2026_10_Blackmagic_Leader

Anzeige

Auf allen Kanälen

Spielfilme gehören ins Kino und Nachrichten ins Fernsehen. Es ist schon lange her, als diese Regel mal galt. Mit den ersten Spielfilmen im Fernsehprogramm begann die Vermischung. Und heute: Bei großen Sport-Events zieht es die Menschen zum Public Viewing, Kinos denken laut darüber nach, nicht nur Spielfilme, sondern Live-Übertragungen besonderer Ereignisse und Veranstaltungen zu zeigen, an jedem Flughafen und Bahnhof laufen Nachrichten auf Flachbildschirmen, in vielen Bars und Restaurants wird Sport gezeigt. Spielfilme sehen viele nur noch auf DVD oder am PC. Web-TV und Handy haben eine ganz neue Art von Videoschnipsel-Konsum erschaffen.

Mehr als 95 % der deutschen Haushalte verfügen laut Statistik über ein TV-Gerät, fast die Hälfte über zwei oder mehr. Da ist klar, wo auf absehbare Zeit der Schwerpunkt für die Verbreitung von Bewegtbild liegen wird. Dennoch deutet vieles darauf hin, dass das klassische TV-Modell langsam aber sicher in Bedrängnis geraten wird. Hauptgrund: Die anderen Verbreitungswege und Nutzungsarten nehmen zu, der bisher übliche Fernsehkonsum verändert sich. Eine Vielzahl der Konsumenten nutzt mehrere Kanäle, um sich zu informieren und zu unterhalten: Das Seh- und Nutzungsverhalten im Umgang mit Medien hat sich in den vergangen Jahren drastisch verändert.

Für klassische Broadcaster hat das unterschiedliche, teilweise dramatische Konsequenzen. Wenn es in Zukunft andere, angenehmere und flexiblere Möglichkeiten gibt, Spielfilme und Serien zu sehen, dann wird ein TV-Programm, das sich genau hierauf konzentriert, Anziehungskraft einbüßen. Die Orientierung in Richtung neuer Verteilsysteme ist eine logische Folge und für jeden »klassischen« Free-TV-Broadcaster unvermeidlich. Wer aber andere Inhalte anbietet, der wird ebenfalls nicht umhin können, sein Programm auf möglichst vielen Kanälen an den Zuschauer zu bringen und für unterschiedlichste Empfangsgeräte aufzubereiten. Wer nicht mitzieht, verliert mittelfristig den Kampf um die Quote und die Gunst des Publikums: Das ist der Grund für das Ringen der privaten und öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland, wenn es um die Internet-Angebote der Sender geht.

Weiterer Aspekt des Wandels: Die Werbebudgets, von denen viele TV-Sender in Deutschland leben, werden immer weiter aufgesplittet. So fließt ein derzeit noch vergleichsweise kleiner, aber wachsender Anteil in »virale« Werbeformen: Videos, die fürs Web produziert werden und zuerst gar nicht als Werbung erkennbar sind, aber wegen ihres lustigen oder ungewöhnlichen Inhalts vom überwiegend jugendlichen Zielpublikum selbst via Internet und Handy weiterverbreitet werden.

Aus Broadcaster-Sicht ist aber nicht nur der Verteilweg — die Distribution — vom Wandel im TV-Geschäft betroffen, sondern es ergeben sich auch Effekte für das andere Ende der Produktionskette: Mehr, schneller und billiger produzieren, den akquirierten Content besser verwalten und schneller weiterverarbeiten, das wird für viele Broadcaster spielentscheidend sein. Nur wer seine Berge von Inhalten im Griff hat, wer schnell das nötige Material findet, wer es in unterschiedlichsten Formaten auswerten kann, kann weiterhin in einer Medienwelt bestehen, die immer vielfältiger wird und deshalb immer mehr Effizienz abverlangt. Re-Purposing heißt eines der Zauberwörter hierfür, das aber auch in anderen Bereichen passt: Archive dürfen künftig nicht nur Geld kosten, sondern müssen welches einspielen. Seinen einmal akquirierten Content rasch auf unterschiedlichsten Kanälen auszuwerten und dann lange verfügbar zu halten, so lautete das Rezept, um an der »Long-Tail-Economy« teilzuhaben.

