Editorial, Kommentar: 28.10.2016

»So reagiert das Netz«

Diese Woche fanden in München die Medientage statt. Zum Auftakt war auch die Bundeskanzlerin angereist und hielt eine Rede, in der es unter anderem um die Medien- und Meinungsvielfalt ging, die Grundlage für die politische Teilhabe einer informierten, kritischen Bürgerschaft sei. Darin warnte sie auch vor dem Echo-Kammer-Effekt: Inhalte, die einem nicht passen, filtert man aus und bestärkt sich durch zustimmende Kommentare anderer nur noch in seiner eigenen Meinung.

Tatsächlich gibt es seit geraumer Zeit eine Entwicklung, die solche Tendenzen noch verstärken kann: Im Internet und hier besonders in den sozialen Netzwerken sind immer mehr Bots unterwegs, also Computerprogramme, die bestimmte Aufgaben automatisiert abarbeiten.

Das Grundprinzip des Bots gibt es schon lange: Google etwa nutzt solche Bots, um das Web abzugrasen und seine Suchmaschine zu optimieren. Andere Bots sind als Erntemaschinen von Spam-Versendern unterwegs und sammeln Email-Adressen. Wieder andere werden bei der Vorbereitung von Hackerattacken eingesetzt.

Mit am perfidesten sind aber Bots, die so tun, als wären sie Menschen: Sie sind »intelligent« und lernfähig darauf programmiert, auf Medienseiten und in den sogenannten sozialen Medien Kommentare abzugeben — mit dem Ziel, bestimmte Meinungen und Interessen zu verbreiten und immer im Diskurs zu halten. Das kann politisch motiviert sein, aber auch kommerziell.

So reagiert das Netz – wenn sich etwa Brad und Angelina trennen.

Weil der Mensch eine Tendenz hat, sich Mehrheitsmeinungen anzuschließen — man könnte auch weniger schmeichelhaft sagen: weil er ein Herdentier ist — kann sich die ständige, leicht variierte Wiederholung von Meinungen und Themen auf die eigene Meinungsbildung und das eigene Verhalten auswirken. So kann man, zumindest in der Theorie, Meinungen populär machen und Produkte verkaufen. Praktische Beispiele hierfür: Trendsportarten, Kleidermode oder Schönheitsideale.

Und es geht weiter: Bots werden auch an anderer Stelle heute schon genutzt, um etwa wiederkehrende, schematische Meldungen zu generieren, wie beispielsweise Wetternachrichten: ein paar aktuelle Daten, ein paar Textbausteine, fertig. Die am weitesten entwickelten Varianten solcher Bots werden teilweise auch eingesetzt, um automatisiert andere News-Feeds zu lesen und daraus neue News und Trendmeldungen zu generieren. Das sind automatisierte Redakteure.

Wenn aber solche Redaktions-Bots aus Nachrichten und Kommentaren virtuelle Trends und Tendenzen herausdestillieren, die in Wahrheit von anderen Bots angeheizt wurden, dann ist der Irrsinn perfekt. Vielleicht ein Grund zu etwas mehr Skepsis, wenn es beim nächsten mal heißt: »So hat das Netz reagiert.«

Falls Sie übrigens bei film-tv-video.de mal die Vermutung hegen, hier seien Bots am Werk, können wir Entwarnung geben: Unsere Fehler sind echt und werden nicht absichtlich eingebaut, um authentischer zu wirken.

Sie werden sehen.

Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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