Technik als Treiber der Transformation
Dominique Hoffmann führt die Direktion Produktion und Technik beim WDR. Im Gespräch schildert sie, welche Herausforderungen die ARD-Reform, neue Technologien und der Wandel der Mediennutzung mit sich bringen.

Die Themenliste, die Dominique Hoffmann und den WDR beschäftigt, ist lang: ARD-Reform, stärkere Kooperation im öffentlich-rechtlichen System, KI, IP-basierte Verbreitung und neue Distributionswege. »Die große Herausforderung ist, diese Vielzahl an Themen zu bündeln und in bewältigbare Pakete zu schnüren«, beschreibt Hoffmann die Lage.
Die Herangehensweise an Projekte hat sich dabei grundlegend gewandelt. »Früher plante man Technikprojekte von Anfang bis Ende durch und setzte sie dann um«, erinnert sich Hoffmann. »Heute ist das nicht mehr möglich, weil so vieles miteinander verzahnt ist und Perspektivwechsel aus anderen Bereichen erfordert.«
Von Technologie zu Workflows: Ein Paradigmenwechsel
Für Hoffmann ist der Wandel von einer technologie- zu einer workflowgetriebenen Branche Realität. Die enge Zusammenarbeit mit den Programmkolleginnen und -kollegen ist dabei unverzichtbar – sei es bei neuer Infrastruktur, Produktions-Workflows oder Formaten für Drittplattformen. »Wir müssen uns gemeinsam auf den Weg machen, auch wenn wir nicht von Anfang an wissen, wo er endet. In iterativen Schritten nähern wir uns dem Ziel«, erklärt sie.

Unter der Leitung von Intendantin Dr. Katrin Vernau hat der WDR einen Strategieprozess gestartet, um ein Zielbild für 2030 zu entwickeln.
Technik sieht Hoffmann als Ermöglicher: »Sie schafft die Freiräume und Basis, die wir für den Umbau brauchen.« Klar ist: Die Öffentlich-Rechtlichen werden künftig mit weniger Personal und Geld auskommen müssen – bei gleichzeitig mehr Verbreitungswegen als vor zehn Jahren.
Handlungsfelder statt Großprojekte
Um bei der Transformation in Bewegung zu kommen und Geschwindigkeit aufzunehmen, wurden Aufgabenpakete in konkreten Handlungsfelder zugeschnitten.

Ein Beispiel: mobile Produktionen. »Wie sieht die mobile Produktion der Zukunft aus? Brauchen wir noch große Übertragungswagen oder eher ein flexibles Portfolio von kleinem, smartem Equipment?«, fragt Hoffmann.
Entscheidend ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit. In jedem Handlungsfeld gibt es ein Leitungsquartett aus zwei Programm- und zwei Technikvertretern. Sie arbeiten in agilen Prozessen an Workflows, Infrastruktur und effizienteren Lösungen – etwa bei der Disposition, wo Teams zusammengelegt werden könnten, um bereichsübergreifend zu arbeiten.
Remote Production und Cloud als Schlüssel
Zu den wichtigsten technologischen Entwicklungen zählt die Remote Production auf IP-Basis. »Das schafft Flexibilität und ermöglicht skalierbare Lösungen«, erklärt Hoffmann.

Mit dem ARD Sport Hub in Köln entsteht ein zentraler Bereich, der vieles mit reduziertem Aufwand vor Ort abwickeln soll.
Auch Cloud Production spielt eine zentrale Rolle, etwa um Spitzen bei Großveranstaltungen abzufangen. Doch hier gibt es auch Bedenken: Die politischen Entwicklungen machen Datensouveränität zu einem drängenden Thema. »Das ist ein großes Thema«, bestätigt Hoffmann. »Wir denken es nicht nur im ARD-Kontext, sondern auch auf EBU-Ebene.«
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk sucht Alternativen zu den Big-Tech-Konzernen. Gespräche mit Hochschulen und Abstimmungen innerhalb der European Broadcasting Union (EBU) laufen. »Wenn wir stärker zusammenarbeiten und mit einer Stimme sprechen, sind die Firmen eher bereit, uns entgegenzukommen«, ist Hoffmann überzeugt.

KI: Gemeinsam statt allein
Die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz stellt den WDR vor neue Herausforderungen, etwa bei der Verifikation von Inhalten. Auch hier setzt die ARD auf Zusammenarbeit: In einem KI-Netzwerk arbeiten die Sender in Themen-Clustern zusammen – von Produktion über Verwaltung bis zu juristischen Fragen und Fortbildung.

