Kamera, Test, Top-Story: 03.02.2001

Blendwerk oder sinnvolle Alternative?

Sieht aus wie ein brandneuer Profi-Schulter-Camcorder, ist aber letztlich nur ein Bekannter in anderer Verpackung: Der DVCAM-Camcorder DSR-250 von Sony hat mehr mit seinen kleinen Brüdern VX2000 und PD150 gemeinsam, als gut ist.

Man braucht kein detektivisches Gespür um zu sehen, dass der DSR-250 von Sony ein aufgepumpter DSR-PD150 ist: Viele Baugruppen sind identisch, technisch bietet der voluminösere 250er kaum mehr als der kompakte 150er. Der Preisunterschied ist dagegen stattlich: Der DSR-250 kostet 12.800 Mark, der DSR-PD150 rund 9.000 Mark. Das ist pikant, stellt doch der DSR-PD150 selbst schon die etwas teurere Profi-Variante des Consumer-Geräts DCR-VX2000 dar. Und so drängen sich Fragen auf: Wer will schon für ein technisch nahezu identisches, lediglich voluminöseres Gerät fast 4.000 Mark mehr bezahlen? Lohnt es sich, 40 % mehr auszugeben, nur um zusätzlich zu Mini-DV– auch große Standard-DV-Kassetten benutzen zu können? Ein Blick auf die Unterschiede:

SPANNUNGSDIFFERENZ
Da ist etwa die Frage der Spannungsversorgung: Der DSR-250 verwendet Lithium-Ionen-Akkus aus der Profi-Abteilung von Sony. Ein Adapter für die immer noch weit verbreiteten NiCd-Akkus der Baugröße NP-1 ist ebenfalls verfügbar, auch BP-90-Akkus lassen sich per Adapter verwenden. Damit passt der DSR-250 viel besser in vorhandene Profi-Infrastrukturen, in denen solche Akkus und die passenden Ladegeräte in vielen Fällen schon vorhanden sind.
Gleiches gilt für den Betrieb am Netzgerät: Sony hält sich beim DSR-250 an die üblichen Vorgaben und der DSR-250 verfügt deshalb über einen normalen, stabilen 12-V-Gleichstrom-Anschluss (4-Pol-XLR) und verarbeitet an dieser Buchse laut Hersteller Spannungen zwischen 12 und 17 V.
Die Frage der Spannungsversorgung ist auch deshalb interessant, weil weder Akku noch Lade- und/oder Netzgerät beim DSR-250 im Lieferumfang enthalten sind. Zum Vergleich: Der DSR-PD150 arbeitet mit Consumer-Akkus, ein reines Netzgerät mit 8,2 V Ausgangsspannung und ein Akku liegen bei. Wird das Netzgerät bei ausgeschaltem Camcorder angeschlossen, lädt es den jeweils eingelegten Akku.

AUSSTATTUNGS- UND HANDLINGVORTEILE
Der DSR-250 kann mit einer optionalen Stativplatte problemlos auf jedem professionellen Stativ montiert werden, was mit kleinen Kompakt-Camcordern vom Schlage des DSR-PD150 oder DCR-VX2000 nicht ohne weiteres möglich ist.
Beim Suchermonitor gibt es ebenfalls einen wesentlichen Unterschied zwischen dem DSR-250 und seinen technisch eng verwandten Brüdern: Arbeiten die beiden Kompakten auch im Sucher mit LC-Displays, so fällt der Blick ins Okular des 250ers auf die Mattscheibe eines Schwarzweiß-Röhrensuchers. Der zeigt nicht nur schärfere, höher aufgelöste Bilder, sondern auch einen höheren Kontrastumfang als die LC-Schirmchen.
Ein zusätzliches, ausklappbares Farb-LC-Display hat der DSR-250, ganz wie seine Brüder, auch zu bieten. Es entspricht in Größe (49,9 x 37,3 mm) und Auflösung (880 x 228 Bildpunkte) exakt dem Klappmonitor der kleinen Bauvarianten.
Das Gehäuse des DSR-250 bietet deutlich mehr Platz für Bedienelemente, als das der kleinen Camcorder. Daher sind die Tasten, Schalter und Rädchen hier nicht nur weitaus logischer angeordnet und in sinnvolle Gruppen zusammengefasst, sie orientieren sich auch weit stärker an den üblichen Bedienmustern, wie man sie von anderen Profigeräten kennt.
Wie der DSR-PD150 kann auch der DSR-250 wahlweise im DV- oder im DVCAM-Format aufzeichnen. Sein größeres Kassetten-Laufwerk akzeptiert aber zusätzlich zu den kleinen Mini-DV-Bändern auch solche mit Standard-Abmessungen. Das andere Laufwerk bringt auch einen weiteren kleinen Vorteil mit sich: Der DSR-250 startet schneller und zeichnet mit geringerer zeitlicher Verzögerung auf, wenn man den Auslöser drückt.

