Editorial, Kommentar, Top-Story: 17.03.2010

Wollen Sie das wirklich wissen?

Alle britischen Monarchisten mögen bitte die vielleicht verwerfliche Frage verzeihen: Erinnern Sie sich noch an Prinz Andrew?

Ja, das ist der kleine Bruder von Prinz Charles. Als er noch jünger war, nannte ihn die Yellow Press im eigenen Land gern »Randy Andy«, und das vorangestellte Beiwort würde man im Deutschen als rallig, scharf oder geil übersetzen. Dann gab es im Zusammenhang mit der aktuellen Nummer 4 in der britischen Thronfolge noch die Sache mit Fergie und vor ein paar Jahren eine kleine Finanzunstimmigkeit. Aber inzwischen ist es doch deutlich ruhiger geworden um den Dauerprinzen. So ruhig, dass sicher viele Menschen sehr dankbar waren, als kürzlich eine Eilmeldung durch etliche Broadcast-Fachmedien preschte: Prinz Andrew hatte als Ehrengast an einem Stereo-3D-Event teilgenommen, zu dem das britische Generalkonsulat und Quantel im indischen Mumbai geladen hatten. Wahnsinn, oder? Das ist doch garantiert der Typ von Information, dem Sie in höchster Anspannung entgegenfiebern, wenn Sie ein Fachmedium lesen.

Dort wollen Sie natürlich auch lesen, dass Thomas Riedel von der gleichnamigen Interkom-Firma in Vancouver das olympische Feuer tragen durfte. Das war ganz sicher ein sehr schönes Erlebnis für ihn. Können Sie jetzt überhaupt noch weiterarbeiten, nachdem Sie diese überwältigende Nachricht auch bei uns erhalten haben?

Einige Medien haben diese außerordentlich bedeutenden Meldungen per Cut, Copy und Paste unmittelbar an ihre Leser weitergereicht. Heute wollen auch wir Ihnen — quasi als Vorboten des Frühlings — den Inhalt ähnlich epochemachender Depeschen nicht vorenthalten und Sie mit einem Feuerwerk weiterer Topmeldungen bombardieren, die Ihren Puls beschleunigen und Aha-Effekte auslösen werden.

Wussten Sie etwa, dass eine Notfallzentrale in Vancouver für die Darstellung ihrer Notfallkarten auch schon während der olympischen Winterspiele einen Christie-Projektor einsetzte? Das wollen Sie doch in der Olympia-Berichterstattung eines Broadcast-Mediums lesen.

Aber es kommt noch besser: Die koreanische Firma Tao Tech hat mit Kim Sung Park einen neuen Account Manager für den Bereich Asia Pacific eingesetzt. Das wird die gesamte Branche umkrempeln! Und haben Sie auch schon erfahren, dass es den neuen Synchronizer TZ-E25A jetzt auch in der Gehäusefarbe Champagner gibt? Und dass die Firma AAA-Broadcast seit Februar auch die IP-Controller des Herstellers Novixio vertreibt?

Gut, die letzten drei Meldungen haben wir typnah erfunden, aber die ersten drei Beispiele sind tatsächlich bei der Redaktion eingegangen. Würde man das alles veröffentlichen, wäre das Ergebnis aber in beiden Fällen letztlich dasselbe: eine vollkommen überflüssige Nachricht. Der wichtigste Unterschied bestünde allenfalls noch darin, dass in den erfundenen Meldungen mehr Arbeit und kreative Leistung steckt, als wenn man einfach nur beliebige Pressemitteilungen durchreicht.

Hauptsache wir haben Traffic: Mit siebzig »Branchenmeldungen« täglich, die direkt »von meinem iPhone gesendet« online gehen, adressieren wir 200.000 registrierte Nutzer aus 74 Ländern und erzielen damit 89 Bazillionen Page Impressions täglich. Toll, oder?

Vielleicht sind Sie aber auch der Meinung, dass es in Zeiten des Internets immer weniger auf die Quantität, sondern auf die Qualität der Informationen ankommt? Dass es besser ist, wenn überhaupt nur die relevanten Informationen zu Ihnen durchdringen und es Ihnen erspart bleibt, sich durch Berge von Info-Müll zu ackern, wo PR-Geklingel, sinnloses »Uns gibt‘s auch noch« und »Wir sind wichtig« langsam vor sich hin gammelt.

Die Redaktion von film-tv-video.de jedenfalls tickt so: Wir wollen Sie nur mit dem versorgen, was für unsere Branche wichtig ist. Den ganzen Rest können Sie anderswo lesen. Oder auch nicht.

Sie werden sehen.

Autor
C. Gebhard, G. Voigt-Müller

Bildrechte
iStockphoto

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