits seit Jahren geführt wird und nach der es »eigentlich« kein lineares Fernsehen mehr geben dürfte. Auch interessant: Die TV-Sender streamen mittlerweile mehr, während die Streamer plötzlich linearer werden und Werbung ins Programm aufnehmen, etwa Prime oder auch Netflix. 

… was es verspricht.

Das Thema Social Media darf bei einer Konferenz, die sich »Future Video« auf die Fahnen geschrieben hat, natürlich ebenfalls nicht fehlen. Hier bestand weitgehend Einigkeit, dass man junge Menschen ohne diesen Content und diese Kanäle nicht mehr erreichen kann.

Auch Sport fehlte nicht im Programm, denn hier gibt es mit dem neuen Sender Dyn, aber auch mit den Entwicklungen bei  Warner Bros. Discovery oder Sport1 ebenfalls interessante neue Konzepte.  

Mit Networking klang der Event aus. Wenn es so etwas wie ein Resümee dieser Veranstaltung überhaupt geben kann, dann dieses: Niemand kann beantworten, wie die Zukunft aussehen wird, aber die Vorträge von »Future Video« zeigten zumindest auf, in welche Richtung es gehen kann.