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Der Fluch des Numbercrunchers

Der PC hat in den vergangenen Jahren die Fernsehtechnik revolutioniert: Wo früher mannshohe Racks voll mit Maschinen und Processing Units standen, finden sich heute an vielen Stellen nur noch ein paar vergleichsweise kompakte, leistungsfähige Rechner und Server.

Aber nicht nur in der Technik, sondern auch inhaltlich schlägt sich der Siegeszug des PCs im TV-Bereich nieder – mit positiven wie negativen Auswirkungen: Die Recherche ist dank Internet mit Google und anderen Suchmaschinen einfacher denn je geworden, Datenbanken liefern Redakteuren Infos, die vorher in Archiven ungesehen vor sich hin schlummerten, Statistiken lassen sich leicht und schnell aufbereiten.

Eine der weniger schönen Folgen davon: Mitunter leidet die Qualität und Intensität der Recherche, Fehler können ganz leicht und schnell übernommen, wieder und wieder kopiert und mit ungeahnter Geschwindigkeit verbreitet werden. Und die Flut schnell verfügbarer, aber völlig irrelevanter Infos kann auch nerven.

Beispiel Sportberichterstattung: Ob man bei einem Fußballspiel wissen muss, wie das Zweikampf-Verhältnis aussieht, wie viele Ecken den Mannschaften zugesprochen wurden, und wie viele Tore einzelne Spieler in den vergangenen Spielen schossen, darüber kann man noch diskutieren. Wenn aber die Kommentatoren Allwissenheit vorspiegeln und anfangen, vom PC-Bildschirm Trivialinfos jeder Art abzulesen und vorzutragen, dann ist die Schwelle meist überschritten: Wie viele Zuschauer wollen, während sich Jan Ullrich den Col du Galibier hochquält, hören, dass an der gleichen Stelle im Jahr 1956 der unvergessene, in irgendeinem Pyrenäenkaff geborene Jean Irgendwie wegen eines Lenkerbruchs gestürzt war und ihm dann ein enger Freund, der damals zufällig an dieser Stelle wartete, eine getrocknete Büffelnase reichte, die man noch heute in seinem Restaurant sehen kann, das er im belgischen Liège betreibt und in dem man übrigens einen ausgezeichneten trockenen Rosé zum Kaninchen bekommt – oder so ähnlich.

Auch in die Wettervorhersage ist der Zahlenwahnsinn längst eingezogen: Jetzt können wir jeden Tag erfahren, wie niedrig die Tageshöchsttemperatur am Funtensee war, dass es in Guteborn in der Lausitz im Monat Juni 50 mm weniger geregnet hatte als im Vorjahr, bundesweit die Sonnenscheindauer aber deutlich unter dem Wert des vergangenen Jahres lag. Ist es nicht so, dass die Leute am Funtensee ohnehin längst wissen, ob es dort im Lauf des Tages geregnet hatte, aber nun trockener ist – und es den Rest der Republik schlicht und einfach nicht interessiert? Früher ging es in der Wettervorhersage – wie der Name sagt – darum, wie das Wetter in den folgenden Tagen werden soll. Heute muss man ein Feuerwerk nutzloser Informationen überstehen, um die Prognose zu erfahren – oder sich anderswo kundig machen.

Wetten, dass die Wettervorhersage dadurch nicht genauer, die Tour de France nicht spannender und der Fußball nicht unterhaltsamer wird?

Sie werden sehen.

Autor: Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller

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