Was bedeutet das in der Praxis? Traditionelle Herstellungs- und Arbeitsprozesse müssen aufgelöst und verändert werden — und das geht nun mal gerade bei großen Sendern nicht immer ganz einfach. Vielfach müssen ganz unterschiedliche Bereiche und Berufsbilder zusammengelegt und festgefahrene Arbeitsweisen angepasst werden, was nur in den seltensten Fällen ohne massive Reibungsverluste geht.

Diese Situation ist Fluch und Segen zugleich: Wer sich als Broadcaster schnell umstellt, verschlankt, diversifiziert und seine Produktionsprozesse anpasst, kann neue Zuschauer erreichen und zusätzliche Märkte ansprechen — wer den alten Mustern verhaftet bleibt, muss damit rechnen, auf lange Sicht seine Marktposition einzubüßen und Zuschauer zu verlieren.

Für die Hersteller sind diese Veränderungen nicht minder umwälzend: Ihre Produkte müssen flexibel und modular aufgebaut sein, offene Standardschnittstellen und möglichst viele Exportmöglichkeiten bieten. Mit diesen Anforderungen kommen nicht alle Hersteller zurecht, bisweilen scheint es sogar so, als hätten vermeintlich fortschrittliche Software-Unternehmen damit noch mehr Schwierigkeiten als traditionelle Broadcast-Anbieter.

Bei allen Unwägbarkeiten des Marktes dürfte allerdings eines sicher sein: die Zuschauer werden sich schneller an neue Situationen anpassen, als manche Broadcaster oder Hersteller — und wer mit diesem Tempo nicht mithalten kann, wird es schwer haben.

Sie werden sehen.

Autor: C. Gebhard, G. Voigt-Müller

2026_10_Aja_Leader

Anzeige

2026_10-Canon_rec

Anzeige

Most Popular

2026_10_Aja_rec

Anzeige

Newsletter

Keine Story mehr verpassen und
einfach den Newsletter abonnieren!

2026_10_Lawo_rec

Anzeige

PLATIN

NEP Germany
BFE
Sony Professional Europe
Clear-Com
AJA Video Systems
Adobe
TVN LIVE PRODUCTION
Mediatec
EVS
VIDI
TV SKYLINE
Riedel Communications
Broadcast Solutions GmbH
Panasonic Connect
EIZO
KST Moschkau GmbH
MoovIT GmbH
CGI Deutschland B.V. & Co. KG

Medientage München

Bei den 40. MEDIENTAGEN München vom 21. bis 23. Oktober 2026 stehen mehr als 100 Sessions, Keynotes, exklusive Masterclasses und Meetups auf dem Programm.
München
21.-23. Oktober

Logic Roadtrip

Ein Event rund um softwarebasierte Medienproduktion. Gemeinsam mit sieben Technologiepartnern wird eine durchgängige Referenzarchitektur vorgestellt, Lösungsbeiträge werden eingeordnet und Erfahrungen aus der Praxis geteilt.
Diverse
2.-5. November

FKTG-Fachtagung 2026

FKTG-Fachtagung 2026.
Wuppertal
10. bis 12. November

Hamburg Open

Hamburg Open gibt KI eine eigene Zone, widmet Kamera- und Lichttechnik die Cine & Camera Area und baut mit dem Corporate Video Village den Bereich Unternehmensvideo aus.
Hamburg
20.-21. Januar 2027

ISE 2027

Die ISE 2027 wächst über Barcelonas Gran Via hinaus, geht stärker in Richtung Content, Kreativtechnik und Bildung – und holt mit einem eigenen Studio die Broadcast-Produktion in die Unternehmenswelt. Unter
Barcelona
2.-5. Februar 2027