Editorial, Kommentar, Top-Story: 16.09.2005

IBC2005: Zukunft mit Mobile TV?

Für die einen ist es Daumenkino der schlimmsten Form — für die anderen die Aussicht auf ein ganz großes Geschäft: Die Übertragung von Fernsehinhalten auf mobile Empfangsgeräte wie Telefone, PDAs und Laptops bewegte in Amsterdam viele Broadcaster ebenso, wie Hersteller und Distributions-Dienstleister.

DVB-H und DMB sind die Kürzel, die in diesem Zusammenhang fallen. Dahinter verbergen sich die Technologien, die dafür sorgen, die digitalen TV-Inhalte auf die mobilen Endgeräte der Zuschauer zu bringen. DVB-H basiert auf dem DVB-Standard und wird speziell in Europa in diversen Pilotprojekten vorangetrieben. DMB basiert auf DAB (Digital Audio Broadcasting), Erfahrungswerte aus der Praxis gibt es aus Korea.

Welche Inhalte und Angebote stellen sich Verfechter von DVB-H und DMB vor? Meist werden Nachrichten und Sport genannt, die Business-Modelle, also die Frage wie man damit Geld verdienen kann, sind aber meistens noch unklar. Besonders der Sportfan soll als Zuschauer gewonnen und für die kleinen Geräte und die geplanten Services begeistert werden. Auch hier soll, wie bei HDTV, vielleicht schon die Fußball-WM als Zugpferd dienen: Geht es etwa nach T-Systems, werden sich im kommenden Jahr viele Zuschauer die entscheidenden Tore auf ihrem mobilen Empfangsgerät ansehen, wenn sie unterwegs sind. Den Business-Menschen sehen die Hersteller dagegen, wie er sich wichtigte News auf dem Handheld-Device abruft, wenn er von A nach B unterwegs ist.

Heerscharen von Teenagern, die ohnehin meist eine hohe Affinität zu Handys haben, sieht man ebenfalls als einträgliche Zielgruppe: Die aufgebohrten Bewegtbild-Mobiltelefone, sollen als Rückkanal für alle Arten von Spieleshows dienen, aber auch für kurze animierte Manga-Filmchen, Musikclips, Daily-Soaps und spezielle Tele-Novelas mit zwei- bis fünfminütigen Folgen.

Die Liste möglicher Anwendungen lässt sich nahezu endlos fortsetzen, und das beeindruckt selbst hartgesottene Skeptiker, die persönlich den minderwertigen Bildern auf zu kleinen Displays mit im besten Fall halber PAL-Auflösung nichts abgewinnen können. In Zeiten, in denen sich mit SMS und dem Download von nervenden Klingeltönen und Handy-Logos viel Geld verdienen lässt, wirken DVB-H- oder DMB-Applikationen schließlich fast schon wie hochwertige Kulturgüter und könnten durchaus ihre Zielgruppe finden: Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler.

Damit mobiles Fernsehen erfolgreich wird, müssen allerdings zunächst noch einige medienpolitische und technische Entscheidungen gefällt und Frequenzen vergeben werden. Erst dann wird sich zeigen, ob die aktuelle Prognose von weltweit 125 Millionen Mobile-TV-Nutzern bis zum Jahr 2010 tatsächlich eintritt.

Sie werden sehen.

P.S.: Regelmäßige Newsletter-Leser erinnern sich vielleicht noch an den extrem wichtigen und enorm aussagestarken neuen Messeindikator, den die Redaktion erstmals zur NAB2005 erfasste: 42.432 Schritte hatte das Redaktionsteam von www.film-tv-video.de pro Kopf in Las Vegas beim Sammeln von Infos auf dem Messegelände zurückgelegt. Wie bei der NAB verschenkte auch zum Auftakt der IBC ein Hersteller einen Schrittzähler, deshalb hier nun der Vergleichswert aus Amsterdam: 48.609 Schritte. Was die Redaktion dabei erwandert hat, lesen Sie in der IBC-Nachberichterstattung — und keine Sorge: das Experiment ist damit beendet.

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Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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