Report, Top-Story: 07.04.2004

Im Rachen des Teufels

Richard Ladkani drehte in Bolivien einen Dokumentarfilm über Kinder, die dort unter erbärmlichen Umständen in Silberminen arbeiten. Für den Dreh unter widrigen Verhältnissen setzte er auf den 25P-DV-Camcorder AG-DVX100A von Panasonic: ein Drehbericht.

Die Idee zu diesem Dokumentarfilm kam mir auf einer Reise durch die Anden vor etwa zwölf Jahren. Damals arbeitete ich als Fotojournalist und stieß rein zufällig auf diesen Ort. Seit ich die Minen jedoch das erste Mal erlebt hatte, ließ mich die Idee, einen Film darüber zu machen, nicht mehr los. Es dauerte jedoch bis 2004, die Finanzierung auf die Beine zu stellen. Interessanterweise kam das Geld vom amerikanischen Sender PBS. In Europa war es uns bis jetzt nicht möglich, Geld für dieses Projekt aufzutreiben. Dies sollte uns aber nicht davon abhalten, den Film dennoch zu drehen.

Wir beschlossen aus Budget-, aber auch aus praktischen Gründen, den Film mit dem neuen DVX100A von Panasonic zu drehen (Testbericht hier), einem kompakten Camcorder im DV-Format. Aufgrund der extremen Drehbedingungen in den Stollen war für uns eine leichte und handliche Kamera essenziell. Die Dreharbeiten fanden auf 4.800 m Höhe in den Anden statt und hier wiederum teilweise bis zu 1.500 m unter der Erde. Das Atmen fällt in der dünnen Höhenluft schon an der Oberfläche schwer, verursacht vor allem bei Neuankömmlingen Kopfschmerzen und häufig auch Nasenbluten. Unten in den Minen sinkt der Sauerstoffanteil dann noch einmal um 60 % ab. Zu allem Überfluss enthält der Rest der Atemluft neben den sonst üblichen Bestandteilen auch ein toxisches Gemisch aus Arsen- und Quecksilber-Verbindungen.

Die Temperatur liegt unter Tage zwischen 25 und 40 Grad Celsius. Die klaustrophobisch engen, oft bis zu 60 m vertikal verlaufenden Stollen haben in der Mehrzahl nur einen Durchmesser von 50 bis 100 cm. Am schlimmsten ist der Aufenthalt in den »Drillschächten«, wo Löcher für Dynamitsprengungen vorbereitet werden. Dort schwebt so viel Staub in der Luft, dass man kaum noch die Hand vor Augen sieht.

Da all diese Situationen auf dem Drehplan standen, lag die Entscheidung für eine kleine Kamera auf der Hand. Gleichzeitig mussten die Bilder auch kinotauglich sein. Das zusammen gab den Ausschlag für die DVX100A, die einen 25P-Modus bietet. In Kombination mit dem neuen 16:9-Anamorphoten war sie nicht zu schlagen, denn der ermöglicht ein echtes 16:9-Bild bei dem alle Pixel des Bildwandlers im Camcorder voll ausgenützt werden. Wir drehten also im 4:3 Modus, der Anamorphot vor der Linse staucht das Bild aber seitlich so, dass man es auf einem 16:9-Monitor bildfüllend als korrektes Breitbild ohne Verzerrung wiedergeben kann.

Der Münchener Kameraverleih Ludwig unterstützte unser Projekt und kaufte zwei Kameras und die passenden Anamorphoten, die er dann im Paket an uns verlieh. Als weiteres Zubehör orderte Ludwig ein passendes Chrosziel-Kompendium, das vom Hersteller speziell für den Einsatz mit dem Anamorphoten modifiziert wurde. Das Kompendium war in dieser Form so neu, dass wir es erst zwei Tage vor dem Abflug erhielten. Es handelte sich um einen Prototypen, der aber mittlerweile in Serie produziert wird.

