Editorial, Kommentar: 13.07.2017

Wiederkäuer

Geht es Ihnen auch so, dass Sie phasenweise immer wieder die gleichen Inhalte vorgesetzt bekommen? Mitunter wortgleich, von verschiedenen Seiten, immer nochmal? Dann wird ein Fehler im System sichtbar, der sich wie eine Seuche im Internet verbreitet.

Wiederkäuer gibt es auch im Internet – in digitaler Form: Alles abgrasen und x-mal durchkauen.

Bei vielen Plattformen, die sich einen journalistischen Anstrich geben, besteht die Hauptarbeit mittlerweile nur noch darin, andere Plattformen zu überwachen, Trends zu identifizieren und sich dann möglichst rasch dranzuhängen. Es wird geschaut, was »Trending« ist und was viele Zugriffe generiert — und das wird dann schnell nachgebaut.

Dass erfolgreiche Ideen, Konzepte, Inhalte und Produkte kopiert werden, ist absolut nichts Neues. In Zeiten des Internets haben sich hierbei eben erweiterte, einfach nutzbare Möglichkeiten eröffnet. Das Ganze lässt sich teilweise sogar automatisieren und so kommt es, dass mittlerweile auf manchen Plattformen fast gar nichts anderes mehr gemacht wird, als zu kopieren und zu reproduzieren.

Digitale Wiederkäuer, die alles niedertrampeln und dabei immer lauter »Me Too« rufen, befinden sich massiv auf dem Vormarsch. Das hat mindestens zwei Konsequenzen: Das Netz wird geflutet mit den immer gleichen, vielfach multiplizierten, geteilten und weitergeleiteten Infos. Und gleichzeitig wird immer weniger echter, eigener Content produziert, weil es viel einfacher und billiger ist, sich bloß an etwas dranzuhängen und daran mit zu lutschen, als selbst etwas zu schaffen.

Das wird manchmal als »Reduktion der Verschwendung journalistischer Ressourcen« umschrieben — meint aber in vielen Fällen leider nichts anderes als »Leute rauswerfen, Kosten reduzieren, mit kleineren Teams mehr Masse generieren« – und dabei alles per »cut, copy, paste« an Inhalten nehmen, was kommt — und bevorzugt natürlich solcherlei Inhalte, mit denen man direkt Geld verdienen kann.

Wiederkäuer
Idyllische Zustände ..

Diese Entwicklung killt langfristig weite Teile der Recherche und des Journalismus. Wieso noch Geld und Mühe in echte Inhalte investieren, wenn man durch ein bisschen Software und ein paar billige Praktikanten, die zusammen das Wiederkäuen erledigen, Traffic generieren kann? Einfach Vorgefertigtes posten und weiterleiten, ohne es zu hinterfragen, zu relativieren, in einen Zusammenhang zu stellen — das spiegelt Informationsvielfalt nur vor. Zudem werden so oft Themen mit einer Relevanz aufgeladen, die ihnen eigentlich gar nicht zukommt, denn ob ein Thema »Trending« wird, hängt eben auch davon ab, wie oft es wiedergekäut wird.Warum sollte Sie das als Leser interessieren? Hauptsache, Sie bekommen die Infos, die Sie brauchen und haben wollen, gleichgültig, wie es im Einzelnen dazu kommt, oder? Wiederholungen sind zwar ein bisschen lästig, aber was soll’s?

Was aber am Ende all des Wiederkäuens übrig bleibt, das können Sie ziemlich gut bei Bergwanderungen besichtigen: Eine wunderschöne Landschaft, aber gespickt mit unzähligen Kuhfladen, an denen sich Myriaden von Fliegen weiden.

Sie werden sehen.

Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller

Bildrechte
Nonkonform

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