Editorial, Kommentar, Top-Story: 04.08.2012

Sommer in Deutschland

Sobald es Sommer wird in Deutschland, werden weite Teile der Bevölkerung offenbar von einer kollektiven, tiefen Sehnsucht nach südländischem Lebensgefühl befallen. Diese Sehnsucht ist allem Anschein nach so groß, dass sie — man muss es leider so offen sagen — oft den Verstand und den guten Geschmack in den Hintergrund drängt.

Plötzlich scheint sich dann die wahnhafte Vorstellung zu verbreiten, wir müssten unseren Nachbarn in Europa beweisen, dass wir mehr zu bieten haben, als diese uns laut einer GfK-Studie aus 2006 angeblich als herausragende Eigenschaften attestieren: Gut organisiert, akkurat und etwas pedantisch zu sein. Auch als arbeitssüchtig, nörgler- und grüblerisch gelten die Deutschen.

Müssen wir uns nicht auch dagegen auflehnen, dass wir — wie es eine Rheingold-Studie aus dem Mai des Jahres behauptet — verlernt haben, zu genießen?

Da hilft offenbar nur: Hirn ausschalten. Um diesen Prozess zu unterstützen, laufen derzeit im Radio und in nahezu jeder Strand- und Poolbar in einer gefühlten Endlosschleife die sogenannten Sommerhits — und zwar so lange, bis wir alle wie im Fieber mitsingen, ohne die geringste Ahnung zu haben, worum es geht: »Nossa, Nossa« schafft jeder, bei »Ai Se Eu Te Pego« hilft vielleicht Sangria aus dem Eimer. Wem der »Balada«-Refrain »No tchê tcherere tchê tchê, tcherere tchê tchê, tcherere tchê tchê, tcherere tchê tchê, tchê, tchê, tchê« zu schwer ist, der lernt wenigstens den Namen des Interpreten dieser Zeilen, Gusttavo Lima, den der Liedtext acht mal nennt. Alles zu schwer? »Tacata« von Tacabro geht immer.

Wem spanisch und portugiesisch nicht so gut von der Zunge gehen, dem stehen auch noch »Ma chérie« von DJ Antoine und »There she goes« von Taio Cruz mit der bedeutungsschwangeren Textzeile »with her body shaped like a rock guitar« zur Wahl. Aber dann ist auch mal gut, denn zuviel Auswahl verwirrt bloß. Es gehen höchstens noch ein paar schon bekannte, tief eingeschliffene Sommerhits aus dem Vorjahr.

Wer sich die Mühe macht, im Internet nach der deutschen Übersetzung der Liedtexte dieser Sommerhits zu recherchieren, der könnte von deren Banalität schockiert sein — aber fallen wir bloß nicht schon wieder auf die »typisch deutschen« Kerneigenschaften zurück.

Irgendwann müssen wir dann aber doch wieder die Sommerabschaltung der Hirnzellen rückgängig machen — und bei den allermeisten funktioniert das trotz der intensiven saisonalen Gehirnwäsche wieder rechtzeitig vor dem Herbst. Wie gesagt: Bei den meisten …

Sie werden sehen.

Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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