Branche, Streaming: 12.10.2020

Netflix-Deal mit Verdi und BFFS

BFFS und Verdi haben sich mit Netflix auf gemeinsame Vergütungsregeln zugunsten von Filmkreativen geeinigt. Es gibt aber auch Kritik.

Bundesverband Schauspiel, Logo
Bundesverband Schauspiel.

Die Filmunion innerhalb der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi und der Bundesverband Schauspiel (BFFS) haben sich mit Netflix über gemeinsame Vergütungsregeln für Filmkreative geeinigt. Damit werden Urheber und ausübende Künstler am wirtschaftlichen Erfolg von deutschen Netflix-Serienproduktionen beteiligt.

Verdi Filmunion, Logo
Filmunion innerhalb der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi.

Erstmals gab es überhaupt eine solche Vereinbarung zwischen Filmkreativen und Netflix in Deutschland. Das ist »eine Leuchtturm-Vereinbarung«, findet Verdi-Bundesvorstandsmitglied Christoph Schmitz.

Einige Verbände gießen nun aber Wasser in den Wein, kritisieren das Verfahren und die Vereinbarung selbst. Sie finden sich gar ausgebootet und zweifeln an, ob Verdi überhaupt der richtige Ansprechpartner für Netflix sei.

Nun keilen drei Verbände, die sich zu einer UrheberAllianz zusammengeschlossen haben, heftig gegen die Gewerkschaft.

Ist der Netflix-Deal nun ein Freudentag für die Filmkreativen oder hat die Gewerkschaft nicht genug herausgeholt? film-tv-video.de stellt beide Standpunkte dar.

Erstmals gibt es eine Vereinbarung über gemeinsame Vergütungsregeln zwischen Filmkreativen und Netflix in Deutschland.
Die Sicht von Verdi: Gemeinsame Vergütungsregel mit Netflix

Es ist das erste Mal, dass ein Streaming-Entertainment-Dienst in Deutschland eine umfassende kollektivrechtliche Vereinbarung abgeschlossen hat.

Berücksichtigt werden Kreative, die an deutschen Netflix-Original-Serien beteiligt sind, und zwar solche aus den Gewerken Regie, Kamera, Szenen-, Kostüm-, und Maskenbild sowie Tongestaltung, Filmmontage und Schauspiel. Die gemeinsamen Vergütungsregeln stellen sicher, dass »Urheber*innen« und »ausübende Künstler*innen« finanziell von ihrer Zusammenarbeit mit Netflix profitieren, indem sie eine faire und angemessene Erfolgsvergütung für die Kreativen garantieren. Es ist das erste Abkommen dieser Art mit einem Streaming-Dienst in Deutschland und daher ein Meilenstein für die Film- und Fernsehbranche.

Die neue Vereinbarung sieht unter anderem eine staffelbezogene Zusatzvergütung sowie eine Beteiligung an Zweitverwertungserlösen von Netflix vor, die als Gesamtbetrag gezahlt und dann an alle Anspruchsberechtigten verteilt werden. Die Höhe der zu zahlenden Zusatzvergütung richtet sich dabei nach der weltweiten Zahl der sogenannten Completer, das sind Haushalte, die 90% einer Serien-Staffel gesehen haben.

Bei Erreichen einer bestimmten Richtgröße an Completern erfolgt die Zahlung einer festgelegten Zusatzvergütung. Wird die Richtgröße mehrfach erreicht, wird dieser Betrag ebenso oft ausgezahlt. Es wird selbst dann eine Zahlung fällig, wenn innerhalb eines festgelegten Zeitraumes die Richtgröße nicht erreicht wird. In diesem Fall wird ein der erreichten Completer-Anzahl entsprechender Anteil des festgelegten Betrages gezahlt. Dadurch wird eine kontinuierliche Zusatzvergütung uneingeschränkt gewährleistet.

Verdi, Bundesvorstandsmitglied, Christoph Schmitz
Verdi-Bundesvorstands-mitglied Christoph Schmitz.

