Editorial, Kommentar, Top-Story: 14.08.2015

Soziale Medien als Form des Eskapismus

In einem früheren Newsletter hatten wir das Thema Eskapismus angeschnitten, also die Flucht ins Imaginäre, in Scheinwelten — und wir hatten auch einen Bezug zu den sogenannten »sozialen« Medien hergestellt. Das hat offenbar Fragen aufgeworfen, die wir gern beantworten wollen — sozusagen als Sommerthema, ohne ganz engen Branchenbezug.

Letztlich behaupten wir, dass die sozialen Medien zu den jüngsten Erscheinungen des Eskapismus gehören. Wieso? Eskapismus zeigt sich etwa in den oftmals gnadenlos geschönten Fotos, mit denen sich sehr viele Menschen dort präsentieren — denn was ist ein digital optimiertes Selbstbild anderes, als die Mitwirkung an der Erschaffung einer Scheinwelt, die man dann auch selbst als Fluchtdestination nutzen kann.

Und dieses kleine Beispiel ist nur ein winziger Hinweis darauf, dass es sich bei der Welt, wie sie sich in den sozialen Medien präsentiert, sehr, sehr oft um eine Scheinwirklichkeit handelt, also eines der klassischen Reiseziele des Eskapismus. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden: Der eine liest Romane, der andere flüchtet in Spielwelten oder Filme, der Dritte taucht vollkommen in irgendein anderes Hobby ein. Vielleicht braucht und sucht das Gehirn des Menschen einfach solche Aktivitäten, seit wir nicht mehr ständig vor dem Säbelzahntiger auf der Hut sein müssen.

Solange man sich immer darüber im Klaren ist, dass es sich bei den sozialen Medien letztlich um eine Scheinwelt mit mehr oder weniger großen Einsprengseln der Realität handelt, kann man sie entsprechend intelligent nutzen. Nun ist es aber leider so, dass offenbar sehr viele Menschen die sozialen Medien genau umgekehrt betrachten und gerade diese Scheinwelt für besonders authentisch halten: Nur hier könne man die wahren, ungefilterten Informationen erhalten.

Das ist leider ein doppelter Irrtum: Schon durch die Auswahl unserer Online-Freunde und dadurch, welche Seiten wir »liken«, filtern wir selbst massiv aus, was wir überhaupt sehen — und wir füttern die Algorithmen, die ebenfalls mitentscheiden, was uns überhaupt angezeigt wird. Gleichzeitig steckt hinter jedem Posting, das uns präsentiert wird, wieder ein Mensch, der selbst filtert.

Es ist außerdem sehr schwer, der Versuchung zu widerstehen, sich in der virtuellen Welt nur mit Kontakten zu umgeben, die in möglichst vielen Aspekten gleich oder ähnlich denken und handeln — oder zumindest sprechen, respektive »posten« oder »texten« — wie wir selbst. Das ist in den sozialen Medien viel leichter, als im richtigen Leben: Ein paar Mausklicks genügen, um sich zu »entfreunden«, Posts zu löschen, Themenfelder zu blockieren.

In der Folge kann es passieren, dass wir uns in Blasen begeben, die mit der Wirklichkeit nicht mehr viel zu tun haben: Dort sind wir dann beispielsweise nur noch von unseren veganen oder tierschützerisch aktiven Freunden umgeben, oder von Kumpeltypen, die sich ständig beim Grillen oder Trinken fotografieren. Ruckzuck drehen wir uns nur noch um unser jeweiliges Lieblingsthema — und da gibt es natürlich viele Möglichkeiten, wie etwa die allgemeine Schlechtigkeit der Welt, Katzenvideos, die Lügenpresse, Mode, Fußball, Motorsport, Sex, Esoterik, Chemtrails, Hiphop, die Impfmafia — you name it.

Und dann passiert es ganz schnell, dass es nur noch »wir« und »die« gibt: Also uns, die Guten, die Wissenden, die Durchblicker — und eben die anderen, die Hater, die Dummköpfe, die Ignoranten, das Schweinesystem, die Perversen. Das hat Ähnlichkeit mit den Mechanismen, auf denen Sekten basieren. Und so kann es kaum überraschen, dass es auch in den sozialen Medien sehr viel Fanatismus und Missionsdrang gibt.

Letztlich wissen wir alle, dass die Welt in Wahrheit nicht schwarzweiß ist, sondern bunt, in vielen Schattierungen. Wer das nicht mehr sieht, der hat sich vielleicht auch selbst isoliert, dem fehlt das Korrektiv von außen, die fruchtbare, friedliche Auseinandersetzung mit anderen Ansichten. Und hier wurzelt vielleicht auch einer der vielen Gründe dafür, dass die sozialen Medien trotz ihres positiven Gattungsbegriffs leider auch immer öfter als Tummelplatz für besonders asoziales Verhalten fungieren: Hetze, Hass, Mobbing, Häme.

Die sozialen Medien seien halt der Spiegel der Gesellschaft, alles, was es in der realen Welt gebe, sei eben auch dort präsent, wird darauf gern mit abgeklärtem Tonfall entgegnet. Diese Haltung ignoriert aber unter anderem, dass Medien und Zuschauer sich gegenseitig beeinflussen: Wer wollte bestreiten, dass etwa das Fernsehen einerseits das Verhalten und die Präferenzen der Zuschauer beeinflussen kann, aber andererseits auch die Wünsche und Präferenzen der Zuschauer spiegeln muss, um erfolgreich zu sein?

Wieso sollte das bei den sozialen Medien anders sein?

Sie werden sehen.

Empfehlungen der Redaktion:

17.07.2015 – Das Geld fährt auf der Straße

Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller

Bildrechte
Twin Design / Shutterstock.com

Schlagwortsuche nach diesen Begriffen
Editorial, Kommentar, Top-Story