Top-Story: 24.01.2002

Was läuft beim interaktiven Fernsehen?

Zum Thema interaktive TV-Dienste (iTV) und Set-Top-Boxen (STB) gibt es derzeit viele Stimmen, die teilweise recht ahnungslos, aber dafür lautstark mitdiskutieren. www.film-tv-video.de sprach mit einem, der zwar eigene Interessen in diesem Markt verfolgt, aber dennoch auch zu einer distanzierteren Sicht in der Lage ist und sich wirklich auskennt: Stéphane Goebel, General Manager von Open TV in Deutschland.

Stéphane Goebel leitet die deutsche Niederlassung von Open TV, einem Unternehmen, das bislang durch sein Betriebssystem und seine Middleware bekannt ist, auf deren Basis sich interaktives Fernsehen realisieren lässt. Er berichtet über die Marktsituation von iTV in Deutschland und weltweit, vergleicht die Bedingungen, beurteilt die Diskussion um MHP und zieht daraus überraschende Folgerungen.

? Wo steht Open TV heute?

Stéphane Goebel: Wir konnten gerade das 50. Network für die Open-TV-Plattform gewinnen, wir haben rund 20 Kabelnetzwerke auf unserer Seite, also mehr, als die gesamte Konkurrenz zusammen. Erst kürzlich konnten wir auch ein großes Netzwerk in Japan als Kunden gewinnen, was wichtig war, weil der japanische Markt ein Riesenpotenzial für interaktives Fernsehen darstellt. Auch in China, einem enormen, künftigen Wachstumsmarkt, sind wir vertreten.
Mittlerweile haben 36 Hersteller von Set-Top-Boxen weltweit mit uns Vereinbarungen abgeschlossen, das heißt wir portieren unsere Technologie auf deren Hardware.

? Wie stellt sich interaktives Fernsehen in Deutschland aus Ihrer Sicht dar?

Stéphane Goebel: Der deutsche Markt unterliegt Besonderheiten, die derzeit in dieser Form eigentlich weltweit nirgendwo vorzufinden sind. Fakt ist: Es gibt in keinem anderen Land eine qualitativ so hochwertige Ausstrahlung von Free-TV. Da sind die Öffentlich-Rechtlichen mit der ARD und deren Landesanstalten, das ZDF sowie die jüngeren Programmangebote aus diesem Marktbereich: Phoenix, 3Sat, Kinderkanal, Theaterkanal etc. Hier kommt man schon auf rund 13 Sender. Die bieten allesamt ein hochwertiges Programm und die technische Qualität sucht weltweit ihresgleichen.
Die kommerziellen Sender von Kirch und Bertelsmann, haben schon sehr früh gelernt, wie man trotz des großen Free-TV-Angebots in Deutschland Geld verdienen kann. Und die Zuschauer bekommen deshalb deren Service ebenfalls kostenlos, was in dieser Form eigentlich weltweit eine einzigartige Situation ist.
Hinzu kommt die Tatsache, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland relativ eng sind und der gesamte Broadcast-Bereich sehr stark reguliert ist: Stichworte wie Kabelnetz-Verträge, Netzebenen und Rundfunkstaatsvertrag beschreiben Dinge, die im Ausland in dieser Form eigentlich nicht vorzufinden sind.
Durch diese Situation stellt der deutsche Markt eine Besonderheit dar, die sich grundlegend vom Rest der Welt unterscheidet. Das war auch der Grund, weshalb Open TV sein Büro in Deutschland mit Deutschen besetzte: Die hier etablierten TV-Marktbedingungen kann eigentlich niemand verstehen, der von außen kommt und hier nicht schon länger aktiv ist.

? Was bedeutet das für die deutsche Niederlassung von Open TV?

Stéphane Goebel: Es ist in der Tat so, dass wir den deutschen Markt auch intern im Unternehmen immer wieder erklären müssen. Im deutschen Markt kann man eben kein klassisches »Copy and Paste« von Business-Modellen und Vorgängen durchführen, wie das von internationalen Unternehmen oftmals angedacht wird. Wir müssen kreativ sein, spezielle Produkte anbieten und die hiesige Sprache sprechen.

? Was müsste sich denn aus Ihrer Sicht an der deutschen TV-Situation ändern?

