Editorial, Kommentar, Top-Story: 14.04.2008

Messe auf Bewährung

Die NAB2008 unterscheidet sich von ihren Vorgängern der vergangenen Jahre unter anderem dadurch, dass sich Apple und Avid bekanntermaßen dazu entschlossen haben, keine eigene Standfläche zu buchen. In den Vorjahren hatten beide Firmen in der South Hall des Las Vegas Convention Centers große Stände aufgebaut. Nun wird die NAB natürlich keinesfalls zugrunde gehen, weil zwei von rund 1.600 Ausstellern nicht mehr dort ausstellen wollen.

Die Aussteller kommen in diesem Jahr laut Veranstalter aus 40 Ländern, 550 davon haben ihren Firmensitz außerhalb der USA. Im Vorjahr lag diese Zahl noch bei 470, woraus die NAB eine wachsende Bedeutung der Veranstaltung ableitet und dies auch mit den »International Pavilions« untermauert, Gemeinschaftsständen wie etwa dem Bavarian Pavilion, Belgian Pavilion, China Pavilion, Italian Pavilion und dem UK@NAB Pavilion, an denen jeweils mehrere Unternehmen aus den genannten Ländern. Erstmals gibt es auch einen brasilianischen und einen indischen Pavillon.

Der Ruf der NAB als unantastbare Nummer 1 der Broadcast-Messen ist durch das Fernbleiben der beiden "A"-Firmen aber dennoch ein wenig angekratzt, denn Apple und Avid haben bei realistischer Betrachtung eine gewisse Sonderstellung unter den Ausstellern. Besonders wohlmeinende Beobachter sehen gar eine gewisse Strahlkraft bei den Unternehmen und schätzen sie immer noch als »junge Wilde« ein — beides kann man natürlich auch ganz anders sehen. Zweifellos können aber beide auf deutliche Innovationen verweisen, mit denen sie in früheren Jahren den Markt prägten — über ihr eigentliches Hauptbetätigungsfeld innerhalb der Broadcast- und Profi-Video-Branche hinaus. Ein Beispiel: Alteingesessene Firmen wie Sony, Panasonic und JVC können heute neue Formate nur dann rasch und erfolgreich auf breiterer Basis in den Markt einführen, wenn mindestens eine der beiden Firmen dieses Format mit seinen Schnittsystemen unterstützt.

Nun wenden sich also Avid und Apple von der NAB ab und natürlich gibt es unterschiedlichste Spekulationen darüber, was wohl die »wahren« Gründe für die NAB-Verweigerer waren, weg zu bleiben: Geht es Avid nur darum, Geld zu sparen? Hat Apple das Interesse am Broadcast-Markt verloren? Das sind die beiden häufigsten Flurparolen, die natürlich von beiden bestritten werden.

Diese letztlich fruchtlose Diskussion soll hier gar nicht weiter betrieben oder angereichert werden: Fakt ist, Avid und Apple sind in den Ausstellungshallen nicht mit eigenen Ständen präsent und deshalb steht die NAB2008 unter besonderer Beobachtung: Wie bewährt sich die Messe ohne die beiden symbolträchtigen Verweigerer? Ist das der Anfang vom Ende, beginnt nun der Exodus? Wie wirkt sich die Absenz auf die Besucherzahl und das Besucherinteresse aus?

Viele fragen sich ohnehin schon länger, ob sich der enorme Aufwand lohnt, der bei den Broadcast-Messen getrieben wird, ob die explodierenden Kosten auf dem Messegelände und im Umfeld der Messe in einem vernünftigen Verhältnis zum Nutzen und Ertrag der Veranstaltungen stehen.

Das sind durchaus berechtigte Fragen. Aber die Beantwortung fällt offenbar auch innerhalb der Unternehmen selbst keinesfalls einheitlich und klar aus. Ähnlich wie Panasonic während der IBC2007 zwar eigentlich gar nicht ausstellte, aber doch mit Besprechungsräumen und Kunden-Events in Amsterdam präsent war, machen es nun in Las Vegas Avid und Apple: Beide sind auf mannigfaltige Weise doch da, sie haben nur keinen eigenen Stand.

So kann das aber auf Dauer nicht funktionieren: Eine Messe als Magnet nutzen, aber dort nicht ausstellen und damit die Wirkung des Magneten reduzieren, das führt in die Sackgasse. So bleibt zu hoffen, dass hier ein Prozess in Gang kommt, an dessen Ende etwas Besseres steht, als die momentane Situation und die komplette Zersplitterung in zahllose Mikro-Events, die dem Endkunden jeweils nur einen einseitigen, kleinen Ausschnitt der Branche präsentieren.

Die Meinungen zur NAB sind divergent: Quantel und Autodesk etwa sprachen sich in ihren Pressekonferenzen eindeutig Pro-NAB aus und wiesen auf die positiven Aspekte der Messe hin. Man kann die NAB lieben oder hassen und — was gern vergessen wird — ihr auch gleichgültig und leidenschaftslos gegenüberstehen: Eine Branche ohne Fixpunkte und zentrale Events, ohne Leistungsschau und Markt der Möglichkeiten hat aber definitiv ein Problem. So bleibt abzuwarten, ob sich die NAB aus Sicht der Aussteller weiter bewährt und wie sich Avid und Apple und alle, die es ihnen gleichtun wollen, die Zukunft vorstellen.

Sie werden sehen.

Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller
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