Branche, Report, Top-Story: 05.09.2013

Heavy Metal in 3D: Wackeeeenn!

Im kommenden Jahr soll der Festival-Film »Wacken 3D – Louder than hell« in die Kinos kommen: passend zum in 2014 fälligen 25. Jubiläum des Festivals. Die Dreharbeiten fanden während des Wacken Open Air 2013 statt. Anfang August wurde also bei dem traditionsreichen und mittlerweile gigantisch großen Heavy-Metal-Festival mit zahlreichen Kameras in Stereo-3D aufgezeichnet. Parallel fand auch eine 2D-Produktion vieler Konzerte statt.

Heavy-Metal-Fans aus aller Welt kennen die kleine Gemeinde Wacken in Schleswig-Holstein, weil dort alljährlich im Sommer das größte Festival der Welt stattfindet, das sich ihrer Lieblingsmusik widmet. Durch den mit vielen Preisen ausgezeichneten Dokumentarfilm »Full Metal Village« der koreanischen Regisseurin Cho Sung-hyung wurde das Wacken Open Air aber auch jenseits der Metal-Szene bekannt.

Wacken ist also Kult — und das gilt eben nicht nur für die rund 82.000 Besucher, die sich in diesem Jahr zum Open Air in der norddeutschen Provinz einfanden, sondern deutlich über diesen Kreis der harten Fans hinaus. Nun soll also Wacken erneut ins Kino kommen — und dieses Mal als Festival-Film in 3D für die Fans der dort gebotenen Musik und Shows. Deshalb war das Wacken Open Air in diesem Jahr Schauplatz einer extrem aufwändigen Stereo-3D-Produktion.

Hinter dem ambitionierten Projekt stehen Tomas Erhart/Jumpseat 3D plus Germany, die in Kooperation mit Wüste Film/Stefan Schubert den Kinofilm »Wacken – Louder than hell« in Stereo-3D produzieren.

Regisseur des Projekts ist Norbert Heitker, der seit vielen Jahren erfolgreich als Musikfilm- und Werberegisseur arbeitet. »Auf einem Trip durch das komplette Wacken-Universum wird man mit Wacken 3D hautnah dabei sein und das Festival in all seiner Vielfalt, seiner Stimmung und seiner ungebändigten Wucht „live“ miterleben können«: So beschreiben die Macher ihren Film, der  im Frühjahr 2014 in die Kinos kommen soll.

Technische Umsetzung: TopVision

Die technische Seite der Stereo-3D-Produktion wickelte der Berliner TV-Dienstleister TopVision ab, der über umfangreiche Erfahrungen im Stereo-3D-Bereich verfügt und unter anderem für Sky wöchentlich das Bundesliga-Topspiel in Stereo-3D produziert.

Parallel und weitgehend unabhängig von der Stereo-3D-Produktion wurden die Konzerte auch in 2D aufgezeichnet und teilweise auch live übertragen. Für die 2D-Produktion war TVN verantwortlich. Der Stereo-3D-Film wird aber den von TVN gemischten und aufgenommenen Ton nutzen. (Mehr zur 2D-Produktion am Ende des Artikels.)

In Wacken waren insgesamt neun Stereo-Rigs für die Konzertproduktion und weitere Stereo-Kameras für die Akquise von zusätzlichem Material des Festivalgeländes im Einsatz. TopVision-Geschäftsführer Achim Jendges resümiert: »Mit der Stereo-3D-Produktion des Festivals in Wacken haben wir Neuland betreten und die technische Grenzen des Machbaren ausgelotet«.

Für die Aufzeichnung der Konzerte platzierte der Regisseur die 3D-Kameras an diversen Positionen vor den beiden Hauptbühnen des Festivals der Black Stage und der True Metal Stage. Die Umbauphasen waren dabei mit nur 15 Minuten extrem kurz. In dieser Zeit mussten die Stereo-3D-Kameras möglichst ohne Erschütterungen von einer Bühne auf die andere verschoben werden, um die Stereo-3D-Justage nicht zu derangieren. Spätestens unter diesem Aspekt habe sich die Investition in die sehr präzisen und sehr robusten 3D-Rigs von Element Technica gelohnt, so TopVision.