Stéphane Goebel: Das kann ich letztlich nicht sagen, denn wir sind nur ein Technologie-Provider. Wir sind weder Politiker, noch Juristen, die die Rahmenbedingungen schaffen. Ich kann nur sagen: Wenn es darum geht, den TV-Zuschauern einen Mehrwert zu liefern, wie iTV ihn bietet, wird in Deutschland auf allen Ebenen häufig von falschen Voraussetzungen ausgegangen. Oft glauben die Nutzer etwa, dass interaktives Fernsehen automatisch auch sehr viel mehr Geld kosten müsse. Das ist aber nicht notwendigerweise der Fall, das hängt letztlich vom Netzbetreiber ab.

? Welche Rolle spielt der MHP-Standard für iTV in Deutschland?

Stéphane Goebel: MHP ist sicherlich ein Weg. Ob es der richtige oder falsche ist, sei dahingestellt. Prinzipiell ist eine Standardisierung in diesem Bereich aber zweifellos eine gute, sinnvolle Geschichte. Allein schon deshalb, weil ohne einen Standard enorm viel Geld im Entwicklungsbereich jedes einzelnen Unternehmens für die gleiche Aufgabe ausgegeben wird.
Aus unserer Sicht ist MHP eine Untermenge dessen, was Open-TV-Systeme schon lange leisten. Ein Beispiel: Die MHP-1.01-Version bietet nicht einmal eine Definition für HTML. Sprich: Es ist dabei offen, wie Hardware, Browser-Software und HTML-Inhalte verknüpft werden und zusammenwirken sollen. Wir haben uns mit diesem Thema schon lange beschäftigt und haben etwa in der schon in Kürze auch in Deutschland verfügbaren, neuen Panasonic-Box schon einen Browser integriert.
Die Quintessenz für uns lautet: Standardbestrebungen und somit auch MHP, sind prinzipiell der richtige Weg um iTV in Deutschland auf breiter Basis einzuführen. Ob aber MHP, so wie es heute definiert ist, tatsächlich zur Anwendung kommen wird, kann ich nicht beantworten. Open TV hat eine MHP-Lösung, wir sind im Steering Committee und haben sehr viel Erfahrung mit der Funktionalität, die MHP vorschreibt. Aber aufgrund der TV-Situation in Deutschland wird es hier noch sehr viele Diskussionen geben.
Ein Beispiel: Praktisch jede Applikation, die auf einer Set-Top-Box läuft, benötigt dort Speicherplatz. Dabei treten zwei Fragen auf: Wem gehört die STB und wem gehört der Speicherplatz? Mal angenommen, die Applikation der ARD belegt 80 % des vorhandenen Speicherplatzes. Nun schaltet der Zuschauer aber um auf RTL und will dort eine Wetterapplikation nutzen, die 30 % des Speicherplatzes bräuchte. Was passiert dann? Das ist überhaupt nicht geregelt und kann zu großen Problemen führen, in deren Folge die Applikationen langsam und unkomfortabel werden. Wie also werden die technischen Ressourcen in der Box den verschiedenen Content-Anbietern zugewiesen?
Ein anderes Beispiel: Ein Sender arbeitet mit einem großen Versandhaus zusammen und Ihnen als Nutzer wird einfach im Hintergrund der gesamte Katalog dieses Versandhauses auf die Festplatte der Set-Top-Box geladen. Wollen Sie das?
Das ist alles von mir gar nicht negativ gemeint, aber hier muss auf breiter Ebene noch etliches angepackt werden, denn hier in Deutschland gehört so etwas eben geregelt, bevor es Implementierungen gibt. MHP ist erst der Weg dazu und Open TV liefert die passende Technologie.

? Derzeit wird in Deutschland heftig diskutiert, dass Liberty offenbar nicht bei MHP mitmachen will. Wie stellt sich das aus Ihrer Sicht dar?

