Branche, Interview, Top-Story: 01.02.2005

Wolfgang Braun: HD-Jahr 2005?

50 Insider aus verschiedenen Bereichen der Film-, TV- und Videobranche haben die Fragen von www.film-tv-video.de zum Thema HD beantwortet. Eine Zusammenfassung analysiert die Stimmung in der Branche, zudem stehen auch die Antworten der einzelnen Befragungen in voller Länge zur Verfügung. In diesem Beitrag lesen Sie die Antworten von Wolfgang Braun. (Zum Download bitte auf den Dateinamen am Ende des Artikels klicken.)

B_0105_Digi_TV_Pfiffl_BraunWolfgang Braun ist Geschäftsführer von Digi TV, einem Ü-Wagen-Dienstleister mit Sitz in Holzgerlingen. Kürzlich ist das schwedische Unternehmen Prisma bei Digi TV eingestiegen.

**Welche Bedeutung hat HD heute in Ihrem Tätigkeitsbereich? Wie und wann wird sich das aus Ihrer Sicht ändern?

Digi TV macht sich schon seit fast drei Jahren Gedanken über den Bau eines HD-Ü-Wagens. Es gibt verschiedene betriebswirtschaftliche Rechnungen, die alle das gleiche Problem haben: Egal wie man das Ergebnis schönrechnet, es lässt sich derzeit keine Refinanzierung der notwendigen Investitionen darstellen.
Der Grund liegt, was den deutschen Markt anbelangt, vornehmlich darin, dass das Preisniveau längst unter der Rentabilitätsgrenze für die Ü-Wagenbetreiber liegt. Wie die Firma Alfacam zeigt, sind – verglichen mit SD-Produktionen – mit HD-Produktionen auch keine nennenswert höheren Erträge zu erwarten.
Diese Situation wird sich in Deutschland noch dadurch verschärfen, dass natürlich jede Firma, die in der Ü-Wagen-Landschaft etwas auf sich hält, nach dem HD-Markt schielt und den Bau eines HD-Ü-Wagen angekündigt hat. Das gilt etwa für Wige, TVN und TopVision. Sollten diese Fahrzeuge tatsächlich alle gebaut werden, werden diese Firmen sehr schnell feststellen, dass für diese
Ü-Wagen gar kein ausreichender Markt vorhanden sein wird. Man wird sich also um die möglichen HD-Aufträge klopfen müssen und das wird zwangsläufig auf der Preisschiene passieren.

**Beim Thema HD wird in Deutschland oft von der Signalwirkung gesprochen, die von der Fußball-WM 2006 ausgehen werde. Wie beurteilen Sie dieses Thema?

Die Situation ist höchst schizophren. Auch ich bin mir sicher, dass aufgrund verschiedener Einflüsse kein Weg an HDTV vorbeiführen wird, nur kann und wird Deutschland dafür alles andere als eine Vorreiterrolle spielen. Man muss jedoch grundsätzlich zwei Dinge unterscheiden: Produktionen in HD und Ausstrahlungen in HDTV. Ersteres wird auch in Deutschland zu einer Notwendigkeit werden, dies ist schon wegen des internationalen Programmaustausches erforderlich: Olympische Spiele und Fußball-WM zeigen es. Wie oft diese Notwendigkeit jedoch bestehen wird, das genau ist eines der großen Fragezeichen. Niemand wird wohl ersthaft in Erwägung ziehen, wegen vier Wochen Fußball in 2006 einen HD-Ü-Wagen auf die Beine zu stellen. Auf absehbare Zeit wird und muss ein HD-Ü-Wagen erstmal vorwiegend mit SD-Produktionen ausgelastet werden; das macht ihn in der Anschaffung aber nochmals teurer, da Geräte für beide Formate vorgesehen werden müssen. Das gilt besonders bei MAZen, Bildmischern, Up- und Downkonvertern. Deshalb werden die Investitionskosten für einen HD-Ü-Wagen insgesamt rund 30 % höher liegen als für einen vergleichbaren SD-Ü-Wagen, sofern man von einer Neuanschaffung aller erforderlichen Geräte ausgeht. Wie soll man in einer solchen Situation schwarze Zahlen schreiben, wenn dies derzeit mit einem reinen SD-Ü-Wagen in Deutschland schon kaum möglich ist?

**Welches Hindernis hemmt derzeit die Verbreitung von HD im Markt am meisten? Wie könnte man dem begegnen? Was muss aus Ihrer Sicht passieren, damit HD in Deutschland alltägliche Realität wird?

In unserem Bereich sprechen betriebswirtschaftliche Gründe derzeit gegen HD. Das mag in anderen Bereichen anders aussehen. Wie schon erwähnt, sehe ich aber voraus, dass kein Weg an HD vorbei führen wird.Für uns ist die Lösung, dass wir mit Prisma einen Partner gesucht und gefunden haben, mit dem wir auch im HD-Bereich kooperieren werden. Wichtig für die Zukunft ist auch, dass die Hardware Hersteller von HD-Equipment baldmöglichst die unumgängliche Einsicht gewinnen werden, dass HD-Geräte nicht zu einem höheren Preis verglichen mit SD-Geräten verkauft werden können. Gleiches trifft in ähnlicher Form auf den Consumer-Bereich zu. HD muss bezahlbar werden, für den Produzenten genauso wie für die TV-Sender, die technischen Dienstleister und den Endverbraucher.

