Branche, Top-Story: 06.10.2004

HD-Praxis im Visier

In Zusammenarbeit mit Ottonia Media GmbH, Sony Deutschland und Videor Technical (Fujinon) veranstaltete die Marco Polo Archive Productions GmbH in Halle an der Saale einen kostenfreien HD-Workshop.

In der Region Halle-Leipzig sind etliche Firmen ansässig, die bereits umfangreiche Erfahrung im Umgang mit HD gesammelt haben und das gesamte Spektrum von Produktionsplanung über Durchführung bis zur Postproduktion und Abtastung abdecken. Diese Konzentration von HD-Kompetenz bekannt und Kollegen mit dem neuen Format vertraut zu machen, war Ziel des Workshops. Von über 70 eingegangenen Anmeldungen aus ganz Deutschland konnten nur 36 Filmemacherinnen und Filmemacher berücksichtigt werden, etwa zwei Drittel hiervon Kameraprofis, daneben aber auch Produzenten und Techniker.

Klaus Scheurich, Geschäftsführer der Marco Polo Film AG und der Marco Polo Archive Productions, eröffnete die Veranstaltung am Samstagmorgen.
Er sieht HD als das weltweit kommende Format und befürchtet, dass Deutschland und auch Europa es (mal wieder) verpassen, rechtzeitig auf den Zug aufzuspringen. In seinem Vortrag ging Scheurich der Frage nach, warum die Umstellung auf HD in Deutschland so schleppend vor sich gehe: »Aufgrund des allgemeinen Misstrauens gegenüber der Umstellung auf ein neues Format sowie der erforderlichen Investitionen vertrauen Produzenten und Filmer hierzulande doch eher noch auf ihre Erfahrungen mit Digi Beta-, 16-mm- und 35-mm-Kameratechnik. Eine große Rolle spielt auch das zögerliche Verhalten der Sender und dass es noch viele offene Fragen gibt«
Marco Polo Film produziert seit dem Jahr 2000 Natur- und Tierfilme in HD für den internationalen Markt. Für die Marco Polo Film ist das aus Sicht des Geschäftsführers derzeit ein klarer Marktvorteil, dadurch können auch Sender wie NHK oder Discovery bedient werden. Die hierbei gewonnenen positiven und negativen Erfahrungen an die anwesenden Kameraleute und Produzenten weiter zu geben, war eines der Hauptanliegen des Workshops. Zudem sollte die Stärke der HD-Landschaft Halle-Leipzig unter Beweis gestellt und durch den persönlichen Kontakt neue Netzwerke geknüpft werden.

Reinhard Maurer von Sony Deutschland gab einen Überblick der derzeitigen Situation auf dem Hardware-Markt. Bis zum jetzigen Zeitpunkt konnte Sony demnach weltweit etwa 13.500 HDCAM-Einheiten absetzen, in Europa gibt es bereits 200 HDCAM-Facilities. Maurer sah klare Vorteile für Produzenten, die bereits jetzt auf HD umsatteln, denn die vorhandenen internationalen Märkte seien noch nicht gesättigt. Auch die hohe Kompatibilität des HD-Masters war für Maurer ein großer Pluspunkt : »Für Europa fertigen Sie eine 4:3-Version in PAL, die amerikanischen Kunden erhalten eine NTSC-Version, später kommt noch eine HD-DVD und die E-Cinema-Auswertung.« Diese Vorteile gleichen aus seiner Sicht die momentan noch etwas höheren Anschaffungskosten aus. Langfristig werden sich die Gerätepreise sowohl im Profi- als auch im Consumerbereich dem PAL-Standard angleichen, so Maurer.
Den Durchbruch für HDTV in Europa erwartete Maurer mit der Fußball-WM 2006, obwohl derzeit noch nicht klar ist, ob und wie in HDTV gesendet wird. Maurer setzte auf Premiere als ersten Sender, der in Deutschland HDTV ausstrahlen will. Nach dieser Markteinschätzung gab er den Teilnehmern einen Überblick über die HD-Produktpalette von Sony. Besonders positiv aufgenommen wurde hierbei der neue JH-3 HD-Viewer/Feeder, der eine kostengünstige Kontrolle der HD-Rushes am Set ermöglicht und eine Vielzahl an Format-Optionen bietet.
Von Seiten des Fachpublikums wurde an der derzeitigen Sony-Produktlinie vor allem bemängelt, dass das Auflagenmaß bei jedem Objektivwechsel nachjustiert werden müsse. Hier wäre aus Teilnehmersicht Verarbeitungsqualität wie bei hochwertigen Filmkameras wünschenswert.
(Anmerkung der Redaktion: Reinhard Maurer ist überraschend am 4. September 2004 verstorben)

