Editorial, Kommentar, Top-Story: 27.07.2011

Angriff der Aggregatoren

»Content Aggregator« das klingt ein bisschen aggressiv — und in einer gewissen Weise ist es das auch. Der Begriff wurde für Internet-Unternehmen geprägt, die selbst keine Inhalte produzieren, sondern die Inhalte anderer sammeln, ordnen und bereitstellen. Das hat jeder Internet-Nutzer schon als segensreich erlebt, wenn er etwa bei Google, Youtube oder sonstwo fündig wurde und genau das im Web entdeckte, was er suchte. Google und sein Tochterunternehmen Youtube sind dabei nur die Speerspitze zahlloser Content Aggregators im Internet, die auf den Inhalten Dritter ihre Geschäftsmodelle aufgebaut haben.

Neben der segensreichen, hat das aber auch eine dunkle Seite: Auf der steht zum einen, dass Urheberrechte im Internet permanent unterlaufen werden. Zum anderen verursachen die prosperierenden Aggregatoren im Internet in der restlichen Medienwelt auch massive Flurschäden, indem sie ganze Ertragsketten abschneiden.

Die Aggregatoren bezahlen nämlich nichts für die von ihnen angebotenen Inhalte, höchstens beteiligen sie die Hersteller und/oder Rechteinhaber der Inhalte mit winzigen Margen an ihren Umsätzen: Das aber ist ein Geschäftsmodell, das zwar so ähnlich in vielen Bereichen der Wirtschaft funktionieren mag, das aber verheerende Folgen hat, wenn es um die Beschaffung von Informationen geht, genauer gesagt: um die Beschaffung unabhängiger Informationen, etwa um journalistische, redaktionelle, dokumentarische Inhalte.

Nun soll hier keineswegs so getan werden, als seien etwa Zeitungen, Zeitschriften und journalistische Internet-Portale nicht in ihrer Mehrzahl Geschäftsbetriebe, die nach Gewinn streben. Der Unterschied besteht aber darin, dass diese ihre Inhalte selbst erzeugen und dafür Mitarbeiter bezahlen oder dass sie Inhalte zukaufen — und beides geht nur, wenn sie mit diesen Inhalten auch entsprechende Einnahmen generieren können. Die Aggregatoren vereiteln das aber in zunehmendem Maß.

Und das geht so: Google, Facebook und andere Internet-Riesen versprechen den Werbetreibenden so etwas wie den Himmel auf Erden, nämlich extrem zielgenaue Werbung, die den Kaufwilligen exakt im entscheidenden Moment erreicht, wenn Kaufbereitschaft besteht und sich der Kaufwunsch Bahn bricht. Das Ganze verbunden mit einer Abrechnung auf Klickbasis und mit umfangreichen Auswertungen: Jede Menge Zahlen und Diagramme lassen auch das Herz des Excel- und Statistikfreundes in Buchhaltung und Marketing höher schlagen. Da liegt der Rückschluss nahe: Wir werben nur noch bei Google.

Also fließen die Marketing-Budgets in Suchmaschinenoptimierung und ausgefuchste Online-Werbemethoden, wie sie eben nur Internet-Riesen anbieten können. Dieses Geld fehlt aber ganz einfach auf der Seite der Inhaltehersteller. Also werden hier die Kosten reduziert, es wird gespart, optimiert und auf der Suche nach neuen Ertragsquellen nimmt man es eben nicht mehr so genau mit der unabhängigen Berichterstattung: gekaufte Beiträge, reines Durchreichen von PR, »Kooperationen« der besonderen Art, das sind die unmittelbaren Folgen, die dem aufmerksamen, kritischen Beobachter nicht verborgen bleiben. Im nächsten Schritt wird dann nur noch die Art von Inhalten produziert, die eine möglichst breite Masse ansprechen — gerne auf der untersten Instinktebene. Und es wird im Gegenzug nicht mehr ernsthaft recherchiert, nicht mehr hinterfragt, kritische Haltungen stören bloß noch. Irgendwann ist dann alles bloß noch supertoll-fantastisch oder vollkommen abgründig-skandalös — dazwischen gibt es nichts mehr.

All diese Effekte kann man derzeit in der Medienwelt anwachsen sehen — und man braucht auch nicht viel Fantasie, um diese Entwicklung weiterzuspinnen. Und dann? Wo bekommen Sie dann Informationen aus Ihrem Fachbereich her? Google schickt keinen Reporter zu einem Broadcast-Dienstleister, der Sie interessiert, Google testet keine Camcorder, Google kommt nicht zu Ihrer Hausmesse.

Das ist alles kein Problem, wenn es Ihnen zukünftig ausreicht, topaktuell via Facebook oder Twitter über die neuesten Klamotten von Lady Gaga informiert zu werden. Oder wenn sie ausschließlich von der Pharmaindustrie etwas über neue Krankheitsbilder erfahren wollen. Wenn Sie sich aber auch weiterhin unabhängige Fachinfos wünschen und zwar auch aus Ihrer Branche, sollten sie entsprechend handeln: Sonst wird sich die Informationswirtschaft vergleichsweise rasch wandeln (müssen).

Sie werden sehen.

Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller

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