Editorial, Kommentar, Top-Story: 05.09.2013

Volles Programm auf allen Kanälen?

»Mehr dazu erfahren Sie wie immer auf unserer Webseite/Facebook-Seite/im Blog/im Chat. Und nun noch kurz zu meiner Kollegin, die in der nachfolgenden Sendung ebenfalls wahnsinnig spannende, tiefgehende, aber unterhaltsam aufbereitete Themen präsentiert.«

Haben Sie auch den Eindruck, dass man neuerdings im Fernsehprogramm einerseits ständig dazu aufgefordert wird, andere Kommunikationsformen alternativ oder parallel zu nutzen, während man andererseits mit Teasern und Vorschauen dazu motiviert werden soll, bei der Stange zu bleiben?

Nutzen wir doch einfach mal die modernen Plattformen, damit wir mitreden können. Der Fernseher mit Internet-Anschluss bietet Apps, mit denen man das Wetter oder die »Tagesschau in 100 Sekunden« abrufen kann, aber beispielsweise sind auch Zusatzangebote, etwa von Arte, und der Zugang zu Spielfilmportalen bereits integriert. Doch leider muss man dazu den normalen Modus des Geräts verlassen und sich dann über einige Zwischenseiten und Auswahlmenüs dort hin hangeln, wo man eigentlich blitzschnell hin wollte. Und irgendwie ist der Fernseher auch nicht so schnell wie Tablet oder Laptop: Die Seiten und Auswahlmenüs bauen sich meist viel langsamer auf.

Wenn also der Fernseher nicht so recht zur wirklich befriedigenden, crossmedialen Nutzung taugt, dann eben anders herum — schließlich kann man ja auch auf dem Tablet oder am PC das Fernsehprogramm sehen und parallel noch was anderes aufrufen, ansehen, machen. Und dann das: Mitten in den Nachrichten fehlt ein Beitrag, weil der Sender keine Formel-1-Bilder im Internet zeigen darf. Der Zuschauer blickt stattdessen minutenlang auf eine Schrifttafel, auf der das mit anderen Worten umschrieben ist. Dann kommt die nächste Sendung, aber wenn man die sehen möchte, muss man auf eine andere Seite wechseln. Auch hier gibt es also meist keinen kontinuierlichen Flow: stattdessen folgt ein Medienbruch auf den anderen.

Macht ja nichts, man sollte schließlich ohnehin viel selektiver vorgehen und gezielt zu einem Zeitpunkt, den man selbst bestimmt, das sehen, was man wirklich sehen will. Aber leider ist der Film allzu oft online gar nicht verfügbar – oder er ist schon aus der Mediathek gelöscht, wenn man danach sucht.

Wieso darf eigentlich das öffentlich-rechtliche Fernsehen seine Eigenproduktionen, für die der Zuschauer mit seinen Gebühren ohnehin schon bezahlt hat, nicht permanent online zur Verfügung stellen? Bei den privaten Konkurrenten sind diese Eigenproduktionen von ARD und ZDF doch ohnehin nicht zu sehen. Wer muss also wovor geschützt werden?

Wie auch immer: Es muss sich noch sehr viel tun, bis sich die crossmedialen Brücken wirklich ganz selbstverständlich beschreiten lassen – auf der technischen und auch auf der rechtlichen Seite. Momentan handelt es sich eher um Fährverbindungen als um Brücken: mit Wartezeiten, Leerlauf und umständlichem Rangieren.

Oder sollen uns die Unzulänglichkeiten auf beiden Seiten etwa dazu bringen, als Second-Screener stets beides zu nutzen: den Fernseher und das Handy/Tablet?

Sie werden sehen.

Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller

Bildrechte
ZDF, Samsung

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