Postproduction, Test, Top-Story: 03.10.2003

Rising Star

Apples Editing-Software Final Cut Pro hat sich in den vergangenen Jahren langsam aber sicher bei vielen Profis etabliert. Mit der neuen Version 4 dürfte das Programm nun endgültig in die Profiklasse aufsteigen.

EDITING MIT FCP 4
Wer schon einmal mit Avid oder Pinnacle-Software geschnitten hat, wird sich in vielen Bereichen bei Final Cut Pro sehr schnell zurechtfinden und etwa mit Shortcuts arbeiten können, die schon bekannt sind. Unterschiede zu den bekannten Softwares etwa von Avid liegen meist im Detail. Auch will die Fülle der neuen Funktionen, die Final Cut Pro 4 bietet, bewältigt werden und man muss auf jeden Fall etwas Zeit mitbringen, um sich in die Software ein zu arbeiten.

In Bezug auf die Software-Oberfläche hält sich Apple an den mittlerweile schon klassischen NLE-Aufbau, der Timeline, Source- und Recorder-Fenster sowie ein Fenster mit dem vorhandenen Originalmaterial vorsieht. Zusätzlich gibt es jetzt aber neben weiteren Darstellungsmöglichkeiten auch die Option, die Oberfläche individuell an zu passen.

Im Detail bietet die Software eine Vielzahl schöner Funktionen, die das Editing sehr komfortabel machen. Wer aus der Mac-Welt kommt, freundet sich etwa sofort mit der Möglichkeit an, eine Szene im Source-Viewer aufzurufen und per Drag & Drop aufs Recorderfenster zu ziehen. Dort öffnet sich dann ein Fenster, indem man auswählen kann, ob diese neue Szene eine andere überschreiben soll oder ob sie auf der Timeline im Anschluss an die vorher gehende eingefügt werden soll. Weiter kann man hier auswählen, ob’s am Schnittpunkt eine Blende geben soll oder nicht. So lässt sich sehr schnell und komfortabel schneiden. Schade ist jedoch, dass Apple nach wie vor keine Storyboard-Funktion integriert hat, mit der sich auf einfache Weise ein erster Rohschnitt erstellen ließe.

Eine sinnvolle Funktion, die Apple ins Timeline-Editing integriert hat, ist dagegen die Farbkodierung der Clips und Effekte: Grüne Linien über den Clips geben an, dass hier die Echtzeitvorschau funktioniert, orangefarbene kündigen eine kurze Wartezeit an. Rote Linien bedeuten, dass bei diesen Effekten oder Clips Rendering notwendig ist, bevor sie in Echtzeit zu sehen sind.

Die Echtzeitfähigkeit des Systems hängt prinzipiell von der Leistungsstärke des jeweiligen Rechners ab, auf dem Final Cut Pro läuft. Der Testrechner, ein einfacher 700-MHz-G4 (eMac), konnte nur einfache und kurze Blenden in Echtzeit wiedergeben, für komplexere Effekte war Rendering notwendig. Die Preview-Render-Qualität, die beim Testsystem hoch eingestellt war, lässt sich jedoch in den Settings auch reduzieren, was flüssigeres Arbeiten ermöglicht. Vor dem Ausspielen eines fertigen Films muss bei Final Cut Pro aber in jedem Fall gerendert werden.

BESONDERE FUNKTIONEN
Neben den Erweiterungen fürs Timeline-Editing hat Apple weitere interesssante Funktionen in Final Cut Pro 4 integriert. Mit »Time Remapping« etwa lässt sich die Wiedergabe-Geschwindigkeit eines Clips auf der Basis von Keyframe-Informationen verändern, ohne dass hierfür Rendering notwendig wäre.

Erweitert hat Apple auch die Audiofunktionalität, und zwar mit einem mehrspurigen Echtzeit-Audiomixer und zusätzlichen Exportmöglichkeiten, etwa als OMF-2-File, als 16- oder 24-Bit AIFF.

