Editorial, Kommentar, Top-Story: 29.06.2010

Wer jubelt zuerst?

Auf den Sieg der deutschen Nationalelf im Achtelfinale (!) der Fußball-WM am vergangenen Sonntag folgte in vielen deutschen Städten schon ein stundenlanger Autokorso mit einem Hupkonzert, das den Vuvuzelas am Spielort in nichts nachstand. Wohin würde das erst führen, wenn die deutschen Kicker Weltmeister würden? Eine Woche Autokorso?

Schon daraus lässt sich ableiten, wie wichtig der Fußball an sich und dann noch in Form eines »Schicksalsspiels«, in Deutschland genommen wird. Doch nicht nur hierzulande: Manch einer in der Branche sieht nun dem Smalltalk mit englischen Kollegen bei der kommenden IBC gelassener entgegen.

Weniger zufrieden als mit dem Ergebnis dieses Spiels scheint dagegen ein wachsender Teil der Zuschauer mit der Bildgestaltung der Übertragung zu sein. Während der eigentlichen Spielübertragung hält die Fifa das Ruder fest in der Hand: Auch wer die vollen Senderechte erworben hat, darf in dieser Phase keine anderen Bilder zeigen, als die offiziell von der Fifa angebotenen — inklusive intensiver Blicke auf die Logos der Werbepartner und vieler Totalen, in denen die Bandenwerbung gut zur Geltung kommt. Erst nach den Spielen können die Rechteinhaber wieder eigenes Material senden — was bei der ARD am vergangenen Sonntag allerdings nicht ganz rund lief: kurze Bildausfälle, Tonprobleme und Fehlschaltung gingen aber im Jubel und Überschwang auf der Zuschauerseite wahrscheinlich weitgehend unter.

Ein anderer Effekt, der am vergangenen Sonntag wieder mal deutlich hörbar war: Während der Nachbar schon in Torjubel ausbricht, herrscht im eigenen Wohnzimmer noch angespannte Stille. Die Vuvuzelas aus der Kleingartenanlage setzen noch viel später ein. Ganz zuletzt kommt dann der Torschrei aus dem Arbeitszimmer: Je nach Empfangsweg kann »live« eben heutzutage ganz unterschiedliche Zeitbegriffe umfassen. Dabei gibt es regionale Unterschiede, aber meist gilt diese Reihenfolge: Wer Kabel hat, jubelt als erstes. Dann greifen die zur Vuvuzela, die sich das Spiel über Satellit angesehen haben. Dann folgen die DVB-T-Nutzer und schließlich auch die IPTV-Zuschauer.

Wer zuerst jubelt, das hängt dabei von vielen Faktoren ab: vom generellen Übertragungsweg, von der Geschwindigkeit beim En- und Decodieren des Signals und somit auch von der Set-Top-Box zuhause beim Zuschauer. So kommt es, dass »live« in der digitalen Welt zwar immer dasselbe meint, aber letztlich nicht wirklich dasselbe bedeutet.

Wichtiger als der kleine Zeitversatz, ist dem Fußballfan hingegen die Frage, ob überhaupt ein Bild zu sehen ist. Erinnerungen an die Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz werden wach, als ein großes Gewitter zu einer »Verkettung unglücklicher Umstände« führte – und Millionen Fußballfans in Deutschland das Spiel gegen die Türkei nur dank der Geistesgegenwart eines ZDF-Mitarbeiters weitersehen konnten, der das Signal des Schweizer Fernsehens anzapfte.

Mit solchen massiven Problemen kämpfte die WM in Südafrika zumindest bisher glücklicherweise noch nicht — obwohl das Stromnetz vor Ort auch nicht immer ganz zuverlässig funktioniert, wie TV-Mitarbeiter von ARD und ZDF im WM-Production.Blog von film-tv-video.de berichten. Die riesige Generatorenfarm, die schon im ersten Blog zu sehen war, sollte aber ausreichen, um auch im weiteren Verlauf einen stromnetzbedingten Bildausfall zu vermeiden.

In kritischen Fällen kann zudem die klassische Broadcast-Technik auf eindrucksvolle Weise zeigen, was Ausfallsicherheit und höchste Verfügbarkeit in der Praxis bedeuten. Dass es diese höchste Verfügbarkeit im Internet leider nicht gibt, mussten all jene Fußball-Fans miterleben, die das Spiel Deutschland gegen Serbien am frühen Nachmittag online im Internet hatten verfolgen wollen. Die Server waren dem Ansturm nicht gewachsen und die Zuschauer sahen: nichts. Was sie in diesem Fall gesehen hätten, wäre den meisten deutschen Fans wohl auch nicht recht gewesen — aber das ist ein anderes Thema.

Wer also beim nächsten Fußballknaller aus deutscher Sicht am kommenden Samstag auf Nummer Sicher gehen will, der sollte sich für den klassischen Übertragungsweg entscheiden. Bessere Werbung kann es für Broadcast-Technik eigentlich nicht geben.

Sie werden sehen.

P.S.: Am Mittwoch wird Deutschlands nächster Bundespräsident gewählt. Auch hier stellt sich die Frage: Wer jubelt zuerst? Allerdings in einem anderen Zusammenhang …

Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller
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