Verdi-Bundesvorstandsmitglied Christoph Schmitz: »Das ist eine wegweisende Regelung, mit der Verdi klare und unbürokratisch geregelte Ansprüche auf deutliche Zusatzvergütungen für Filmschaffende erreicht hat. Die Vereinbarung mit Netflix zeigt, wie ein funktionierendes Urheberrecht im Sinne der Kreativen in Zusammenarbeit mit kommerziellen Streaming-Diensten ausbuchstabiert werden kann. Es handelt sich um eine Leuchtturm-Vereinbarung und um angemessene Vergütungsregelungen für alle Film-Urheber.«

»Wir freuen uns über einen mutigen, zukunftsweisenden Vertrag mit einem amerikanischen, weltweit agierenden Partner, der auch bei uns zu Hause sein und damit seinen Teil der Verantwortung für unsere Filmbranche und uns Filmschaffende übernehmen will«, erklärt Leslie Malton, Vorstandsvorsitzende des Bundesverband Schauspiel: »Die Zukunft klopft an die Tür – und ist willkommen!«

Rachel C. Schumacher, Senior Counsel, Labour Relations, Netflix: »Die Sicherstellung einer fairen und angemessenen Vergütung ist für uns von zentraler Bedeutung. Wir glauben, dass sie einen Eckpfeiler unserer Beziehung zu Künstler*innen darstellt und den Grundstein einer nachhaltigen und vertrauensvollen Partnerschaft mit der deutschen Kreativszene markiert. Wir sind stolz auf diese Partnerschaft, da wir fest davon überzeugt sind, dass eine auf Erfolg basierende Beteiligung für Künstler wegweisend für den Markt ist. Wir sind begeistert, Partnerschaften mit diesen Verbänden und Gewerkschaften sowie mit anderen in der Community aufzubauen, da wir auf eine Zukunft hinarbeiten, die auf anhaltendem Respekt und Vertrauen basiert. Wir freuen uns, wenn auch weitere Kreativverbände den Gemeinsamen Vergütungsregeln beitreten bzw. laufende Verhandlungen mit uns abschließen.«

Urheberallianz, Logo
Die UrheberAllianz, gebildet aus BFS, BVK und VSK, kritisiert den Netflix-Deal von Verdi Filmunion und BFFS.
Die Sicht der UrheberAllianz: Urheberverbände wurden vorsätzlich ausgegrenzt

Mit harschen Worten keilt die »UrheberAllianz Film & Fernsehen«, ein Zusammenschluss des Bundesverbands Filmschnitt Editor (BFS), dem Berufsverband Kinematografie (BVK) und der Verband der Berufsgruppen Szenenbild und Kostümbild (VSK), gegen die Netflix-Vereinbarung und sagt: »Die Gewerkschaft maßt sich Repräsentativität an, die Urheberinteressen kommen unter die Räder.« Die UrheberAllianz glaubt offenbar, man hätte bei Netflix mehr rausholen können. Im Detail sagt die UrheberAllianz:

»Kurz vor der Umsetzung der EU-Richtlinie in deutsches Recht macht Netflix schnell Nägel mit Köpfen: Gemeinsame Vergütungsregeln mit dem Schauspielerverband BFFS und Verdi, einer Gewerkschaft, die kaum Filmurheber in ihren Reihen hat.

Verdi ist eine Arbeitnehmerorganisation, die in den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten eine gewisse Rolle spielt. Im freien Markt aber sind nur etwa 5 % der Film- und Fernsehschaffenden Mitglied dieser Gewerkschaft.«

Im weiteren Verlauf lässt die UrheberAllianz in ihrer Pressemitteilung dem dort offenbar aufgestauten Furor ziemlich freien Lauf: Man ist enttäuscht. Die UrheberAllianz bezweifelt, dass Verdi in der Branche repräsentativ sei. Die Filmunion innerhalb von Verdi sieht die UrheberAllianz als »schmächtig« an und macht innerhalb von deren rund 1.200 Mitgliedern allenfalls 20 % Filmurheber aus. Weiter im Text:

»Die UrheberAllianz hatte angeboten, über Folgevergütungen für Leistungen in den Bereichen Kinematografie, Editing, Szenenbild und Kostümbild zielorientiert zu verhandeln. Netflix schlägt aber jedwede Verhandlung mit den Verbänden der UrheberAllianz aus. Man ist nur zu einer Präsentation des Abschlusses mit der nicht repräsentativen Verdi und einer Mitzeichnung der Regelung durch die Urheberverbände bereit. Verdi hatte keinen Filmurheberverband konsultiert.

Nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts und des Bundesgerichtshofs sind Urheber an allen Werknutzungen angemessen zu beteiligen. Was aus dem Deal der Verdi mit Netflix bekannt geworden ist, spottet dem zu beachtenden Grundsatz der Angemessenheit Hohn.«

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Kay Herschelmann, Archiv

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