Stéphane Goebel: Das muss man meiner Meinung nach zuerst einmal ganz unabhängig vom Standard betrachten und eine grundlegende Frage beantworten: Wo kann ein Kabelbetreiber Geld verdienen? Einmal mit der Grundgebühr bei den Haushalten, die aber nicht überzogen werden kann, denn sonst steigen die Haushalte aus. Also lässt sich nur mit zusätzlichen Leistungen mehr Geld verdienen, das aber für Investitionen und rentablen Betrieb dringend gebraucht wird: Telefonie, Fast Internet und iTV. Im Telefonbereich sind die Preise aber eh schon im Keller, da sind für den Kabelbetreiber nur geringe Margen drin. Beim schnellem Internet-Zugang konkurriert er mit den DSL-Anbietern, da gibt es auch nur noch ein geringes Potenzial. Was bleibt, ist der iTV-Bereich, denn da gibt es derzeit noch keine Konkurrenz.
Wenn nun aber zum Beispiel die privaten Sender künftig auch iTV-Dienste wie etwa T-Commerce anbieten, stehen sie in direkter Konkurrenz zu dem, womit die Kabelnetzbetreiber Geld verdienen wollen. Das ist aus meiner Sicht der Hintergrund der Diskussion, auch wenn das nicht so offen ausgesprochen wird. Die klassischen Content-Anbieter in Deutschland haben eine Gefahr erkannt: Der Kabelnetzbetreiber könnte unterbinden, dass mit dem TV-Signal neben Bild- und Tonübertragung auch Datentransfers stattfinden, oder automatisch parallel Daten mitgeliefert werden.
Ich denke, der Dreh- und Angelpunkt liegt letztlich bei den Must-Carry-Vereinbarungen der Kabelnetzbetreiber, wonach diese bestimmte Programme zwingend einspeisen müssen, um die Grundversorgung sicherzustellen. Die strittige Frage ist nun: Bezieht sich das nur auf den klassischen TV-Content oder auch auf Daten und Zusatzdienste.
Aus meiner persönlichen Sicht müssen die Kabelnetzbetreiber ARD, RTL und so weiter schon aus Eigeninteresse einspeisen, damit ihnen die Kunden nicht weglaufen. Die Frage ist aber schon, ob sie die eventuell hinterlegten Daten auch mit einspeisen müssen und inwieweit deren Darstellung vom Kabelnetzbetreiber gratis ermöglicht werden muss.

? Wie sieht es von der Endkundenseite her aus, welche iTV-Dienste werden international am stärksten akzeptiert?

Stéphane Goebel: Das kann man eigentlich nicht so pauschal sagen. Ich glaube, das ist national sehr unterschiedlich. In England sind beispielsweise Wettapplikationen sehr erfolgreich, und alle englischen Wettanbieter versuchen, auf diese Plattform zu kommen und mit dabei zu sein, weil sie merken, dass es sehr gut angenommen wird.
Dann gibt es natürlich andere, typische Push-Applikationen, die man sich auch in Deutschland als Einstieg ins iTV sehr gut vorstellen kann, etwa die klassischen Informationsdienste, für die man nicht notwendigerweise einen Rückkanal benötigt. Als Beispiel: Eine Wetterapplikation, die detaillierte regionale Infos bietet und weit über das hinausgeht, was der Videotext kann. Aus meiner Sicht müsste man so eine Applikation in Deutschland kostenlos, oder im Rahmen eines wie auch immer gearteten Grundpakets anbieten. Gleiches gilt für Nachrichtendienste, Verkehrsdienste mit aktuellen Stau-Infos und ähnliches.
Dass man hier keinen Rückkanal benötigt, ist aus betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten wichtig, denn mit solchen Diensten können die Kabelnetzwerke ohne große Investitionen erste Erfahrungen mit iTV sammeln.
Was ebenfalls praktisch überall gut funktioniert, ist E-Mail und SMS. In Spanien gibt es beispielsweise eine spezielle SMS-Applikation, die sich zum absoluten Renner entwickelt hat. Die würde ich persönlich wahrscheinlich nicht nutzen, aber es läuft eben im spanischen Markt extrem gut, vor allem bei einer jungen Zielgruppe.
Dann gibt es bei weltweiter Betrachtung auch noch eine Form von T-Commerce-Anwendungen, die sehr gut läuft: Wenn größere Retail-Stores unter einem Dach vereint werden und so eine Verkaufsplattform entsteht.
Als Resümee für eine erfolgreiche Markteinführung von iTV würde ich sagen: Erst müssen klassische Push-Dienste kommen, vielleicht in Kombination mit Kommunikationsdiensten. Dann sollten T-Commerce-Angebote folgen und schließlich Spiele-Plattformen. Und man muss experimentieren: Der französischen Anbieter tps brachte seit 1996 schon mehr als 480 Applikationen »on air«, von denen sich rund 160 etablieren konnten.
Wenn man nun wieder den Bogen zum deutschen Markt schlägt, glaube ich, dass die Öffentlich-Rechtlichen sich mit allem beschäftigen sollten, was man unter »Enhanced TV« versteht. Es geht darum, eine Verbindung zu schaffen zwischen dem gewohnten TV-Angebot und neuen Diensten. Das funktioniert etwa dann besonders gut, wenn Zuschauer bei einer Spieleshow über bestimmte Dienste mitmachen und mitspielen können.

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Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller
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