Vier Paare von Sony-HDC-1500 R/HB Kameras waren auf Spiegel-Rigs von Element Technica im Einsatz (auf Kran und Pumpstativen). Ein Stereo-Paar der LMP1200-Minikamera war auf einer Blackcam-Schiene hinter den Drummern unterwegs und drei Sony HDC-P1-Paare (eines davon auf einem Supertechno-Kran), sorgten für weitere dynamische und spektakuläre Stereo-3D Bilder.

Für die Verarbeitung der Stereo-3D-Kamerasignale im TopVision-Ü-Wagen waren zehn MPE-200-Bildprozessoren von Sony inklusive Analyse-Software im Einsatz. Zoomen über den gesamten Brennweitenbereich war jederzeit mit jedem Rig möglich, das Ergebnis überzeugte alle Beteiligten.

EVS-Technik für die Aufzeichnung

Die Signale der acht Stereo-3D-Kameras wurden auf XT3-Server von EVS aufgezeichnet: im DNxHDCodec mit 185 Mbps in 10 Bit und 1080i50.

Für die acht Stereo-Kameras mussten die EVS-Maschinen 16 Kanäle bereitstellen, vier weitere Kanäle wurden für zwei PGM-Streams benötigt, die ebenfalls aufgezeichnet wurden. EVS-Support Teamleader Simon Witte berichtet, dass insgesamt acht voll ausgestattete XT3-Server für die Aufzeichnung der Kamerasignale und der PGM-Streams im Einsatz waren.

Ingest- und Produktionsserver

Die EVS-Server waren als Ingest-Server im Einsatz, unmittelbar nach Aufzeichnungsbeginn wurde das Material der XT3-Server auf einen 80-TB-Produktionsspeicher von Syslink übertragen. Simon Witte verdeutlicht das Setup: »Mit Beginn des Konzerts zeichneten die EVS-Server nicht nur die Kamerasignale auf, sondern begannen zusätzlich mit der Übertragung dieses Materials auf den Syslink-Produktionsspeicher.« Dabei musste ein XT3-Server pro Kanal, also pro Auge, beim gewählten DNxHD 185 Codec 23 Megabyte pro Sekunde verarbeiten. Pro Maschine kamen somit 92 Megabyte zusammen.

Diese Abläufe stellten besonders insofern eine Herausforderung dar, als die beiden großen Bühnen in Wacken mit einer Pause von nur 15 Minuten bespielt wurden. »Die 15-Minuten-Pause reichte uns aber aus, um das Material der XT3-Server komplett auf den Produktionsspeicher zu übertragen, bevor es dann mit der Aufzeichnung der jeweils anderen Bühne weiterging«, so Simon Witte.

Für die Datenverwaltung waren zwei IP-Director im Zusammenspiel mit der Steuer-Software X-Square im Einsatz. Weiter sah das Setup fünf Rechner mit XT-Access Gateway-Software vor (je ein Rechner pro XT-Server). Am Ende eines Konzerttages wurde das Material auf dem Nearline-Storage gesichert und von den XT3-Servern gemäß Kundenwunsch wieder gelöscht.

Syslink-Produktionsspeicher

Dem Produktionsspeicher von Syslink wurde etliches an Leistung abverlangt: Er empfing acht Iso-Kamerasignale und ein PGM-Signal. Dabei wurde mit einer durchschnittlichen Datenrate von 420 Mbps gearbeitet, was eine sehr hohe Anforderung darstellte. Zusätzlich nahm der Syslink-Produktionsspeicher über Speicherkarten auch das Material auf, das weitere Kameraleute mit ihren EB-Camcordern an anderen Orten auf dem Festivalgelände aufgezeichnet hatten.