Ein Beispiel ist die Arbeit am Standard »C2PA« zur Einführung von Content Credentials. Der C2PA-Standard (Coalition for Content Provenance and Authenticity) definiert die technischen Spezifikationen für Content Credentials. Er stellt sicher, dass verschiedene Anwendungen und Plattformen Content Credentials lesen und verifizieren können »Wir testen aktuell zum Beispiel, wie wir Inhalte mit einer digitalen Signatur ausstatten und diese in der ARD-Mediathek zur Verfügung stellen«, erklärt Hoffmann. Langfristig soll dies die gesamte Produktionskette umfassen – vom Kamerabild bis zur Auslieferung an Drittplattformen wie YouTube.
Auch mit Herstellern wie Sony läuft ein Proof of Concept, um digitale Signaturen direkt ins Material einzubinden. »Wir stoßen auf Verständnis und sehen, dass die Werte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geschätzt werden«, berichtet Hoffmann, etwa von der Zusammenarbeit mit Adobe.
Der Blick nach 2030: Linear war gestern
Wie sieht der öffentlich-rechtliche Rundfunk in zehn Jahren aus? Hoffmann ist sicher: »Das klassische, lineare Fernsehen wird deutlich zurückgehen.« Die Medienforschung prognostiziert diesen Wandel klar.

Ausnahmen bleiben Live-Events wie Sport oder der ESC, die generationenübergreifend im linearen Format funktionieren. Ansonsten verlagert sich der Konsum zu Video on Demand und Drittplattformen. »Wir müssen unsere Angebote dort auffindbar machen«, betont Hoffmann.
Einen genauen Zeitpunkt, wann nicht-lineare Inhalte dominieren, will sie nicht nennen. Klar ist: Die Kraft muss in digitale Produkte fließen. »Im Linearen können wir den Aufwand reduzieren und Kräfte bündeln, um Freiräume für das Digitale zu schaffen.«
Zu den Stärken des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zählen für Hoffmann insbesondere die Regionalität, Information und Sport. »Nicht nur die ganz großen Sportarten wie Fußball, sondern auch die breite Vielfalt des Sports.« Entscheidend sei, die Nutzerperspektive einzubeziehen und zu prüfen, ob Angebote auf den unterschiedlichen Verbreitungswegen und Plattformen ankommen.

Change: Top-down und Bottom-up
Hoffmann weiß, dass Transformation nicht ohne Widerstände gelingt. »Es gibt keine Blaupause«, sagt sie. »Wichtig ist, den Wandel sowohl von oben als auch von unten zu betrachten.« Kommunikation und Transparenz seien essenziell, um die Notwendigkeit der Veränderung zu vermitteln.
Je nach Herausforderung braucht es unterschiedliche Ansätze. Bei klaren Vorgaben wie dem Reformstaatsvertrag fallen Entscheidungen von oben. »Aber auch dann muss erklärt werden, warum diese Entscheidungen getroffen wurden und welche Auswirkungen sie haben«, betont Hoffmann. So sollen sich alle Mitarbeitenden mitgenommen fühlen.
Als Frau in der Technik
Dass Hoffmann als Frau in ihrer Position eine Ausnahme ist, weiß sie. Doch ihre Karriere verlief anders, als man vermuten könnte. Mit einem naturwissenschaftlichen Abitur und zwei älteren Brüdern war sie es gewohnt, in männerdominierten Umfeldern zu arbeiten. »Es war für mich nie eine Hemmschwelle«, sagt sie. Entscheidend sei, durch Fachlichkeit und Engagement zu überzeugen – unabhängig vom Geschlecht.
Wichtige Wegbegleiter waren Vorgesetzte, die ihr Potenzial erkannten und sie förderten. »Ich hätte nie gedacht, dass ich zum WDR wechsle«, sagt sie. »Aber die Situation hat sich einfach ergeben, und ich bin froh diesen Schritt gemacht zu haben.«
Ermutigung für den Nachwuchs
Ihr Rat an junge Frauen: »Lassen Sie sich nicht von Rollenbildern abschrecken. Machen Sie, was Ihnen Spaß macht und wo Sie kompetent sind.« Der Menschenverstand sei in jeder Position wichtig.

Hoffmann engagiert sich aktiv für Nachwuchsförderung. Der WDR veranstaltet eine Schülerinnen-Akademie, bei der junge Frauen technische Berufe kennenlernen. »Ich nehme mir immer Zeit dafür, um ein Vorbild zu sein«, sagt sie.
Ihre Botschaft: »Machen Sie den Sprung ins kalte Wasser. Jedes Mal geht man gestärkt daraus hervor, baut ein Netzwerk auf, lernt tolle Menschen kennen – und hat am Ende auch Spaß.«








