Kommentar, Top-Story: 01.12.2003

Toys for boys (and girls)

Zum Jahresende geht’s noch mal richtig zur Sache: In Zeitungen, auf Plakaten, in Radio- und TV-Spots wird jeder Einzelne ultimativ aufgefordert, Geld locker zu machen für Schmuck, Uhren, Klamotten und technisches Spielzeug jeder Art. Jetzt buhlt der Einzelhandel mit Handy, Digitalkamera, Home-Cinema- und Computer-Equipment verschärft um die Gunst der Endverbraucher und um Zugang zu deren Geldbeutel.

Selbst wer nur hin und wieder den Wirtschaftsteil der Zeitung liest und nur am Rande das Konsumverhalten seiner Zeitgenossen verfolgt, könnte hierdurch eigentlich zu dem Schluss kommen, der Reiz der (elektronischen) Tech-Toys hätte im Lauf der Jahre abgenommen. Fast jeder, der dafür überhaupt als Kunde in Frage kommt, besitzt doch mittlerweile einen stattlichen Fuhrpark an solcherlei Geräten. Glaubt man aber einer Studie, die TDK Recording Media dieser Tage veröffentlichte, ist jedoch das Gegenteil der Fall. Mehr noch: Diese Studie legt dar, dass halb Europa süchtig ist nach technischen Spielereien, und dass jeder Einzelne dafür im Durchschnitt einen größeren Teil seines Einkommens ausgibt, als je zuvor.

Was dabei kaum überrascht: Vor allem Männer kaufen ein Gerät, weil es irgendeine Funktion bietet, die gerade neu, cool und in ist. Die Studie behauptet sogar, dass mehr als die Hälfte der befragten Männer ihre Tech-Toys allein wegen dieses Kicks auswählen. Für Frauen sei das weniger wichtig, sie kauften ein bestimmtes Gerät in der überwiegenden Mehrzahl wegen der Funktionalität und — kleine aber entscheidende Einschränkung am Rande — häufiger als Männer auch wegen des Designs.

So weit so gut — und eigentlich auch gar nicht überraschend. Verblüffender ist da schon eher die Erkenntnis, dass ein gutes Drittel der Befragten in Deutschland, Frankreich, England, Italien, Spanien und Polen eingestanden hat, lieber daheim zu bleiben und sich mit neuen technischen Spielzeugen zu beschäftigen, als etwa auszugehen und Freunde zu treffen. Oder dass mehr als die Hälfte der befragten 18- bis 25jährigen angibt, gern mal den ganzen Tag in einem Geschäft zu bleiben, um dort mit einem Gerät spielen zu können.

Vielleicht ist diese Form der Fixierung ja ganz schön für den Einzelhandel, im gesellschaftlichen Kontext wirkt das Ganze aber doch eher bedrückend. Da heitert sich die Stimmung doch fast schon wieder etwas auf, wenn man weiter liest, dass die Mehrzahl der Befragten schon kurze Zeit nach dem Kauf eines Tech-Toys dann doch mit Frust zu kämpfen hat: Weil etwa das Gerät nicht so funktioniert, wie erwartet oder – weit banaler – weil man gar nicht mehr damit angeben kann, weil es schon wieder etwas Besseres gibt.

Vielleicht durchbricht ja dann doch der eine oder andere die bekannten Bahnen und kauft nicht einfach den nächsten elektronischen Glücksbringer-Junk, sondern spart sein Geld und investiert dann richtig: Dann ist nämlich das »After-Sales-Experience« einfach um Klassen besser.

Sie werden sehen.

Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller
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