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Symbole, alles voller Symbole

An selbsternannten und auch an echten Fußballexperten herrscht ja bekanntermaßen in Deutschland kein Mangel. Deshalb wollen wir nach dem Vorrundenaus der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der WM in Russland dieses Topic meiden und uns ganz bewusst einem anderen Aspekt des gesellschaftlichen Miteinanders widmen.

Lassen Sie uns an einem konkreten Beispiel über unsinnig gewordene, überkommene Symbole reden. So gibt es etwa in den Boulevardblättern in München alljährlich einen Aufschrei der Empörung, wenn der Bierpreis für das kommende Oktoberfest bekanntgegeben wird. Zwischen 10,70 Euro und 11,50 Euro soll in diesem Jahr ein Liter Bier im Maßkrug kosten.

Darüber regen sich dann unter anderem auch gern mal Menschen auf, die sich zuvor für Hunderte Euro ein nach ihrem Geschmack passendes »Wies’n-Outfit« besorgt haben, gern aus hirschledernem Beinkleid bei den Herren und einem den jeweils aktuellen Trends entsprechenden Dirndl bei den Damen, das dann in einem zum Höchstpreis gebuchten Hotel oder einer AirBnB-Unterkunft angelegt wird. Womit wiederum der Puls derjenigen Einheimischen angeheizt wird, die finden, dass die Touristen, von denen ihre Stadt insgesamt betrachtet natürlich massiv profitiert, an diesem untragbaren Wahnsinn schuld seien — und natürlich letztlich auch an diesem unfassbaren Bierpreis-Wucher.

Symbole.

Überkommende Symbole: der Bierpreis.

Überhöhte Bierpreise zu rechtfertigen, ist sicher nicht das Anliegen der Redaktion von film-tv-video.de, aber irgendetwas stimmt an diesem Bild einfach nicht. Der Oktoberfestbierpreis fällt deshalb definitiv in die Kategorie der unsinnig gewordenen, überkommenen Symbole.

Das Thema bewegt aber offenbar dennoch sehr, sehr viele Menschen. So schlägt etwa Google auch an einem Rechner, an dem garantiert noch nie nach Bierpreisen oder dem Oktoberfest gegoogelt wurde, schon nach Eingabe von »Bierp« auf Platz 1 den Suchbegriff »Bierpreis Oktoberfest« vor. Und das schon viele Monate vor Beginn des Oktoberfests.

Liegt in diesem Feld vielleicht auch die Wurzel der Symbolpolitik? Statt die eigentlichen Probleme anzupacken, kann man ja auch einfach kleinere Nebenaspekte aufbauschen, mit großem Getöse öffentlich verhandeln und dann symbolisch lösen.

Das geht auch als Boulevardmedium: Da kann man etwa, nachdem man den Bierpreis gegeißelt hat, Biergutscheine (»Freibier!«) oder »Wies’n-Tische« verlosen.

Dass so etwas wieder und wieder funktioniert, lässt uns vermuten, dass es irgendwo in der Psyche des Menschen ein starkes Bedürfnis nach Symbolen gibt. Ist das Ausdruck der Sehnsucht, Unverständliches zu deuten, Unsicherheit zu überwinden, Orientierung zu finden? Da spielt im einen oder anderen Fall vielleicht auch der Wunder- oder Aberglaube eine Rolle — oder der Wunsch, einen »Wink des Schicksals« als Entscheidungshilfe zu bekommen.

So wird in den kommenden Tagen garantiert neben der »historischen« auch die »symbolische« Schiene im Zusammenhang mit dem Abschneiden einer Sportmannschaft in Russland massiv bedient werden.
 
Sie werden sehen.

Autor: Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller

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