Editorial, Kommentar, Top-Story: 13.12.2012

Gelbschalige Früchte überall

Wissen Sie, was ein Bananenprodukt auszeichnet? Es reift beim Kunden.

Früher war das mal eine Schmähkritik für halbgare Produkte, die nur einen Teil der gewünschten und bestellten Funktionalität boten und die dann noch x-mal nachgebessert werden mussten. Und heute? Heute ist das die Normalität, an die wir uns alle mehr oder weniger gewöhnt haben. Dass versprochene Funktionalität mit einem späteren Firmware-Upgrade nachgereicht wird, dafür schämt sich praktisch niemand mehr — auch nicht in unserer Branche, in der man früher japanische Ingenieure davon abhalten musste, sich in ihr Samurai-Schwert zu stürzen, wenn das von ihnen entwickelte Produkt einen Fehler aufwies.

Vielleicht ist das eine der Downsides, die der Siegeszug der IT-Technologie mit sich bringt. Nicht nur die Technologien selbst und deren Vorteile, sondern eben auch die weniger schönen Gewohnheiten und Unarten der Software-Branche sind mittlerweile in der Film- und Fernsehwelt omnipräsent: Immer seltener gibt es noch ein fertiges Produkt, sondern immer nur einen aktuellen Entwicklungsstand — der eben irgendwann zum finalen Entwicklungsstand wird, weil es schon längst neue Hardware oder ein neues Betriebssystem gibt und es sich deshalb nicht mehr lohnt, die letzten Bugs noch zu entfernen oder die Funktionalität tatsächlich noch auf den bei der Produkteinführung versprochenen Stand zu bringen. Oder weil das Produkt eine andere Entwicklungsrichtung eingeschlagen hat …

Hat denn Ihr Camcorder oder Ihre DSLR-Kamera die neueste Firmware? Wenn die Geräte jüngeren Datums sind, lässt sich diese Frage oft gar nicht so leicht beantworten — wenngleich dies drastische Unterschiede in der Funktionalität bedeuten kann. Die Zeiten, in denen ein Camcorder zum Zeitpunkt x nämlich einen ganz bestimmten, vielleicht sogar fixen und nicht upgrade-fähigen Funktionsumfang bot, sind eben auch schon längst vorbei.

Stattdessen hat sich die Gewohnheit eingeschlichen, dass der Hersteller schon zum Zeitpunkt der ersten Ankündigung davon redet, dass der Camcorder bei der Auslieferung nicht alle angekündigten Funktionen bieten werde, diese aber mit dem ersten Firmware-Upgrade nachgereicht würden. Sony etwa kündigt für seine neue XAVC-Produktlinie schon jetzt noch höhere Frameraten an, die allerdings möglicherweise erst in einem nächsten Update verfügbar werden könnten. Ganz nach dem Motto: Sorry, bei ihrem Auto funktioniert der fünfte Gang nicht, den rüsten wir aber bei der ersten Inspektion nach.

Blackmagic legt bei seiner Digital Cinema Camera ebenfalls großen Wert auf das Thema Firmware, und im Forum bei Blackmagic diskutieren viele darüber, welche Funktionen denn das nächste Firmeware-Upgrade der Kamera bieten sollte oder werde.

Meister der Firmware-Ankündigungen ist allerdings die Foto-Abteilung von Canon. Die ließ schon im Oktober dieses Jahres wissen, dass es ein Firmware-Upgrade für die Canon EOS Mark III geben werde — und zwar im April 2013. Jetzt wissen wir wenigstens schon, was uns im kommenden Jahr erwartet — falls nicht in der kommenden Woche mit dem Ende des Maya-Kalenders die Welt untergeht.

Aber zurück zum Kern: Für den, der sich neues Equipment zulegen möchte, sind all die Firmware-Ankündigungen natürlich kein Spaß, denn auf dem Papier können mittlerweile, etwas übertrieben gesprochen, alle Kameras alles — zumindest irgendwann. Und ziemlich sicher mit einem der nächsten Upgrades …

Auch wenn wir im Grunde davon ausgehen, dass Ende der kommenden Woche nicht die Welt unter-, sondern die Sonne endlich wieder von Tag zu Tag ein bisschen früher auf- und einen Tick später untergeht: Vielleicht wäre es besser, Produkte daran zu messen, was sie heute tatsächlich können — und nicht daran, was ihnen möglicherweise später mal per Firmware-Upgrade implantiert wird.

Sie werden sehen.

Autor
Christine Gebhard, Gerd Voigt-Müller
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