Bei ersten Tests vor dem Abflug stießen wir auf ein unerwartetes Problem. Die 25P-Bilder schienen extrem zu shuttern, eine Art Strobing-Effekt war zu sehen. In diversen Internet-Chatrooms war dieses Problem bekannt: Es tritt nur bei der PAL-Version der Kamera auf. Eine perfekte Lösung gibt es dafür nicht, aber ein wichtiger Tipp ist es, die Bilder im »Thick«-Mode zu drehen. Das bedeutet weniger feine Linien in der Auflösung, aber eine Entschärfung des Strobings auf PAL-Fernsehern. Eine weitere Hilfe ist es, nur sehr langsam zu schwenken, vor allem wenn sehr feine, kontrastreiche Elemente im Bild zu sehen sind, wie etwa die Fenster einer weißen Hochhausfassade.

Bis auf diese Einschränkungen lieferte die Kamera einwandfreie Bilder. Vor allem die diversen Optionen, das Gamma zu verändern, sind überzeugend. Wir entschieden uns für ein Tageslicht- und ein Nacht-Setting. Solche Optionen habe ich beim Drehen und Testen anderer Mini-DV– oder DVCAM-Camcorder immer vermisst.

Nach wenigen Tagen hatten wir die Protagonisten gefunden: Ein Bruderpaar, 14 und 12, das in den Minen arbeitet. Der ältere Bruder wurde zur Erzählerstimme des Films. Mit ihm erlebten wir die Abenteuer der Mine hautnah und tauchten Tag für Tag immer tiefer in die dunkle Welt der Stollen hinab. Um uns vor dem giftigen Staub zu schützen, trugen wir die meiste Zeit Atemschutz-Masken, die wir noch vor dem Abflug in der Apotheke besorgt hatten. Der eigene Schweiß durchnässte die Masken aber sofort, was das Atmen weiter erschwerte.

Um die Kameras zu schützen, klebten wir alle Öffnungen mit Gaffertape ab und packten sie danach in große durchsichtige Mülltüten. Eine tägliche Prozedur, die viel Zeit kostete, aber unbedingt notwendig war. Als Backup hatten wir noch eine zweite, identische Kamera dabei, die wir aber glücklicherweise nie benötigten. Als Lichtquelle nutzten wir zwei Akkulampen mit Dimmer-Funktion, die wir aus insgesamt drei Akkugürteln speisten. Zusätzlich hatten wir etwa zehn Karbidlampen dabei, die wir meistens direkt ins Bild stellten.

Die Lampen gehören zur üblichen Ausstattung der Mineros und passten dadurch in jeder Beziehung ins Bild. Dank der hohen Lichtstärke des Camcorders reichte die Kombination aus Akkuleuchten und Karbidlampen aus, um ganze Stollenbereiche aus zu leuchten, was den Bildern vor allem mehr Tiefenwirkung gab. Die elektrischen Dimmerlampen konnten von der Farbtemperatur gut anpasst werden und halfen uns, diverse Akzente zu setzen.

Die Mineros arbeiten meist mit offenen Karbidlampen, um den Sauerstoffgehalt der Luft zu kontrollieren. Geht die Flamme aus, hat man nach Erfahrung der Minenarbeiter etwa 5 bis 10 Sekunden, um zu flüchten. Der Sauerstoffanteil der Luft ist dann so weit abgesunken, dass zu bleiben den sicheren Erstickungstod bedeuten würde.

Nach etwa einem Monat Dreharbeiten traten wir die Heimreise an. Die Eindrücke waren vielfältig wie nie zuvor. Noch etliche Tage wachte ich öfter mit geschwollenem Hals auf und hustete kleine Staubpartikel, meine Lunge war recht angeschlagen. Ich war froh, dem Rachen des Teufels wieder entflohen zu sein. Vor der Abreise hatten wir aber noch so etwas wie eine kleine Stiftung eingerichtet, die wenigstens den Hauptakteuren unseres Films eine bessere Zukunft garantieren soll: Wir schicken der Familie nun rund 50 Euro im Monat. Nicht viel, aber genug dafür, dass die Kinder in die Schule gehen können und nicht mehr in den Minen arbeiten müssen.

WEITERE INFOS
In der Info-Zone finden Sie einen Einzeltest des Camcorders AG-DVX100A (bitte hier klicken) und einen Vergleichstest mit dem DSR-PD170 von Sony (bitte hier klicken).

Downloads zum Artikel:

T_0304_IRDT_Ladkani.pdf

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Autor
Richard Ladkani
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