Jörg Förster, stellvertretender Vertriebsleiter von Videor Technical, sieht die Vorteile von HD-Optiken vor allem in deren extremen Detailschärfe und dem hohen Kontrastumfang (MTF). Dank geringer Toleranzen bei geometrischen und chromatischen Abbildungsfehlern bei den HD-Objektiven werden demnach klare, unverzerrte Bilder möglich.
Die geringe Pixelgröße des HD-Formats, 0,005 mm gegenüber 0,012 mm bei 2K-Film und 0,006 bei 4K, stellen besondere Anforderungen an die Objektive hinsichtlich Lichtstärke, Brillanz und gleichmäßiger Helligkeit der gesamten Bildfläche. Bei den neuen Fujinon HD-Optiken mussten daher laut Förster neue Glassorten und Zuchtkristalle verwendet werden.
Ebenfalls wurden neue Linsen und zusätzliche Float-Gruppen entwickelt. Neben der nahezu kompletten Palette an HD-Objektiven hatte Förster auch den auf der NAB2004 vorgestellten neuen Bildstabilisator TS-P48A im Gepäck.
Auch hier gab es wieder Anregungen aus dem Publikum, besonders gefordert wurde ein 10-12fach-Zoom im langen Brennweitenbereich, z.B. 40-400 mm, wobei eine Ausgangslichtstärke von F 2.5 als ausreichend angesehen wurde. Eine solche Optik wäre aus Sicht der Teilnehmer somit vergleichsweise günstig und leicht und hätte einen breiten Einsatzbereich vor allem im Dokumentarfilm. Die ebenfalls geforderte Erweiterung des Spektrums auf Makro- und Spezialoptiken sei bereits im Gange, antwortete Förster.

Dr. Susanne Dönitz, Geschäftsführerin der Ottonia Media GmbH bot mit ihrem Vortrag eine Übersicht der weltweiten Marktsituation von HD. Anhand von Beispielen aus Asien, Australien und den USA belegte sie den wachsenden Marktanteil der HD-Endverbrauchergeräte. In Deutschland werden laut Dr. Dönitz die ersten Firmen noch in diesem Jahr in die Vermarktung von HD-Geräten für den Heimbereich einsteigen. Da die deutschen Sender in puncto HD-Ausstrahlung noch zurückhaltend seien oder über zu wenig Mittel verfügten, wird ihrer Meinung nach der Markt selbst für die Durchsetzung des HD-Standards sorgen. Bereits heute übertreffe schließlich die Qualität der DVD die des Fernsehbildes und durch zukünftige DVD-Formate wie Blu-ray oder HD-DVD werde der Endverbraucher mehr hoch auflösende Programme verlangen. Dr. Dönitz geht davon aus, dass sich HD aufgrund seiner Qualitäten auch im Event- und Kinosektor schnell durchsetzen werde. Auch sie vermutet, dass im Senderbereich Pay-TV die HD-Pioniere sein werden.
In Bezug auf die Vermarktung von HD-Produktionen berichtete die Ottonia-Geschäftsführerin, dass auch deutsche Sendeanstalten nach HD-Produktionen verlangten, da diese vor allem international ein gewisses Prestige darstellten. Weitere Vorteile für Produzenten sieht Dönitz in der überragenden Bildqualität, die auch nach Down-Konvertierung auf Digi-Beta noch sichtbar höher sei als eine Original Digi-Beta-Aufnahme. Im Kinobereich sei zudem die Produktion auf HD deutlich billiger als auf 35 mm.