Resümee

Die Produktion war aus Sicht der Beteiligten eine große technische Herausforderung, die letztlich nur dank der bandlosen Aufzeichnung mit EVS-Servern möglich war. »Dabei konnten wir die Möglichkeiten der EVS-Server erstmals voll umfänglich nutzen«, schwärmt Achim Jendges und ergänzt: »Und das mussten wir auch, denn mit Bandaufzeichnung wäre eine Produktion wie diese finanziell gar nicht mehr zu stemmen gewesen.«

Wacken Open Air 2013: Ausschnitt aus dem Festivalprogramm.
Wacken bei ARD und ZDF

Das ZDF und der NDR berichten seit einigen Jahren umfangreich aus Wacken. Die ZDF-Kultur-Moderatoren Hadnet Tesfai und Jo Schück waren im August in Wacken vor Ort und präsentierten in einer vierstündigen Live-Sendung am Samstagabend Konzert-Highlights aus dem Programm des größten Heavy-Metal-Festivals der Welt. Seither wurden Wacken-Konzerte diverser Bands verschiedentlich wiederholt.

Auch der NDR berichtet aus Wacken. Unter anderem wird im NDR-Fernsehen am 13. September die Doku »Alles auf schwarz – Wacken!!!« zu sehen sein. Die Darsteller des NDR »Polizeiruf 110«-Ermittlerteams in Rostock, Anneke Kim Sarnau und Charly Hübner tauchten für die Doku kopfüber in die Welt der Schwermetaller ein.

2D-Produktion: TVN in Wacken

Florian Legatis, Projektleiter und Relationship Manager bei TVN, beschreibt die Aufgaben, die der TV-Dienstleister TVN beim Wacken Open Air übernommen hatte: »In Abstimmung mit dem Veranstalter realisierten wir die Aufzeichnung verschiedener Bands der beiden Hauptbühnen. Auf dem ZDF-Kulturkanal waren samstags zwischen 20:00 und 24:00 Uhr vier Stunden live zu sehen. Außerdem wurden an vier glasfaser-vernetzten Schnittplätzen zehn 1-Stunden-Sendungen für den ZDF-Kulturkanal vorproduziert. Darüber hinaus realisierten wir für den NDR einen dreitägigen Live-Stream und überspielten Rohmaterial.«

Zudem wurden vor Ort acht große LED-Vidiwalls auf dem gesamten Festival-Gelände und über 20 Monitore in allen Produktionsbüros mit Programm versorgt. Es erfolgte ein Highlight-Schnitt jedes Tages für die Presse, sowie ein Highlight-Schnitt über alle Festivaltage und Materialbereitstellung für die Wacken- Internetseite.

2013 waren insgesamt 32 TVN-Mitarbeiter mit dem Ü3HD und einem Rüstwagen, dem Maz-Mobil und den beiden Modulen TVN-SNG1HD vor Ort. Zwei Bildregien und eine Subregie wurden auch für Werbezuspielungen in den Umbaupausen eingesetzt. Über drei Tonregien wurden die beiden Bühnen und die ZDF-Live-Sendung abgemischt.

Im Audiobereich verantwortete Stephan Thyssen, Leitung Audio, die Produktion: »Wir mischten die True Metal und die Black Metal Stage live in zwei Tonregien und machten jeweils eine Aufzeichnung. Beide Tonregien übergaben die Multitracks zusätzlich an ein von uns gestelltes Recording-Mobil. Dort waren drei verschiedene Mehrspuraufzeichnungsgeräte installiert, die die beiden Bühnen aufzeichneten. Der Live-Mix konnte bei Bedarf direkt in der jeweils folgenden Nacht oder kann nun im Nachgang des Festivals auf Basis der Multitracks neu gemischt oder modifiziert werden. Nach Freigabe liefen die Konzerte als Specials beim ZDF Kulturkanal oder bei Arte. 28 der 30 Mixes beim diesjährigen Wacken Open Air wurden direkt freigegeben.«

Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller

Bildrechte
TopVision, Witte, Dirk Illig, TVN

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