OBJEKTIV: KEIN BAJONETT
Auch wenn man zunächst einen anderen Eindruck gewinnen kann: Das Objektiv des DSR-250 ist kein Wechselobjektiv, sondern ist fest mit dem Camcordergehäuse verbunden. Es entspricht schon rein äußerlich und auch von allen Daten dem Objektiv, das auch beim DCR-VX2000 und beim DSR-PD150 zum Einsatz kommt. Da alle drei Camcorder mit den gleichen 1/3-Zoll-CCDs (3 CCDs, effektiv 400.000 Pixel) arbeiten, wäre es ohnehin nicht leicht, andere Objektive für den DSR-250 zu finden.
Dennoch: Dass man das Objektiv nicht wechseln kann, mag man bei einem Kompakt-Camcorder gerade noch schlucken, weil es hier eben um möglichste hohe Integration und geringe Baugröße geht. Aber all zu oft wird gerade im Consumer-Bereich an den Linsen gespart.

ANSCHLÜSSE
Das Anschlussfeld für analoge Ausgangssignale ist beim DSR-250 identisch zu dem beim DSR-PD150. Dabei hätte es sicher nicht geschadet, hier etwas robustere Buchsen einzubauen. Anders als beim kleinen Bruder ist dagegen der DV-Anschluss ausgeführt, der als Ein- und Ausgang beschaltet ist: Nicht die kleine vierpolige, sondern die große sechspolige IEEE-1394-Schnittstelle wurde eingebaut.

TON: SCHWERES ERBE
Die Tonprobleme des DCR-VX2000 und des DSR-PD150 hat auch der DSR-250 geerbt. Selbst wenn man sich in der Praxis damit arrangieren kann ist es ärgerlich, dass bei manueller Tonaussteuerung ein deutlich vernehmbares Rauschen die Tonqualität mindert. Bei automatischer Tonpegelung tritt dieser Effekt nicht auf.
Ebenfalls unpassend: Das Mono-Mikrofon (gleich wie beim DSR-PD150), das Sony dem DSR-250 beilegt. Es verleiht den Aufnahmen einen etwas muffigen und wenig transparenten Klang. Letztlich kann man jedem Anwender nur den Rat erteilen, es durch einen hochwertigeren Tonwandler zu ersetzen.

FAZIT
Der DSR-250 hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Er ist eben ein Kompromiss und weist dadurch etliche Ungereimtheiten auf. Im Endeffekt ist der DSR-250 eben doch nur ein DSR-PD150 im großen Gehäuse. Die größere Hülle bringt zwar einige Vorteile mit sich, aber ob die im Einzelfall wirklich den 250er als die bessere Wahl erscheinen lassen, hängt sehr stark von den Umständen ab. Wer vom Zubehör wie etwa Netz/Ladegerät, Akkus und Stativ her schon voll auf Profi-Niveau ausgestattet ist und dieses Equipment weiter nutzen will, wer unbedingt längere ununterbrochene Aufnahmezeiten braucht, als man sie mit Mini-DV erreichen kann, für den ist der DSR-250 sinnvoll. Eine generelle Vorliebe für Schulter-Camcorder ist natürlich auch ein Argument für den DSR-250. Wirklich zweifelsfrei besser als beim DSR-PD150 ist der Sucher.
Wem der DSR-250 aus diesen oder anderen Gründen attraktiver erscheint als der DSR-PD150, der muss sich nur noch darüber klar werden, ob er bereit ist, hierfür den höheren Kaufpreis zu bezahlen.

Downloads zum Artikel:

T_0101_DSR_250.pdf

Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller
Schlagwortsuche nach diesen Begriffen
Kamera, Test, Top-Story