Editorial, Kommentar: 10.03.2017

Katzenjammer in Bretzelburg

Disruption: ein großes Thema, und das nicht erst seit heute. Ein kurzer Blick zurück, als der Stummfilm in den letzten Zügen lag und Charlie Chaplin auf den Tonfilm umstieg.

Der große Diktator.
Projekt mit damals ungewissem Ausgang: Der große Diktator.

Kurz nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Polen begann Charlie Chaplin im September 1939 mit den Dreharbeiten zum Film »Der große Diktator«. Darin spielt er in einer Doppelrolle den Diktator Adenoid Hynkel und einen jüdischen Friseur. Der Film wurde Chaplins größter Kassenerfolg und fast jeder Medienmensch dürfte zumindest die Szene kennen, in der Chaplin als Diktator mit einer riesigen Weltkugel durch seine Reichskanzlei tanzt. Oder die Reden und Wutausbrüche des Diktators, bei denen er sich mit einem Fantasiedeutsch in Rage brüllt, wobei auch Begriffe wie »Wiener Schnitzel«, »Sauerkraut« und »Blitzkrieg« lautmalerisch eingewoben sind. Auch die Worte aus der Überschrift dieses Artikels kommen im Film vor.

Hätte Charlie Chaplin »Der große Diktator« allerdings nicht selbst produziert und finanziert, wäre dieser Film wohl nie entstanden. Chaplin musste unzählige Hürden überwinden, um das Projekt zu stemmen. Hollywood war zur damaligen Zeit nur bedingt bereit, sich politisch zu positionieren und viele erklärten Chaplin für verrückt, ein solches Projekt anzugehen.

Ob »Der große Diktator« erfolgreich sein würde, bezweifelten manche auch aus ganz anderen Gründen: Charlie Chaplin betrieb damals noch eines der letzten Stummfilmstudios in Hollywood — und das, obwohl der Tonfilm längst erfolgreich war.

Auch damals gab es also schon höchst disruptive Entwicklungen, mit denen sich die Filmbranche auseinandersetzen musste: eine neue Technik hielt Einzug und verdrängte die alte. Viele Künstler, Schauspieler und Musiker verteufelten den Tonfilm als Kitsch – wohlwissend, dass er letztlich ihre Existenz bedrohte. Geholfen hat diese Haltung nichts. Der Tonfilm setzte seinen Siegeszug fort, weil das Publikum die neue Technik toll fand.

Auch Charlie Chaplin gab schlussendlich seinen Widerstand auf und drehte mit »Der große Diktator« seinen ersten Tonfilm.

Chaplin musste also nicht nur inhaltliche, politische und finanzielle Problemen lösen, sondern zusätzlich auch noch technische. Der Tonfilm machte vieles umständlicher, erforderte andere Abläufe, vor allem aber eine striktere Planung und Vorbereitung. Für den detailversessenen Chaplin eine große Herausforderung, die, liest man Berichte von damals, das gesamte Team oft bis an seine Grenzen brachten — und darüber hinaus.

Mehrfach stand die Produktion vor dem Aus, aber Chaplin schaffte es, den Film fertig zu produzieren. Bis es soweit war, vergingen aber 168 Drehtage, in denen das Team nahezu 90 Stunden Filmmaterial drehte. Chaplin steckte die für damalige Verhältnisse überwältigende Unsumme von zwei Millionen US-Dollar in die Produktion. Schließlich schaffte es der Spielfilm aber im Oktober 1940 in die Kinos.

»Der große Diktator« wurde schließlich sogar für fünf Oscars nominiert, darunter in den Kategorien »Bester Film« und »Bester Hauptdarsteller« — und bekam keinen einzigen.

Trotz unterschiedlichster Reaktionen entwickelte sich der Film aber zum Kassenschlager, lediglich »Vom Winde verweht« spielte zu damaliger Zeit noch mehr Geld ein.

Seine Europapremiere feierte der Film im Dezember 1940 in London, in Nazi-Deutschland durfte er nicht gezeigt werden. Erst viele Jahre nach dem Krieg konnte das deutsche Publikum den Film dann im Jahr 1958 in den Kinos sehen.

Vielleicht stellen Sie also Mostrich und Schlagrahm bereit, setzen sich in ihren Friseurstuhl und schauen diesen Film (wieder) an: Selbst wenn man den Kitsch zu dick findet und einem an manchen Stellen das Lachen im Hals stecken bleibt — es lohnt sich aus ganz vielen Gründen.
 
Sie werden sehen.
 
P.S.: Der Filmtitel »Schtonk« ist auch durch eine Rede des großen Diktators angeregt. »Democracy Schtonk!« wird im Chaplin-Film übersetzt als »Demokratie wird abgeschafft«. Ebenso heißt es im Film »Liberty Schtonk!« und »Free Sprecken Schtonk!«.

Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller

Bildrechte
red

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