**Wann werden die Zuschauer in Deutschland regelmäßig bei mehreren Sendern HDTV sehen können? Spielt das für Ihren Tätigkeitsbereich eine Rolle? Was erwarten Sie beim Thema HDTV von den öffentlich-rechtlichen Anbietern, was von den privaten?

Noch weiß kein Mensch, wann es in Deutschland erstmalig regelmäßige HD-Austrahlungen geben wird. Ankündigungen von Sendern wie Premiere sind zwar PR-trächtig, aber auch dort wird man kein unkalkulierbares Risiko eingehen. Die Öffentlich-Rechtlichen verschanzen sich elegant hinter ihrer angeblichen Finanzmisere und haben erst vor wenigen Jahren ihre Technik von analog nach SD erneuert. So werden wir erstmal neidisch auf das europäische Ausland schauen müssen: RAI, BBC, SVT scheinen hier viel ernsthaftere Ambitionen zu haben. Bei uns wird ja auch viel lieber über DVB mit 625 Zeilen diskutiert und darin fast irrsinnige Summen investiert, als sich technische und wirtschaftliche Gedanken über die Möglichkeiten der HD-Ausstrahlung zu machen. Entsprechende Vorschläge und Verfahren für effizientere und verlustärmere Komprimierungsverfahren bei technisch akzeptabelen Datenraten liegen ja seit einiger Zeit schon vor (MPEG-4, WM9).

**Wie sollte aus Ihrer Sicht ein europäischer HDTV-Standard aussehen? Nennen Sie uns bitte die Eckwerte und ergänzen Sie diese mit einer kurzen Begründung.

Zur weiteren Verunsicherung trägt natürlich auch die unsägliche Diskussion um mögliche zukünftige HD-Standards bei. HD in Raten mit 720/50p, wie es offenbar die EBU derzeit favorisiert, das ist »HD für Anfänger«. Wenn der Zuschauer nicht ein deutliches »Aha«-Erlebnis bei HD haben wird, wie soll er sich für nach wie vor teure HD-Displays entscheiden? Also sollte es eigentlich nur den einen Weg über 1080/50i zu später möglichen 1080/50p geben. Da haben dann ca. die 4-fache Auflösung – verglichen mit dem derzeitigen PAL-System mit 625 Zeilen. Dieser Standard errreicht bei Projektionen auf Großbildwände annähernd Filmqualität und wäre damit sogar kinofähig. Das ist auch die Philosophie, die etwa Sony bezüglich seiner HD-Kameras betreibt. Aber wer sagt, dass man damit nicht doch auf das falsche Pferd setzt?

**Was wollen Sie uns noch zum Thema HD mitteilen?

Es ist für uns natürlich hoch attraktiv, mit einem Partner wie Prisma mit HD in naher Zukunft präsent sein zu können. Prisma hat eine vollkommen andere Marktstellung verglichen mit den deutschen Ü-Wagen-Firmen. Der deutsche Ü-Wagen-Markt ist sowohl nach innen wie auch nach außen sehr geschlossen. Auf der einen Seite haben es ausländische Firmen sehr schwer, in den deutschen Markt einzudringen, was etwa die Versuche von TPC und NOB zeigen. Alfacam profitiert derzeit lediglich von seinen HD-Möglichkeiten und ist sonst partiell im Fußballgeschäft wegen der Verflechtungen mit Plazamedia präsent. Auf der anderen Seite findet man im europäischen, nicht deutschsprachigen Ausland sehr selten deutsche Ü-Wagen. Weder bei der Fußball-EM in Portugal noch bei den Olympischen Spielen in Athen war ein einziger deutscher Ü-Wagen als Host-Broadcaster tätig. Die deutschen Firmen scheinen schlichtweg nicht über die notwendigen internationalen Kontakte zu verfügen. Nur mit solchen Kontakten kann HD zu einem rentablen Geschäftszweig werden. Bei der ganzen Diskussion um HD im Broadcast-Bereich darf nicht außer Acht gelassen werden, dass die Entwicklung im Consumer-Bereich spätestens mit der Markteinführung der HD-DVD sowie den Möglichkeiten, die bereits die heutige Auflösung der PC-Displays bieten, die Bedürfnisse des Fernsehzuschauers entscheidend verändern werden. Der Consumer-Bereich wird somit erstmalig zum Maßstab für die Weiterentwicklung der Broadcast-Landschaft, und nicht wie bisher umgekehrt.

Downloads zum Artikel:

T_0105_HD_DigiTV_Braun.pdf

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Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller
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