Jörg Friedrich konnte mit seinem Vortrag zum professionellen Handling von HDCAMs begeistern. Sein Grund- und Detailwissen verhalfen den Teilnehmern zu einem tiefen Einblick in die HD-Welt.
Aufbauend auf den generellen Unterschieden zwischen Film, Digi Beta und HD ging Friedrich detailliert auf die Besonderheiten im Handling der HDCAMs und deren zusätzliche Möglichkeiten ein. Intensiv wurde die Frage nach dem jeweils richtigen Aufnahmemodus für die verschiedenen Anwendungen diskutiert.
Im praktischen Teil des Workshops wurden die vier verschiedenen HDCAM Modelle HDW 700A, 730, 750PC und 900-3 einer eingehenden Prüfung unterzogen. Bis in die späten Abendstunden nutzten die Filmer die Möglichkeit, unter Anleitung der Kameratrainer in geschlossenen Räumen und im Freien zu experimentieren: Straßenszenen, Naturaufnahmen, Nahaufnahmen, Menschen und Tiere in schnellen Bewegungen – verschiedene Schärfetiefen, unterschiedliche Lichtverhältnisse und diverse Menüeinstellungen.
Am zweiten Workshop-Tag konnte Klaus Scheurich, der gerade einen mehrwöchigen Dreh im südamerikanischen Regenwald beendet hatte, wichtige Praxiserfahrung vermitteln.
Besonders ans Herz legte er den Anwesenden, schon in der Planungsphase die Postproduktion mit einzubeziehen. So muss gleich zu Beginn die Formatfrage, 24p, 25p, 50i oder 60i, geklärt werden. Ausschlaggebend ist hier neben dem Genre vor allem auch die Überlegung, welche Sender bedient werden. Scheurichs Erfahrung nach wird im Dokumentarfilmbereich international überwiegend 1080/60i nachgefragt, weshalb er diesen Standard auch klar bevorzugt. Sendebänder für Deutschland und Europa lassen sich laut Scheurich von einem 60i-Master leicht downkonvertieren.

Hans Fink, Technischer Leiter der Marco Polo Archive Productions GmbH und vielen noch aus seiner »Maz & Movie«- Zeit bekannt, forderte von den Kameraleuten eine Rückbesinnung auf die Konzentration, wie sie bei der Arbeit mit Zelluloid üblich war.
Viele Tugenden sind aus Finks Sicht in den vergangenen Jahren verloren gegangen, die für die hohen Ansprüche des HD-Formats wieder beachtet werden sollten. Mangelnde Sorgfalt im Umgang mit der Kamera birgt für ihn die Hauptfehlerquellen, die von dem hoch auflösenden Format gnadenlos aufgezeigt werden. Am häufigsten treten aus Finks Praxiserfahrung Schärfefehler durch falsches Auflagenmaß auf, wobei dann häufig versucht wird, dies beim Dreh durch Kontrast- und Detailanhebung auszugleichen. Diese Änderungen lassen sich jedoch in der Postproduktion nicht mehr beseitigen.

Am Ende des Workshops war bei den meisten Teilnehmern nach eigener Aussage das Interesse an HD geweckt. Viele von ihnen waren begeistert von den Möglichkeiten der neuen Technik und der Qualität der Bilder. Sicherlich wird man bald von dem einen oder anderen Teilnehmer in Verbindung mit einem HD-Projekt hören.
Teilnehmer und Veranstalter waren mit der Qualität und dem Ergebnis des Workshops sehr zufrieden. Man war sich einig, eine Veranstaltung dieser Art bald wieder durch zu führen.

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Die Vollversion des Veranstaltungsberichts enthält im Unterschied zur Online-Version zusätzlichen Text und Bilder. Das Dokument ist rund 200 kB groß und vier DINA4-Seiten lang.

Downloads zum Artikel:

T_1004_HDWorkshop.pdf

Autor
Katrin Heintschel
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