Editorial, Kommentar, Top-Story: 22.01.2007

Ist Sony zu moralisch?

Dass sich in den ersten Jahren der Consumer-Video-Ära das schlechtere VHS-System gegen Betamax und Video2000 durchsetzen konnte, wird immer wieder darauf zurückgeführt, dass auf VHS-Kassetten von Beginn an Pornos verfügbar waren, während sich die Erfinder der anderen Systeme, Sony und Grundig/Philips, zumindest offiziell gegen pornografische Inhalte auf ihren Kassettensystemen sperrten. Dass dies beim Erfolg von VHS zumindest eine Rolle gespielt hat, soll hier gar nicht in Abrede gestellt werden.

Nun kochte vor kurzem eine Geschichte hoch, bei der sich offenbar einige an diesen Sachverhalt erinnerten und genauso messerscharf wie vorschnell schlossen, die Blu-ray Disc (BD) habe aus dem gleichen Grund das Rennen um die DVD-Nachfolge schon verloren.

Im Sands Expo Center in Las Vegas findet einmal jährlich eine große Pornomesse statt, die AVN Adult Entertainment Expo. Dort erläuterte ein Pornoproduzent und -Regisseur namens Joone einem Reporter von Heise Online, dass er seine Werke zwar eigentlich gern auf BD veröffentlichen würde, weil er deren Technologie für besser halte, nun aber gezwungen sei, auf HD-DVD zu setzen: Sony habe die von ihm angefragten Kopierbetriebe unter Druck gesetzt und damit unterbunden, dass die Pornos des Herrn Joone auf BD gepresst werden. Heise Online schreibt: »Die Unternehmen hätten übereinstimmend angegeben, dass ihnen Sony mit der Entziehung der Blu-ray-Lizenz gedroht habe, wenn sie Pornos auf den HD-Scheiben produzierten.«

Sofort tobten die Gerüchte, die BD wurde blitzschnell totgesagt und schließlich reagierte Sony: Zwar habe sich die Sony-Tochter DADC entschlossen, keine Pornos auf BD zu pressen, aber von einem generellen Verbot und der Drohung mit Lizenzentzug könne keine Rede sein. Das ist glaubwürdig, weil Sony über die Vergabe von BD-Lizenzen keineswegs allein entscheidet, sondern mittlerweile rund 170 Unternehmen zur Blu-ray-Association gehören, die sich garantiert von Sony keine Vorschriften machen lassen würden.

Tatsächlich ist es ein offenes Geheimnis, dass sich keineswegs immer die beste Technologie etablieren kann, sondern dass stets allerlei andere Faktoren über die Marktdurchsetzung entscheiden. In der Unterhaltungselektronik ist Pornografie ganz offenbar einer davon. Aber wenn sich, wie Panasonic meldet, mehr als 80 Prozent der großen Filmstudios für BD entschieden haben, spielt das eben auch keine ganz unwesentliche Rolle. Und es kommen noch viele weiter Aspekte dazu: So gilt etwa der Kopierschutz der HD-DVD mittlerweile schon als geknackt. Aufgrund eines Fehlers in einer Abspiel-Software soll ein Programmierer mit dem Pseudonym muslix64 an den Schlüssel zum Dekodieren von HD-DVD-Inhalten gelangt sein. Er musste also gar nicht das Verschlüsselungsverfahren selbst knacken, sondern konnte sich relativ bequem einen Dietrich beschaffen. Beflügelt das nun die Verbreitung von HD-DVD oder bremst es sie, weil die Rechteinhaber nun weniger Inhalte auf HD-DVD anbieten werden?

So oder so: Pornografie und Hackerangriffe könnten also eine Rolle dabei spielen, durch welches Gerät Sie irgendwann Ihren DVD-Player ablösen — auch wenn Sie mit beidem gar nichts am Hut haben.

Sie werden sehen.

Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller
Schlagwortsuche nach diesen Begriffen
Editorial, Kommentar, Top-Story