Kommentar, Top-Story: 09.04.2003

Vom Format- zum Speichermedien-Wettstreit

Die Überraschung war perfekt: Während der NAB-Pressekonferenz gab Panasonic bekannt, man werde im professionellen Markt keinen Optical-Disk-Camcorder anbieten, sondern in der Akquisition gleich auf ein Festspeicher-Medium setzen. So plant Panasonic eine Profi-Produktlinie auf Basis der SD-Memory-Card zu entwickeln und zeigte schon zwei Camcorder-Prototypen. Der SD-Speicherchip soll im Profimarkt aber anders eingesetzt werden, als das derzeit bei Handheld-PCs und digitalen Fotoapparaten der Fall ist: Vier SD-Chips werden in einer Karte mit PCMCIA-Abmessungen untergebracht. Panasonic reagierte damit überdeutlich auf Sonys Ankündigungen eines neuen Optical-Disk-Systems für den Profimarkt. Kommt damit nach dem Formatkrieg nun der Kampf der Speichermedien?

Der Wettstreit der Systeme ist mindestens so alt wie die Videotechnik, Sony und Panasonic beharken sich schon jahrzehntelang mit weitgehend inkompatiblen Formaten und Systemen. Diese Tradition begleitet die Broadcast-Branche, seit die ersten Bandmaschinen verfügbar sind.

Die Logik dahinter ist klar: Wer als Hersteller den größten Teil des Marktes mit seinem Format besetzen kann, verschafft sich die besten Voraussetzungen, um über Jahre gut im Geschäft zu sein. Wie perfekt das funktioniert, hat Sony mit dem Betacam-Format bewiesen, das noch heute als optimale Eintrittskarte fürs IMX-Format funktioniert.

Ob nun insgesamt das ständige Ringen der Großen den Markt eher behindert hat oder durch den permanenten Wettbewerb der Ingenieure die technische Entwicklung beflügelt wurde, darüber gehen die Meinungen auseinander. So oder so: Eine Änderung ist nicht in Sicht und beim Kampf um die Vorherrschaft im Markt wird mit harten Bandagen gekämpft. Das dürfte sich auch bei der Frage nach dem Speichermedium der Zukunft nicht ändern.

Zwar werden Sony wie auch Panasonic nicht müde, darauf zu verweisen, dass das Band auch weiterhin existieren und über Jahre hinaus noch im Großteil der Fälle eingesetzt werde, dass die angekündigten Produkte mit den neuen Speichermedien lediglich als Ergänzung zum bestehenden Equipment zu sehen seien. Integration in bestehende Architekturen wird groß geschrieben, der Übergang von der einen zur anderen Speichertechnologie soll offenbar so schmerzfrei wie möglich gestaltet werden. Zudem gehe es ja nicht um ein neues Format, sondern lediglich um ein neues Speichermedium.

Dennoch: Die Zielrichtung ist klar. Wer es schon jetzt schafft, die Kunden auf das eine oder andere Medium ein zu schwören, bringt sich in die Pole-Position, aus der man beruhigt starten kann, wenn das Rennen »richtig« losgeht.

Etlichen krititschen Fragen werden sich die Hersteller aber stellen müssen, bevor sich irgend ein Anwender auf die neuen Speichermedien einlässt: Wie viel Einsparpotenzial bringt es mit? Wie teuer und zuverlässig ist das einzelne Medium? Wie lange hält es? Welche Vorteile bringt es für den Arbeitsablauf? Welche Datenraten lassen sich damit realisieren? Wie steht es ganz generell um die Zukunftsfähigkeit?

Wie so oft wird es dabei nicht nur darum gehen, die bessere Technologie zu haben, sondern auch darum, das beste Konzept für die Integration der neuen Technologie zu liefern.

Panasonic wagt mit dem Speicherchip den größeren Sprung, hat das innovativere Konzept zu bieten. Der Verzicht auf ein Laufwerk mit bewegten Teilen bringt viele Vorteile, das kompakte Medium erlaubt kleine, handlichere Geräte, jeder Zuwachs an Speicherkapazität kann sofort genutzt werden. Aber wird es Panasonic auch gelingen, den eigenen Zeitplan ein zu halten?

Ist Sony auf der sicheren Seite, nicht obwohl, sondern gerade weil man technologisch den kleineren Sprung wagt? Hat Sony allein schon wegen der früheren Verfügbarkeit die Nase vorn? Wird sich die Disk im harten Alltagseinsatz bewähren?

Ein wichtiger Punkt für den Erfolg könnte im eher emotionalen Bereich liegen: Welchem Medium vertrauen die Anwender mehr?

Hier fordert der größere technologische Sprung, den Panasonic wagt, auch von den Anwendern einen größeren Schritt: Letztlich gibt es keinen festen Informationsträger mehr, denn die Speicherchips werden bis auf absehbare Zeit teuer sein, so dass man nicht Unmengen davon vorhalten könnte. So etwas wie ein Originalband, das man bespielt und zumindest solange aufbewahrt, bis die Produktion vollendet und gesichert ist, gibt es beim Panasonic-System nicht mehr. Das kann man durch geänderte, neue Arbeitsabläufe auffangen, aber es ist eben doch eine gefühlsmäßige Umstellung. Vielleicht verlagert der Einsatz von Speicherchips in der Akquisition den Einsatz von Bändern und/oder Scheiben einfach nur aus der Akquisition ins Studio, weil dort sofort Sicherheitskopien hergestellt werden?

Bei Sony bleibt der prinzipielle Ablauf eher traditionell: Bei einem geplanten Preis von 30 Euro pro Scheibe kann man aufnehmen und den Datenträger dann erstmal ins Regal legen, bevor er irgendwann gelöscht und neu bespielt wird.

Vielleicht ist es den Anwendern ja letztlich sogar gleichgültig, ob auf Scheibe oder Chip gespeichert wird, solange das nur im jeweils für richtig gehaltenen Format gerschieht und solange der nonlineare Zugriff schnell und unkompliziert ist? Werden letztlich die einzelnen Produkte und deren Funktionalität entscheiden und gar nicht das Medium? Fragen, die in diesem Wettstreit eine wichtige Rolle spielen und den Markt wohl noch eine ganze Weile beschäftigen, wenn nicht sogar verunsichern werden.

Sie werden sehen.

Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller
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