Die Farbkorrektur von Final Cut Pro ist für Primary wie Secondary Color Correction geeignet. Innerhalb des Farbkorrektur-Menüs gibt es sechs Filter, die sich individuell einstellen lassen. Das erlaubt zwar detaillierte Korrekturen, könnte aber etwas übersichtlicher strukturiert sein, denn die Fülle an Möglichkeiten dürfte manchen Editor eher abschrecken. Gut ist dagegen die Möglichkeit, einzelne Filter ein- und ausschalten zu können und so sehen zu können, wie sich die Farbkorrektur im Bild auswirkt.

FORMATE, OUTPUT
Final Cut Pro 4 arbeitet auflösungsunabhängig, es ist also prinzipiell möglich, SD- wie auch HD-Material zu bearbeiten. Neben unterschiedlichen Datenraten, etwa auch die 50 Mbps von DVCPRO50, unterstützt Final Cut Pro auch verschiedene Frame-Raten inklusive 24P.

Die Hardware des jeweiligen Rechners entscheidet darüber, welche Formate sich bearbeiten lassen. Hersteller wie Pinnacle, Matrox, Aja, Black Magic oder Digital Voodoo bieten SD- und HD-Boards und die entsprechenden Anschlussboxen an, um ein Final-Cut-Pro-System aus zu bauen und etwa für HD-Applikationen tauglich zu machen.

Stärke beweist Final Cut Pro bei den Exportmöglichkeiten. So lassen sich Projekte nicht nur als Quicktime-, sondern auch als MPEG-2-Files exportieren, was für die DVD-Weiterverarbeitung interessant ist. Die MPEG-Codierung übernimmt dabei eine Software namens Compression, ein leistungsfähiger Encoder, den Apple beipackt.

TITELGENERATOR, AUDIOPROGRAMM, CINEMA TOOLS
Mit LiveType stellt Apple dem Editing-Programm Final Cut Pro einen leistungsstarken Titelgenerator zur Seite, der allerdings nicht in die Editing-Applikation integriert ist. Das ist schade, denn so muss jeder Titel erst in LiveType erstellt und dann als Movie gespeichert werden, bevor er sich in Final Cut Pro importieren und dann als Titel einsetzen lässt. Sieht man von diesem Manko ab, ist LiveType eine tolle Applikation.

Eine weitere Power-Anwendung, die Apple mit Final Cut Pro 4 ausliefert, ist das Audioprogramm Soundtrack, mit dem sich eigene Stücke komponieren und arrangieren oder Projekte in Final Cut Pro nachvertonen lassen, ohne dass man hierfür auf gema-freie Musik zugreifen müsste.

Soundtrack ist sehr einfach zu bedienen – zumindest so lange man sich darauf beschränkt, aus den unzähligen Samples kürzere Soundeffekte und Loops zu erzeugen, um etwa eine bestimmte Stelle im Filmprojekt zu vertonen. Wer sein komplettes Filmprojekt nachvertonen will, muss sich etwas mehr Zeit nehmen und einige Ex- und Import-Zwischenschritte akzeptieren.

Mit den Cinema Tools packt Apple jetzt dem Final-Cut-Pro-Paket noch eine Software bei, die 24 fps unterstützt und weitere Funktionen bietet, die für die Nachbearbeitung von Material notwendig ist, das auf 16 oder 35 mm Film gedreht wurde.

FAZIT
Apple hat mit Final Cut Pro 4 eine wichtige Hürde genommen und ist nun endgültig im Profibereich angekommen. Preis und Leistung stimmen bei diesem Software-Paket. Wenn sich Apple nun auch im angestammten Rechnergeschäft positiv weiter entwickelt, könnte Final Cut Pro auch im deutschsprachigen Raum die Erfolge erzielen, die es im englischsprachigen Markt schon längst feiert.

WEITERE INFOS
Welche Strategie Apple mit Final Cut Pro verfolgt, können Sie einem Interview entnehmen, das www.film-tv-video.de mit Stephan Buchmann geführt hat, dem Business Development Manager Video bei Apple Deutschland. Dieses Interview steht in der Info-Zone von www.film-tv-video.de zum Download bereit. Bitte klicken Sie einfach hier, dann gelangen Sie direkt zu dem Interview.

Downloads zum Artikel:

T_1003_Test_FCP4.pdf

Anzeige:

Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller
Schlagwortsuche nach diesen Begriffen
Postproduction, Test, Top-Story